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Den Mangel in die Mangel nehmen

Aufgrund der demografischen Entwicklung wird Deutschland künftig mit noch größeren Fachkräfteengpässen zu kämpfen haben als heute. Vor allem in naturwissenschaftlichen und technischen Berufen könnten dann viele qualifizierte Mitarbeiter fehlen. Abhilfe lässt sich am besten durch Maßnahmen schaffen, die die Lebens- und Wochenarbeitszeit erhöhen und die Zahl der Zuwanderer steigern.

Kernaussagen in Kürze:
  • Aufgrund der demografischen Entwicklung wird Deutschland künftig mit noch größeren Fachkräfteengpässen zu kämpfen haben als heute - vor allem in naturwissenschaftlichen und technischen Berufen könnten dann viele qualifizierte Mitarbeiter fehlen.
  • Bis 2030 wird die Zahl der erwerbstätigen MINT-Fachkräfte unter den derzeitigen Rahmenbedingungen um mehr als 1,2 Millionen zurückgehen.
  • Gemessen in Vollzeitarbeitskräften könnte die Erwerbstätigkeit in den MINT-Berufen bis 2030 um 574.000 steigen, wenn die Beschäftigten zwei Jahre später in den Ruhestand wechseln, als es die Rente mit 67 vorsieht.
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65 Millionen und damit rund ein Fünftel weniger Einwohner als heute wird Deutschland im Jahr 2060 haben, wenn sich an der gegenwärtigen Geburtenrate nichts ändert und pro Jahr per saldo lediglich 100.000 Zuwanderer nach Deutschland kommen. Diese Prognose mag vielen Menschen bloß ein Schulterzucken entlocken. Doch wenn die Politik nicht gegensteuert, schrumpft in den kommenden Jahren vor allem auch die Zahl derjenigen, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Für die deutsche Wirtschaft, die für das künftige Wachstum besonders stark auf fähige Köpfe angewiesen ist, ist das fatal. Veränderung der Zahl beruflich qualifizierter erwerbstätiger Arbeitskräfte.

Allerdings verläuft der Trend in puncto Arbeitskräfteangebot in den einzelnen Fachrichtungen unterschiedlich (Grafik). Am stärk­sten wird der Rückgang nach heutigem Stand bei Fachkräften im MINT-Bereich sein, also bei jenen mit Qualifikationen in Mathematik, in Informatik, den Naturwissenschaften und Technik.

Bis 2030 wird die Zahl der erwerbstätigen MINT-Fachkräfte unter den derzeitigen Rahmenbedingungen um mehr als 1,2 Millionen zurückgehen.

Ein Grund hierfür ist neben der allgemeinen demografischen Entwicklung, dass der Anteil der beruflich Qualifizierten mit MINT-Abschluss an allen 30- bis 34-Jährigen seit 2005 deutlich gesunken ist.

Im Bereich Gesundheit, wo heute ebenfalls schon vielerorts Personal fehlt, ist dagegen nur ein vergleichsweise geringer Rückgang der Fachkräftezahl zu erwarten. Das liegt nicht zuletzt an der günstigen Altersstruktur – zuletzt hatten gut 9 Prozent aller 30- bis 34-Jährigen in Deutschland eine berufliche oder akademische Qualifikation im Gesundheitswesen. Das war der höchste Anteil unter allen Altersgruppen.

Um jedoch in diesem und anderen Berufsbereichen den Fachkräftebestand zu halten oder dem Bedarf entsprechend sogar auszuweiten, wird Deutschland in den kommenden Jahren einiges unternehmen müssen. Beispiel MINT: Besonders wirksam wären hier Maßnahmen, die dazu führen, dass ältere Beschäftigte länger als bisher ihrem Beruf nachgehen:

Gemessen in Vollzeitarbeitskräften könnte die Erwerbstätigkeit in den MINT-Berufen bis 2030 um 574.000 steigen, wenn die Beschäftigten zwei Jahre später in den Ruhestand wechseln, als es die Rente mit 67 vorsieht.

Wenn Fachkräfte zudem ein Jahr früher in den Beruf einsteigen würden – etwa weil der Ausbau der frühkindlichen Bildung den Bedarf an Nachqualifizierungen nach der Schulzeit reduziert –, würde die Zahl der MINTler um weitere 160.000 steigen.

Ein positiver Effekt ließe sich außerdem erzielen, wenn Fachkräfte statt eines Teilzeitjobs eine Vollzeittätigkeit ausübten. Das setzt allerdings einen Ausbau der Ganztagsbetreuung an Kitas und Schulen voraus. Gelänge es, den Anteil der Teilzeitkräfte im MINT-Bereich zu halbieren, stünden dem Arbeitsmarkt umgerechnet 323.000 zusätzliche MINT-Kräfte zur Verfügung.

Nochmals um knapp 200.000 MINT-Erwerbstätige wachsen könnte das Fachkräfteangebot, wenn bis 2030 künftig jedes Jahr per saldo 200.000 Zuwanderer nach Deutschland kämen – 100.000 mehr als derzeit angenommen. Dazu braucht es jedoch eine gelebte Willkommenskultur (vgl. iwd 11/2014).

Wenn all diese Reformziele erreicht würden, könnte die Zahl der MINT-Fachkräfte – auf Vollzeitstellen umgerechnet – im Jahr 2030 um 28.000 höher sein als heute.

Im Gesundheitswesen könnte es unter diesen Voraussetzungen gut 400.000 mehr Erwerbstätige als derzeit geben. Allerdings würde auch das wohl nicht den Bedarf decken.

Ob dieses Fachkräftepotenzial allerdings wirklich erschlossen wird, hängt nicht zuletzt vom Reformwillen des Staates ab. In den vergangenen Jahren gab es zwar durchaus einige Beispiele für positive Neuerungen – etwa den Einstieg in die längere Lebensarbeitszeit durch die Rente mit 67. Und tatsächlich ist der Anteil der Erwerbstätigen an den über 55-Jährigen seit dem Jahr 2000 bereits deutlich gestiegen (Grafik).

In jüngster Zeit scheint die Politik den arbeitsmarktpolitisch sinnvollen Reformkurs allerdings zu verlassen – unter anderem sind die bisherigen Beschlüsse zur Rente mit 63 sowie die teilweise Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium (vgl. iwd 17/2014) alles andere als zukunftsweisend.

Christina Anger / Wido Geis / Axel Plünnecke / Susanne SeydaDemografischer Wandel und Fachkräftesicherung – Ein FortschrittsberichtIW-Analysen Nr. 94, Köln 2014, 94 Seiten, 19,90 EuroVersandkostenfreie Bestellung unter: www.iwmedien.de/bookshop

Interaktive Grafik zur Fachräfteentwicklung: www.iwkoeln.de/demografie-tool Entwicklung des deutschen Arbeitsmarktes unter verschiedenen Aspekten.

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