Hans-Peter Klös im iwd Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

„Der demografische Wandel fordert uns heraus“

Er hat zwar das Wahljahr im Auge, doch angesichts der geringen Geburtenzahlen und der fortschreitenden Alterung der Gesellschaft macht sich Hans-Peter Klös primär über die menschlichen Ressourcen Gedanken.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Geburtenraten sinken, die Lebenserwartung steigt: Hans-Peter Klös macht sich über die menschlichen Ressourcen Gedanken.
  • Die Einführung des Elterngelds hat dazu beigetragen, dass die Erwerbsunterbrechungen von Müttern kürzer ausfallen als früher.
  • Bei den Forschungsausgaben liegen wir über dem OECD Durchschnitt, doch bei der Invention neuer Produkte hakt es noch.
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Die Energiewende, die europäische Schuldenkrise sowie die lahmende Konjunktur - das alles sind ohne Zweifel große, wichtige Themen. Doch bei alldem wird leicht eine vitale Frage übersehen: Für wen wird diese Politik eigentlich gemacht? Für ein 80-Millionen-Volk, dessen Wirtschaft sich in den diversen Krisen wacker schlägt? Oder für eine rasch alternde und schrumpfende Gesellschaft, die nach Einschätzung des Statistischen Bundesamts im Jahr 2050 im ungünstigsten Fall nur noch aus knapp 69 Millionen Bundesbürgern bestehen wird, denen es nach heutigem Ermessensstand ziemlich schwer fallen dürfte, das Wohlstandsniveau von heute aufrecht zu erhalten?

„Die demografische Lücke, die vor allem aus der niedrigen Geburtenrate von durchschnittlich knapp 1,4 Kindern pro Frau resultiert, ist eine eminente ökonomische Herausforderung“, sagt Hans-Peter Klös, Geschäftsführer und Leiter des Wissenschaftsbereichs Bildungspolitik und Arbeitsmarktpolitik am Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Eigentlich müsse man angesichts des demografischen Wandels „über Bevölkerungspolitik sprechen, doch das ist noch ein politisch vermintes Gelände. Außerdem gilt ja zu Recht das Kinderkriegen als Privatangelegenheit.“

Doch auch ohne eine Bevölkerungspolitik lässt sich dem demografischen Wandel und seinen Auswirkungen einiges entgegensetzen. „Die Bevölkerung altert schneller, als sie schrumpft, so dass bei den Ausgaben für die sozialen Sicherungssysteme eine Lücke aufreißt. Um die zu schließen, müssen wir die Einnahmenseite stärken“, sagt Klös. Dafür setzt er auf folgenden Dreiklang:

Steigerung der Geburtenrate

In Deutschland ist die Zahl der geborenen Kinder kleiner als die Zahl der gewünschten Kinder. Klös: „Damit die Fertilität steigt, brauchen potenzielle Eltern Bedingungen, die eine echte Wahlfreiheit schaffen. Die Unternehmen bemühen sich deshalb um eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder bieten Vertrauensarbeitszeiten an.“

Ausweitung des Arbeitsvolumens

Die tatsächlich geleistete Arbeitszeit ist noch deutlich steigerungsfähig. „Deutschland ist nahezu Teilzeitweltmeister. Wir wissen aber, dass vor allem viele teilzeitbeschäftigte Frauen gerne etwas mehr arbeiten würden“, stellt Klös fest.

Stellschrauben zur Ausweitung der Erwerbstätigkeit gibt es viele: eine gut ausgebaute Kinderbetreuung zum Beispiel, die flexible Öffnungszeiten bietet. Auch die Einführung des Elterngelds hat dazu beigetragen, dass die Erwerbsunterbrechungen von Müttern kürzer ausfallen als früher. „Wenn es uns gelänge, das brachliegende Arbeitsvolumen vollständig zu mobilisieren, könnten wir einen guten Teil der demografischen Lücke füllen“, meint Klös.

Niemanden zurücklassen

„Wenn es gesellschaftlich noch eine Mehrheit für Wachstum gibt, dann müssen wir angesichts der demografischen Herausforderung in zukünftige Produktivität investieren.“ Mit steigendem Wissensstand steigt auch die Wertschöpfung. Deshalb plädiert Klös dafür, die Bildungsarmut zu verringern - also zum Beispiel den mehr als 2 Millionen Analphabeten in Deutschland das Lesen und Schreiben beizubringen – sowie möglichst allen jungen Menschen zu einem Schul- und Berufsabschluss zu verhelfen.

Besonders wichtig ist dafür das berufliche Bildungssystem: „Es hat eine kurative Funktion, es kuriert viele schulische Defizite. Zudem erlangen mittlerweile 40 Prozent aller Hochschulzugangsberechtigten in Deutschland nicht mehr über das Gymnasium die Hochschulreife, sondern über das berufliche Bildungssystem.“

Darüber hinaus rät Klös, sich intensiver mit den niedrigen Gründungsraten zu beschäftigen. „Bei den Forschungsausgaben liegen wir über dem OECD-Durchschnitt, doch bei der Invention neuer Produkte hakt es noch – und das, obwohl wir in Deutschland Hunderte von Programmen haben, die Innovationen fördern.“

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