Hochschulfinanzierung Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Der Bund ist gefragt

Für einige befristete HochschuIinitiativen übernehmen Bund und Länder schon heute die gemeinsame finanzielle Verantwortung. Wie es in Zukunft weitergehen könnte, haben BDA, BDI, Stifterverband und 
IW Köln in einem gemeinsamen Konzept ausgearbeitet. Es spricht sich dafür aus, den Bund langfristig in die Hochschulfinanzierung einzubinden.

Kernaussagen in Kürze:
  • BDA, BDI, Stifterverband und IW Köln sprechen sich dafür aus, den Bund langfristig in die Hochschulfinanzierung einzubinden.
  • Im Jahr 2011 nahmen in Deutschland 55 Prozent der Bevölkerung im entsprechenden Alter ein Studium auf, das ist Rekord.
  • Die Hochschulausgaben des Bundes sind in den vergangenen zehn Jahren mehr als dreimal so stark gestiegen wie die der Länder.
Zur detaillierten Fassung

Nach dem Abi stehen den jungen Leuten viele Türen offen: etwa ein freiwilliges soziales Jahr, eine Berufsausbildung, ein Au-pair-Aufenthalt oder eine mehrmonatige Fernreise. Doch egal, wofür sich die Jugendlichen entscheiden – früher oder später treffen sich die meisten an der Uni wieder. Im Jahr 2011 nahmen in Deutschland 55 Prozent der Bevölkerung im entsprechenden Alter ein Studium auf, das ist Rekord.

Weil dieser Trend anhält, rechnen Hochschulstatistiker bis 2019 mit jährlich rund 450.000 Studienanfängern. Auch weit über das Jahr 2020 hinaus werden die Studentenzahlen hoch bleiben. Der bildungspolitisch erwünschte Boom hat jedoch auch eine Schattenseite: Er kostet viel Geld. Die Finanzierung der Hochschulen – wie aller Bildungseinrichtungen – ist primär Aufgabe der Länder, doch vor allem die weniger finanzkräftigen dürften ihre Hochschuldbudgets bald drastisch zusammenstreichen, auch um die verfassungsrechtlich verankerte Schuldenbremse einzuhalten.

Im Durchschnitt kostet die adäquate Ausstattung eines Studienplatzes in Deutschland 7.200 Euro pro Jahr. In manchen Fächern, vor allem in der Medizin, aber auch in den Natur- und Ingenieurwissenschaften, ist es sogar noch wesentlich mehr. Dass es trotz knapper Kassen in den vergangenen Jahren einen Zuwachs an Studienplätzen gegeben hat, liegt insbesondere am finanziellen Engagement des Bundes:

Die Hochschulausgaben des Bundes sind in den vergangenen zehn Jahren mehr als dreimal so stark gestiegen wie die der Länder.

Im Jahr 2010 wurden insgesamt fast 29 Milliarden Euro in die Forschung und Lehre an den Hochschulen investiert (Grafik). Vom Bund kamen auf direktem Weg 2,7 Milliarden Euro, über zeitlich begrenzte Programme wie die Exzellenz-Initiative und den Hochschulpakt weitere 1,6 Milliarden Euro. Um dem Studentenansturm gerecht zu werden, haben Bund und Länder überdies Mitte April weitere Finanzhilfen zugesagt: Ursprünglich wollte der Bund bis 2015 jährlich 2,6 Milliarden Euro in begrenzte Programme investieren, nun soll allein der Hochschulpakt um rund 4,4 Milliarden Euro aufgestockt werden, wobei die Länder sich zur Hälfte beteiligen sollen. Bis 2018 hat der Bund weitere 2,7 Milliarden Euro eingeplant.

Nachhaltig sind diese Ad-hoc-Finanzierungskonstrukte jedoch nicht. So ist vollkommen unklar, was ab 2020 passiert, wenn die befris­teten Bundesmittel endgültig auslaufen, die Hochschulen aber weiterhin von Studienanfängern überrannt werden. Auch der Wegfall der Studiengebühren hat die finanzielle Situation der Hochschulen verschärft, da die Kompensationszahlungen der Länder nicht immer mit den steigen­den Studentenzahlen Schritt halten.

