Der Innovationsstandort Deutschland schwächelt
Die deutsche Wirtschaft ist seit jeher forschungs- und patentstark. Doch in den vergangenen Jahren haben zahlreiche andere Länder ihr Innovationstempo deutlich gesteigert, sodass der Anteil Deutschlands am Patentweltmarkt spürbar gesunken ist. Der Forschungsstandort Deutschland braucht dringend Hilfe.
- Der Anteil Deutschlands an den weltweiten transnationalen Patentanmeldungen ist von 2000 bis 2022 um fast 7 Prozentpunkte auf 15 Prozent gesunken.
- Der Anteil an den weltweiten FuE-Aufwendungen der Wirtschaft ist zwischen 2008 und 2021 von 8,5 auf 5,6 Prozent zurückgegangen.
- Vor allem die überbordende Bürokratie, lange Genehmigungsverfahren und eine unzureichende steuerliche Forschungsförderung bremsen die Firmen hierzulande aus.
Wohlstand sichern, den demografischen Wandel bewältigen, die klimapolitische Wende meistern – all dies schafft Deutschland in den kommenden Jahren nur, wenn die Wirtschaft floriert. Dies wiederum kann nur gelingen, wenn vor allem die Industrie – als Treiber der privatwirtschaftlichen Forschung – patentfähige Innovationen entwickelt, die die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland steigern.
Doch genau hier liegt das Problem – eine Studie des IW und der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass Deutschland im internationalen Innovationswettlauf seit der Jahrtausendwende an Boden verloren hat:
Forschung und Entwicklung (FuE). Im Jahr 2021 – neuere länderübergreifende Daten sind nicht verfügbar – investierte die deutsche Wirtschaft in realer und kaufkraftbereinigter Rechnung 86,6 Milliarden Dollar in die Erforschung und Entwicklung neuer Produkte und Prozesse. Das bedeutete gegenüber dem Jahr 2000 eine Steigerung um 56 Prozent.
Dieses Plus relativiert sich allerdings, wenn man schaut, wie sich die FuE-Ausgaben der Wirtschaft weltweit seit 2008 – für frühere Jahre liegen keine vollständigen Daten vor – entwickelt haben (Grafik):
Der Anteil Deutschlands an den weltweiten FuE-Aufwendungen der Wirtschaft ist zwischen 2008 und 2021 von 8,5 auf 5,6 Prozent zurückgegangen.
Im FuE-Ranking der wichtigsten Industrienationen steht Deutschland damit auf Position fünf, 2008 reichte es noch für Rang vier.
Der wesentliche Grund ist, dass vor allem asiatische Länder ihre FuE-Aufwendungen deutlich stärker erhöht haben als die Bundesrepublik. Chinas Wirtschaft zum Beispiel gab 2021 inflations- und kaufkraftbereinigt etwa 20-mal so viel für Forschungszwecke aus wie zur Jahrtausendwende. In Südkorea und Taiwan haben die Unternehmen ihre FuE-Investitionen in diesem Zeitraum verfünffacht.
Patente. Wissenschaftliche Studien belegen: Wo viel geforscht wird, sind auch die Chancen groß, dass am Ende viele patentwürdige Innovationen herausspringen. Folglich spielt die Industrie in Deutschland ebenso wie bei der Forschung auch bei den Patentaktivitäten die dominante Rolle: Im Schnitt der Jahre 2000 bis 2022 entfielen 83 Prozent der hier von der privaten Wirtschaft angemeldeten Patente mit internationaler Schutzwirkung auf die Industrie.
Insgesamt betrug die Zahl der von der hiesigen Wirtschaft hervorgebrachten transnationalen Patente im Jahr 2022 – neuere Daten liegen wegen der langen Offenlegungsfristen nicht vor – knapp 27.300. Das waren 15 Prozent der entsprechenden Anmeldungen weltweit. Auch diese beachtliche Zahl relativiert sich jedoch beim Blick auf den längerfristigen Trend (Grafik):
Von 2000 bis 2022 ist die Zahl der in Deutschland entwickelten und mit internationaler Schutzwirkung angemeldeten Patente nur um 0,4 Prozent im Jahresdurchschnitt gestiegen.
Der Anteil an den weltweiten transnationalen Anmeldungen ging in diesem Zeitraum um fast 7 Prozentpunkte zurück.
Vor allem China, das zur Jahrtausendwende noch ein nahezu weißer Fleck auf der Patentweltkarte war, hat sich seither mit einem jahresdurchschnittlichen Plus von 24 Prozent auf Rang vier der Länder mit den meisten transnationalen Patentanmeldungen vorgearbeitet und liegt nun direkt hinter Deutschland.
Aber auch die meisten etablierten Industrienationen haben die Zahl der Patentanmeldungen von 2000 bis 2022 stärker gesteigert als die Bundesrepublik – die USA als weltweit patentaktivstes Land etwa kamen im jährlichen Mittel auf ein Plus von 1,6 Prozent, die Schweiz schaffte 1,8 Prozent.
Branchen. Dass Deutschland im globalen Patentwettbewerb zurückfällt, lässt sich in fast allen für das Patentgeschehen hierzulande maßgeblichen Industriezweigen beobachten.
In der Elektroindustrie beispielsweise bedeuteten die rund 5.900 transnationalen Patentanmeldungen im Jahr 2022 einen Weltmarktanteil von 10 Prozent – im Jahr 2000 betrug dieser noch 18 Prozent.
Eine Ursache ist, dass es Deutschland nur unzureichend gelang, in wichtigen Bereichen der Digitalisierung wie der Halbleiterherstellung oder der künstlichen Intelligenz den Anschluss an die Weltspitze zu halten.
Auch in der Chemie, der Automobilbranche und der Pharmaindustrie hat Deutschland aus unterschiedlichen Gründen seit dem Jahr 2000 im Rennen um die besten neuen Produkte und Verfahren an Boden verloren.
Von allen großen Industriebranchen gelang es allein dem Maschinenbau in diesem Zeitraum, die Zahl der jährlichen Patentanmeldungen merklich zu steigern – um knapp ein Drittel auf rund 4.300.
Sein Anteil am Patentweltmarkt der Branche verringerte sich nur geringfügig und lag zuletzt nahezu stabil bei etwa 26 Prozent. Vor allem im Landmaschinenbau, aber unter anderem auch bei Verpackungsmaschinen oder Industrierobotern behaupten sich die hochinnovativen und spezialisierten deutschen Firmen in der Weltspitze.
Der Anteil Deutschlands an den weltweiten transnationalen Patentanmeldungen ist von 2000 bis 2022 um fast 7 Prozentpunkte gesunken.
Insgesamt aber zeigen die Forschungs- und Patentdaten, dass am Innovationsstandort Deutschland dringender Handlungsbedarf besteht. Die findigsten Köpfe und die besten Entwicklungskonzepte in den Unternehmen nutzen wenig, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen. Vor allem die überbordende Bürokratie, lange Genehmigungsverfahren und eine unzureichende steuerliche Forschungsförderung bremsen die Firmen hierzulande aus. Aber auch allgemeine nachteilige Standortfaktoren wie überdurchschnittlich hohe Arbeits- und Energiekosten tragen dazu bei, dass der Wirtschaft zu wenig Mittel für FuE-Investitionen übrig bleiben.