Hartz IV Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Den Ärmsten geht es besser

Die Arbeitsmarktreformen, die 2005 die Arbeitslosen- und Sozialhilfe durch Hartz IV ersetzt haben, haben nach Meinung vieler Kritiker das soziale Gefälle in Deutschland verschärft. Tatsächlich aber hat die Mehrzahl der Hilfeempfänger von den Reformen finanziell profitiert – dies gilt vor allem für diejenigen mit den geringsten Einkommen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Fast 45 Prozent der Haushalte, die staatliche Hilfen beziehen, haben seit der Einführung von Hartz IV deutlich mehr Geld zur Verfügung als früher – nur knapp 30 Prozent erlitten spürbare finanzielle Einbußen.
  • Rund 67 Prozent der Alleinerziehenden sowie 61 Prozent der Paare mit Kindern bekommen seit der Hartz-IV-Reform höhere staatliche Hilfen.
  • Im Durchschnitt haben die ärmsten 70 Prozent der Hilfeempfänger von der Einführung der Hartz-IV-Regelungen profitiert.
Zur detaillierten Fassung

Auch wenn es bereits zehn Jahre her ist, dass die Agenda 2010 in Gesetzesform gegossen wurde, so erhitzen die Folgen dieser Arbeitsmarktreformen doch bis heute die Gemüter. Dies gilt vor allem für die Hartz-IV-Regelungen, die im Wesentlichen die Arbeitslosen- und die Sozialhilfe zum Arbeitslosengeld II (ALG II) zusammenführten.

Zwar bestreitet kaum noch ein Beobachter des Arbeitsmarktes, dass die Hartz-IV-Reform maßgeblich zum Abbau der Arbeitslosigkeit beigetragen hat. Zur Erinnerung: Im Schnitt des Jahres 2005 waren annähernd 5 Millionen Menschen in Deutschland arbeitslos gemeldet – im Februar wurde mit 5,3 Millionen sogar der höchste Wert seit Bestehen der Bundesrepublik verzeichnet. Seither hat sich die Zahl der Arbeitslosen bis zum Jahr 2014 nahezu kontinuierlich verringert – auf zuletzt weniger als 2,9 Millionen.

Dieser Erfolg wurde jedoch, so behaupten die Kritiker der Reform, mit sozialen Einschnitten erkauft. Dagegen spricht allerdings allein schon die Tatsache, dass die Sozialleistungen mit der Einführung von Hartz IV im Jahr 2005 sprunghaft von 33,9 auf 39,8 Milliarden Euro stiegen – und damit deutlich stärker, als es die Zunahme der Arbeitslosenzahl hätte erklären können.

Dass in der Tat viele Haushalte mit Hartz IV finanziell besser dastehen als unter dem früheren Sozialleistungssystem, lässt sich mithilfe von Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) für das Jahr 2011 zeigen. Vergleicht man die Einkommen der Hartz-IV-Empfänger im Jahr 2011 mit jenen Leistungen, die ihnen bei Fortbestand der alten Regelungen in Form von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zugestanden hätten, und passt diese Leistungen an die allgemeinen Preissteigerungen an (Kasten), dann zeigt sich:

Fast 45 Prozent der Haushalte, die staatliche Hilfen beziehen, haben seit der Einführung von Hartz IV deutlich mehr Geld zur Verfügung als früher – nur knapp 30 Prozent erlitten spürbare finanzielle Einbußen.

Für gut ein Viertel der bedürftigen Haushalte hat sich kaum etwas verändert. Ihr Nettoeinkommen mit Hartz IV liegt – unter Berücksichtigung des jeweiligen, von der Haushaltsgröße abhängigen Bedarfs – maximal um 25 Euro über oder unter dem Betrag, den sie heute theoretisch in Form von Arbeitslosen- oder Sozialhilfe bekämen.

Zu den Gewinnern der Reform zählen vor allem jene Haushalte, denen bei Fortbestand der alten Regelungen nur Sozialhilfe zustehen würde. Zudem gibt es aufgrund der großzügigeren Berechnung des Exis­tenzminimums eine erhebliche Zahl von ALG-II-Empfängern, die im alten System überhaupt keinen Anspruch auf Grundsicherungsleis­tungen gehabt hätte.

Hartz IV hat vor allem die finanzielle Situation jener staatlich unterstützten Haushalte verbessert, in denen Kinder leben (Grafik):

Rund 67 Prozent der Alleinerziehenden sowie 61 Prozent der Paare mit Kindern bekommen seit der Hartz-IV-Reform höhere staatliche Hilfen.

Alleinerziehende Mütter und Väter mit einem Kind unter 14 Jahren haben jetzt im Durchschnitt monatlich 133 Euro mehr Geld zur Verfügung, Paare mit zwei Kindern unter 14 Jahren 88 Euro.

Für Singles und Paare ohne Kinder hat sich der Anspruch auf Unterstützung dagegen überwiegend verringert – ein alleinstehender Hilfeempfänger zum Beispiel muss unter Hartz IV durchschnittlich pro Monat mit 92 Euro weniger auskommen als früher.

Auffällig ist ebenfalls, dass die Hartz-IV-Reform gerade jene Hilfeempfänger bessergestellt hat, die am unteren Ende der Einkommensskala stehen (Grafik):

Im Durchschnitt haben die ärmsten 70 Prozent der Hilfeempfänger von der Einführung der Hartz-IV-Regelungen profitiert.

Dies gilt vor allem für das ärmste Zehntel der Haushalte, die staatliche Hilfen beziehen. Ihnen stehen heute im Schnitt – bedarfsgewichtet – je Monat gut 200 Euro mehr Hartz-IV-Leistungen zu als früher in Form von Arbeitslosen- oder Sozialhilfe.

Die „reicheren“ Hilfeempfänger haben dagegen Einbußen erlitten. Das sind vor allem Haushalte, die nach der früheren Regelung Anspruch auf Arbeitslosenhilfe hatten – eine Versicherungsleistung, die sich nicht so stark an der Bedürftigkeit der Haushalte orientierte, wie dies heute bei Hartz IV der Fall ist.

Insgesamt hat die Hartz-IV-Reform finanzielle Mittel in die unteren Einkommensschichten umverteilt. Die Folge:

Unter Hartz IV hatten 14,7 Prozent aller Bundesbürger im Jahr 2011 weniger als 60 Prozent des mittleren bedarfsgewichteten Einkommens zur Verfügung – bei einem Fortbestand des alten Hilfesystems hätte diese Armutsgefährdungsquote 15,9 Prozent betragen.

Die Einführung von Hartz IV hat die ärmeren Bevölkerungsschichten also keineswegs finanziell stärker in Bedrängnis gebracht, sondern im Gegenteil die Einkommensarmut in Deutschland eher verringert.

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