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Der Ganztag zahlt sich aus

Mehr Krippen- und Ganztagsplätze würden Alleinerziehenden und ihren Kindern Entlastung und handfeste Vorteile verschaffen. Auch für den Staat und die Gesellschaft rentiert sich der Ausbau der Ganztagsbetreuung.

Kernaussagen in Kürze:
  • Mehr Krippen- und Ganztagsplätze würden Alleinerziehenden und ihren Kindern Entlastung und handfeste Vorteile verschaffen.
  • Je älter der Nachwuchs, desto mehr und länger gehen Alleinerziehende arbeiten.
  • Bei einem flächendeckenden Angebot an Ganztagsbetreuung würde die Zahl der alleinerziehenden und Vollzeit arbeitenden Mütter um mehr als 84.000 Personen steigen.
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„Familie ist da, wo Kinder sind“, hat der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler mal gesagt. Statistisch betrachtet sieht das so aus: Es gibt in Deutschland 8,1 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern, von denen die meisten (72 Prozent) bei ihren verheirateten Eltern aufwachsen. Fast 20 Prozent der Jungen und Mädchen leben bei nur einem Elternteil und knapp 9 Prozent in anderen Lebensgemeinschaften wie etwa Patchwork-Familien.

Die Ein-Eltern-Familie ist jedoch auf dem Vormarsch. Gab es 1996 rund 1,3 Millionen Alleinerziehende in Deutschland, leben heute bereits etwa 1,6 Millionen Frauen oder Männer allein mit ihren minderjährigen Kindern – wobei in neun von zehn Fällen die Mütter die Verantwortung stemmen.

Alleinerziehende stehen vor besonderen Herausforderungen. Viele springen permanent zwischen Kindererziehung, Haushalt und Arbeit hin und her. So arbeiten fast 60 Prozent der alleinerziehenden Mütter, 42 Prozent davon in Vollzeit. Allerdings spielt das Alter der Kinder eine große Rolle (Grafik):

Je älter der Nachwuchs, desto mehr und länger gehen Alleinerziehende arbeiten.

Dabei würden viele Alleinerziehende gerne nicht nur früher in den Job einsteigen, sondern ihm auch mehr Zeit widmen, wenn es eine entsprechende Betreuung für die Kinder gäbe. Das zeigen Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Besonders stark ist dieser Effekt bei Alleinerziehenden mit unter dreijährigen Kindern: Bei ausreichenden Ganztagsbetreuungsmöglichkeiten würde sich deren Beschäftigtenquote von 32 auf 69 Prozent mehr als verdoppeln. Auch die Zahl derer, die Vollzeit arbeiten gehen, nähme zu:

Bei einem flächendeckenden Angebot an Ganztagsbetreuung würde die Zahl der alleinerziehenden und Vollzeit arbeitenden Mütter mit Kindern zwischen einem und zwölf Jahren um mehr als 84.000 Personen steigen.

Die Zahl der Alleinerziehenden in Teilzeit würde sich um annähernd 26.000 erhöhen.

Vom längeren Kita-Besuch würde auch der Nachwuchs profitieren: Kinder, die bereits im Krippenalter betreut werden, dann einen Ganztagskindergarten besuchen und anschließend in der Grundschule von einer Ganztagsbetreuung profitieren, haben statistisch betrachtet bessere Chancen, den Übergang auf das Gymnasium zu schaffen, als Kinder, die mehr Zeit zu Hause verbringen. Aktuell gehen im Schnitt 36 Prozent der Kinder von Alleinerziehenden auf ein Gymnasium. Bei Nutzung aller Betreuungsmöglichkeiten bis zur vierten Grundschulklasse würde sich dieser Anteil nach IW-Berechnungen auf 62 Prozent erhöhen.

Ein flächendeckendes Ganztags­angebot für den Nachwuchs Alleinerziehender kostet die öffentliche Hand zusätzlich 2,4 Milliarden Euro jährlich. Das ist viel Geld. Dennoch wäre es gut angelegt.

  1. Höhere Einkommen. Die finanzielle Situation der Alleinerziehenden würde sich verbessern, weil mehr von ihnen die Möglichkeit hätten, arbeiten zu gehen. Wirtschaftliche Armut ist bei alleinstehenden Elternteilen mit kleinen Kindern deutlich enger an die Beschäftigungssituation gekoppelt als bei Elternteilen, die in einer Paarbeziehung leben (Grafik). So ist mehr als die Hälfte der nicht erwerbstätigen Alleinerziehenden von Armut bedroht, bei den Paarfamilien sind es nur 14 Prozent.

Eine Arbeit ist deshalb für Alleinerziehende der beste Schutz vor Bedürftigkeit:

Nur 5 Prozent der Alleinerziehenden mit einem Vollzeitjob sind armutsgefährdet.

  1. Höhere Steuereinnahmen. Wenn Alleinerziehende vermehrt arbeiten gehen könnten, ergäben sich zusätzliche Einnahmen für die öffentliche Hand in Höhe von 1,4 Milliarden Euro jährlich in Form von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen. Außerdem müssten die Alleinerziehenden ihre Erwerbstätigkeit nicht mehr so lange bzw. so häufig wie bisher unterbrechen. Das steigert ebenfalls die Einkommen und würde dem Fiskus 2015 rund 80 Millionen Euro zusätzlich bescheren, 2025 sogar fast 350 Millionen Euro.
  2. Geringere Sozialausgaben. Aufgrund der verstärkten Erwerbsbeteiligung der Alleinerziehenden würden die an sie gezahlten Sozialleistungen sinken – pro Jahr könnten dadurch 440 Millionen Euro gespart werden.
  3. Sinkende Kosten für Nachqualifizierung. Da die frühkindliche Förderung langfristig bessere Bildungslaufbahnen ermöglicht, müssten weniger Jugendliche teure Qualifizierungsprogramme durchlaufen. Ab 2020 ließen sich dadurch 300 Millionen Euro jährlich sparen.

Unterm Strich rechnet sich somit der Ausbau der Kinderbetreuung: Die kumulierten Mehrausgaben einer flächendeckenden Ganztagsbetreuung für Kinder von Alleinerziehenden werden voraussichtlich zwischen 2030 und 2035 durch die bis dahin aufgelaufenen zusätzlichen Steuereinnahmen bzw. niedrigeren Sozial- und Qualifizierungsausgaben gedeckt. Langfristig stünden den Kosten für den Ausbau der Kindertagesstätten und Ganztagsschulen für den Nachwuchs von Alleinerziehenden sogar höhere staatliche Einnahmen gegenüber.

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