Familienunternehmen 09.02.2017 Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Der Mittelstand in Groß

In Deutschland gibt es fast 4.700 familiengeführte Unternehmen, die nach EU-Definition zwar zu den Großunternehmen zählen, aufgrund ihrer Strukturen aber Mittelständler sind. Definitiv groß ist allerdings ihr Beitrag zur deutschen Wirtschaft.

Kernaussagen in Kürze:
  • Fast 4.700 Großunternehmen in Deutschland befinden sich in Familienhand – und tragen dadurch typisch mittelständische Züge.
  • Je Einwohner gerechnet haben Baden-Württemberg und Bayern von allen Flächenländern die meisten großen Familienunternehmen, nur sehr wenige finden sich dagegen in Ostdeutschland.
  • Viele dieser Familien-Großunternehmen sind „Hidden Champions“ – Weltmarktführer in ihrem Nischensegment.
Zur detaillierten Fassung

Deutschland gilt als Land des unternehmerischen Mittelstands – das sind nach EU-Definition kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die weniger als 250 Mitarbeiter haben und einen Jahresumsatz von maximal 50 Millionen Euro erwirtschaften. An dieser Elle gemessen, laufen Frankreich, Italien und sogar Spanien der Bundesrepublik in Sachen Mittelstand allerdings zahlenmäßig den Rang ab. Ist die Stärke des deutschen Mittelstands also eine Mär?

Keineswegs. Jedenfalls dann nicht, wenn man Mittelstand nicht allein anhand der Beschäftigtenzahl und des Jahresumsatzes definiert, sondern auch an den typisch mittelständischen Qualitäten: Diese Unternehmen sind eigentümergeführt oder werden von der Eignerfamilie kontrolliert. Sie setzen – im Gegensatz zu typischen Großunternehmen – auf Eigenmittel statt Kredite, sie halten auch in Krisenzeiten an ihren Mitarbeitern fest und verlassen ihren Heimatstandort nur ungern – auch wenn sie Auslandswerke aufbauen, um die wachsende Nachfrage zu bedienen.

Laut Institut für Mittelstandsforschung Bonn gab es 2014 genau 4.686 große Familienunternehmen, die zusammen 18 Prozent aller Arbeitsplätze in Deutschland stellten.

Wo die großen Familienbetriebe sitzen ...

Absolut gerechnet führt Nordrhein-Westfalen mit knapp 1.200 Firmen das Bundesländerranking an. Doch pro 100.000 Einwohner gerechnet hat NRW nur 6,3 Großunternehmen in Familienhand und landet damit auf Platz drei der Flächenländer – hinter Baden-Württemberg mit 7,4 und Bayern mit 6,8 großen Familienunternehmen je 100.000 Einwohner (Grafik).

Auf noch höhere Werte kommen die Hansestädte Hamburg und Bremen. Hamburg hat mit 10,6 großen Familienunternehmen je 100.000 Einwohner zwar die höchste Dichte. Absolut gesehen aber gibt es in dem Stadtstaat nur 198 Unternehmen dieser Art – Baden-Württemberg kommt dagegen auf 830 Firmen, Bayern sogar auf 914.

Am Ende der Rangliste finden sich die fünf ostdeutschen Bundesländer, die auch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung zusammen nur 209 große Familienunternehmen beheimaten. In der ehemaligen DDR waren private Unternehmen – außer Kleinstbetriebe – verboten; und von den nach der Wende gegründeten oder reprivatisierten Betrieben sind bislang nur wenige aus dem KMU-Segment herausgewachsen.

Auch in der Hauptstadt ist die Dichte mit 2,6 Firmen je 100.000 Einwohner sehr niedrig, doch das könnte sich angesichts der vielen wachstumsstarken Start-ups bald ändern. Das Ziel dieser innovativen Gründungen (siehe iwd.de: „Gründer in Europa starten durch“) ist zwar meist, das Unternehmen zu verkaufen oder an die Börse zu bringen, doch könnte auch so manches Familienunternehmen dabei herauskommen.

... und wo die größte Investitionsfreude herrscht

Hier zeigen sich ebenfalls große regionale Unterschiede, insbesondere zwischen Ost und West. Am kräftigsten investieren die großen Familienunternehmen in Rheinland-Pfalz, Berlin, Niedersachsen, Hessen und Bayern. Die wenigen Familienunternehmen in den ostdeutschen Flächenländern investieren dagegen kaum, sodass sich am Rückstand gegenüber dem Westen so schnell nichts ändern dürfte.

Branche, Umsatz und Beschäftigung

Fast ein Drittel der großen Familienbetriebe kommt aus der Industrie. Diese Unternehmen beschäftigen im Schnitt fast 2.000 Mitarbeiter und sind mit durchschnittlich 585 Millionen Euro Umsatzspitzenreiter (Grafik).

Arbeitgeber Nummer eins sind die Familienbetriebe aus dem Segment Unternehmensdienste und Holdings, von denen wiederum rund die Hälfte zu den Industrieholdings zählt. Mit durchschnittlich gut 2.300 Mitarbeitern sind sie groß genug, um auf den Weltmärkten zu bestehen.

Viele große Familienunternehmen sind heimliche Weltmarktführer.

Nicht wenige große Familienunternehmen sind sogenannte Hidden Champions: Mit ihren oft hochspezialisierten Produkten zählen sie zu den Top 3 in der Welt, sind aber in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Die Wettbewerbsvorteile der heimlichen Weltmarktführer beruhen meist auf der Differenzierung. Ob es sich um Spezialsteckverbindungen, Hochhausfassaden, Pistenraupen oder Tunnelbohrmaschinen handelt – diese Unternehmen besetzen einen Nischenmarkt und entwickeln einzigartige Produkte.

Die notwendige Größe kommt durch die globale Ausrichtung zustande – auch ein kleines Marktsegment ist für einen großen Mittelständler ausreichend, wenn das Unternehmen gleichzeitig die Märkte in Europa, Amerika und Asien bedient. Für Massenproduzenten dagegen sind diese Nischen relativ uninteressant. Denn sie müssten dem bisherigen Marktführer – dem Hidden Champion – jeden einzelnen nationalen Markt abnehmen. Und selbst wenn das gelänge, wären die Stückzahlen für Massenproduzenten kaum attraktiv.

Durch ihre Spezialisierung vermeiden die Hidden Champions den Wettbewerb allein über den Preis. Bei den großen Familienunternehmen insgesamt drückt sich dies durch eine stabile Umsatzrendite von 3,3 Prozent (2014 und 2015) aus; in der Industrie waren es 3,9 Prozent.

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