Interview 12.04.2017 Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

„Der Frexit wäre ein Drama für uns und für Europa“

Am 23. April wählen die Franzosen einen neuen Präsidenten. Loïc Armand, Vorsitzender von L'Oréal Frankreich und des Europa-Ausschusses im Arbeitgeberverband Mouvement des entreprises de France (MEDEF), spricht im iwd-Interview über die Chancen der rechtsextremen Marine Le Pen, darüber wie er den Frexit verhindern will und welche wirtschaftspolitischen Herausforderungen auf den neuen Präsidenten warten.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Menschen in Frankreich haben die Nase voll von der alten Politik und von Berufspolitikern. Sie vertrauen ihnen nicht mehr.
  • Sie wünschen sich zwei einfache Dinge: Sicherheit und Arbeitsplätze.
  • Der neue Präsident sollte sich mit seinen europäischen Kollegen auf einen Weg verständigen, den Europäischen Binnenmarkt und den Euro zu stärken.
Zur detaillierten Fassung

Herr Armand, haben Sie im MEDEF schon eine Strategie erarbeitet, wie der Verband auf einen möglichen Wahlsieg Marine Le Pens reagieren wird?

Noch ist Marine Le Pen nicht gewählt, und das wird meines Erachtens auch nicht passieren – obwohl niemand dies gänzlich ausschließen kann. Sie wird voraussichtlich einer der zwei Kandidaten für die Stichwahl sein, aber ich schätze, dass sie gegen François Fillon oder Emmanuel Macron verlieren wird. Gegen Jean-Luc Mélenchon könnte sie gewinnen. Benoît Hamon und die anderen Kandidaten werden sich für den zweiten Wahlgang wohl nicht qualifizieren.

Der Wahlsieg Donald Trumps und die Brexit-Entscheidung haben aber gezeigt, dass in der Politik heutzutage auch das Unwahrscheinliche eintreten kann …

Nichts ist unmöglich, das ist schließlich eine demokratische Entscheidung. In Frankreich geht es heute darum, dass ein großer Teil der Bevölkerung den starken Wunsch nach etwas Neuem hat. Die Menschen haben die Nase voll von der alten Politik und von Berufspolitikern. Sie vertrauen ihnen nicht mehr.

Falls Marine Le Pen doch gewinnt und der Frexit kommt, hat sich Ihr Job als Vorsitzender des Europa-Ausschusses im MEDEF erledigt, oder?

Überhaupt nicht, dies würde die Mutter aller Schlachten werden. Wenn Frau Le Pen unglücklicherweise gewählt würde, wäre es unsere erste Pflicht, alles Erdenkliche dafür zu tun, dass sie keine Mehrheit im Parlament bekommt und das Frexit-Referendum verliert. Deshalb ist es wichtig, dass die überzeugten Europäer ihre Stimme erheben, auch in Deutschland.

Sie sind nicht nur im Arbeitgeberverband tätig, sondern auch Vorsitzender von L'Oréal Frankreich. Wie hoch ist der Exportanteil Ihres Unternehmens in andere EU-Länder?

Wir sind ein globales Unternehmen. Wir exportieren aus Frankreich, aber wir verkaufen unsere Produkte von überall auf der Welt, mit großen Fabriken in Deutschland, Italien, Spanien, Belgien und Polen, die alle für den europäischen Markt produzieren.

Ein Frexit hätte also dramatische Konsequenzen für L'Oréal?

Der Frexit wäre ein Drama für das europäische Projekt, für Frankreich und Deutschland, für unsere Kinder, für die Stabilität und den Frieden in Europa. L'Oréal würde sich anpassen an die neuen Verhältnisse, aber wir müssen alles Menschenmögliche unternehmen, damit es erst gar nicht zu einem Frexit kommt.

Eine ganze Menge Franzosen haben die alte Politik satt. Sie wünschen sich zwei einfache Dinge: Sicherheit und Arbeitsplätze.

Können Sie uns erklären, warum sich so viele Franzosen für den Front National begeistern?

Einige sind fasziniert, aber nicht so viele. Eine ganze Menge Franzosen haben die alte Politik satt. Sie wünschen sich zwei einfache Dinge: Sicherheit und Arbeitsplätze. Es ist die Aufgabe unserer Regierungen zusammen mit den EU-Institutionen, den Menschen in Frankreich zu zeigen, dass ein stärkeres und vereintes Europa ihnen das Gewünschte geben kann.

Von den Folgen eines Frexit für die französische Wirtschaft einmal abgesehen – auch die übrigen wirtschaftspolitischen Pläne Le Pens sind offenbar sehr teuer: Sie möchte an der 35-Stunden-Woche festhalten, die Industrie finanziell unterstützen und höhere Sozialleistungen für französische Staatsbürger durchsetzen. Wie soll das alles finanziert werden, wenn doch die Staatsverschuldung schon jetzt bei fast 100 Prozent der Wirtschaftsleistung liegt?

Lassen Sie uns nicht zu viel darüber spekulieren, wie Le Pen ein Programm umsetzen würde, das es niemals geben wird. Sogar sie selbst weiß es nicht. Sie konzentriert sich lediglich auf die Machtübernahme – und ähnelt damit jenen Politikern, die den Brexit unterstützt haben und sich nach dem Votum weigerten, die daraus entstehende Verantwortung zu übernehmen.

Was sind Ihrer Meinung nach die dringendsten wirtschaftlichen Probleme, um die sich der künftige französische Präsident kümmern sollte?

Der neue Präsident sollte sich mit seinen europäischen Kollegen auf einen Weg verständigen, den Europäischen Binnenmarkt und den Euro zu stärken. Außerdem sollte er unseren Bürgern helfen, in einer sich verändernden Welt zurechtzukommen, er sollte Vertrauen schaffen sowie für Transparenz sorgen, und er sollte den Unternehmergeist fördern.

Aus Unternehmersicht müsste Ihnen der konservative Präsidentschaftskandidat François Fillon sympathisch sein: Er möchte die Betriebe entlasten, indem er das Arbeitsrecht vereinfacht, das Renteneintrittsalter erhöht und die 35-Stunden-Woche abschafft. Ist er Ihr bevorzugter Kandidat?

MEDEF unterstützt keinen Kandidaten. Wir sind jedoch der Meinung, dass die beiden Wahlprogramme von François Fillon und Emmanuel Macron jene sind, die zu unternehmerischem Fortschritt und Wohlstand beitragen würden.

Macron werden ebenfalls gute Chancen auf einen Wahlsieg eingeräumt. Wäre er ein guter Präsident?

Meiner Meinung nach sollte Frankreich die Führung in die Hände junger Menschen legen. Emmanuel Macron ist ein exzellenter Kandidat.

Was würde ein Sieg Macrons für die Zukunft der Europäischen Union bedeuten?

Damit wäre die Hoffnung verbunden, dass der europäische Traum fortbesteht. Dann können auch jene Schritte erfolgen, die nötig sind, damit Europa noch stärker zusammenwächst und gemeinsame Projekte verwirklicht werden – wobei die unterschiedliche Kultur der einzelnen Länder stets zu respektieren ist.

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