Um dieses Dilemma zu beenden, haben die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) ein Konzept entwickelt, das für eine dauerhafte Zusammenarbeit von Bund und Ländern plädiert. Das 10-Punkte-Programm spricht sich für eine grundlegende Umgestaltung der Hochschulfinanzierung aus:

1. Einführung eines Absolventenbonus. Der Bund sollte statt seines Anteils am Hochschulpakt und der Kompensationsmittel für die Gemeinschaftsaufgabe Hochschulbau für jeden erfolgreichen Uni- oder Fachhochschulabsolventen einen Bonus zahlen, der direkt an die Hochschulen fließt.

2. Stärkung der Lehre. Hochschulen, die sich in der Lehre engagieren, sollten bei der Grundfinanzierung durch die Länder dafür stärker belohnt werden. Darüber hinaus sollten herausragende Lehrleis­tungen der Dozenten und Professoren zusätzlich honoriert werden.

3. Studiengebühren ermöglichen. Die Hochschulen sollten das Recht haben, von ihren Studenten Studien­gebühren von bis zu 500 Euro pro Semester zu verlangen. Allerdings sollten die Gebühren nachgelagert erhoben werden: Der Staat streckt sie als zinsfreies Darlehen vor, das von den Absolventen erst dann zurückgezahlt wird, wenn sie im Beruf stehen und ein bestimmtes Mindest­einkommen erzielen.

4. Reform der Unterstützungsleistungen. Von den knapp 10 Milliarden Euro, mit denen der Staat die Studenten jährlich unterstützt, werden gerade einmal 18 Prozent nach sozialen Kriterien vergeben (Grafik). Deshalb sollte das Bafög bedarfsgerecht ausgestaltet, regelmäßig angepasst und der Darlehensanteil auf 1.000 Euro pro Semester gekappt werden. Die Verschuldung für ein Bachelorstudium wäre damit auf maximal 6.000 bis 8.000 Euro begrenzt. Um das Geld dafür zusammenzubekommen, müssten die vielfältigen Studienfinanzierungsinstrumente kritisch überprüft und umgeschichtet werden.

5. Bundesstudienkredit einführen. Der Staat sollte allen Studenten unabhängig von ihrer sozialen Lage die Möglichkeit einräumen, niedrig verzinste Studienkredite mit einkommensabhängigen Rückzahlungskonditionen in Anspruch zu nehmen. So ließen sich die vielen bereits existierenden Kreditvarianten sinnvoll bündeln.

6. Kindergeld direkt auszahlen. Das Kindergeld dient dem Unterhalt der Kinder und sollte deshalb direkt an die Studenten und nicht länger an die Eltern ausgezahlt werden.

7. Stipendienkultur stärken. Für leistungsstarke Studenten sind Stipendien eine ideale Möglichkeit der Studienfinanzierung. Um die Stipendienkultur in Deutschland zu stärken, sind sowohl die Hochschulen als auch die Wirtschaft und die Politik gefragt. Wie man private und öffentliche Geldgeber gewinnen kann, zeigt zum Beispiel das Deutschlandstipendium.

8. Drittmittelprojekte voll finanzieren. Bislang findet an den Hochschulen häufig eine Quersubventionierung von Drittmittelprojekten über Grundmittel statt, weil nicht alle Kosten – zum Beispiel für Räume oder Inventar – in die Projektkosten einbezogen werden. Projekte, die mit Drittmitteln bestritten werden, sollten aber zu Vollkosten geplant und finanziert werden.

9. Forschungsbonus einführen. Der Bund sollte die Einwerbung von Forschungsdrittmitteln fördern, indem er die von den Hochschulen eingeworbenen Drittmittel grundsätzlich um einen Forschungsbonus von 10 Prozent aufstockt.

10. Kooperationen und Fusionen fördern. Um komplementäre Forschungsinfrastrukturen besser nutzen zu können und zu leistungsstärkeren Einheiten zu kommen, sollten Bund und Länder Kooperationen von außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Hochschulen rechtlich und finanziell fördern.

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