Jugendarbeitslosigkeit in Europa Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Dem Nachwuchs auf die Sprünge helfen

Die Euro-Schuldenkrise trifft gerade die jungen Menschen. Dennoch vermitteln die in den Medien verbreiteten hohen Arbeitslosenquoten von Jugendlichen ein zu düsteres Bild der Lage. Zudem haben die EU-Staaten bereits einiges getan, um vor allem dem weniger gut qualifizierten Nachwuchs den Sprung ins Berufsleben zu erleichtern.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Euro-Schuldenkrise trifft gerade die jungen Menschen.
  • Im Durchschnitt des Jahres 2011 waren nur 19 Prozent aller 15- bis 24-jährigen Spanier ohne Beschäftigung – die gemessene Arbeitslosenquotein dieser Altersgruppe betrug dagegen 47 Prozent.
  • Von den im Jahr 2011 befragten 18- bis 24-Jährigen in allen EU-Ländern haben rund 14 Prozent ihre Schul- oder Berufsausbildung vorzeitig abgebrochen.
Zur detaillierten Fassung

Der wirtschaftliche Abschwung in einigen Eurostaaten nimmt vielen Jugendlichen die berufliche Perspektive. So waren laut Eurostat im Mai 2012 sowohl in Griechenland als auch in Spanien mehr als die Hälfte aller 15- bis 24-jährigen Erwerbspersonen arbeitslos.

Diese Zahlen sind zweifellos dramatisch. Dennoch ist die Interpretation falsch, in Spanien und Griechenland stehe jeder zweite Jugendliche auf der Straße. Denn die amtliche Arbeitslosenquote berücksichtigt lediglich jene Menschen, die dem Arbeitsmarkt tatsächlich zur Verfügung stehen, also einen Job haben oder Arbeit suchen.

Viele Jugendliche und junge Erwachsene aber gehen noch zur Schule, studieren oder machen eine Berufsausbildung – und werden daher bei der Berechnung der Arbeitslosenquoten nicht berücksichtigt (vgl. iwd 24/2012).

Um ein realistischeres Bild zu zeichnen, hat die Europäische Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen den Anteil jener Jugendlichen betrachtet, die weder einen Job haben noch in irgendeiner Form im Ausbildungsprozess stecken. Die Unterschiede zu den amtlichen Arbeitslosendaten sind immens (Grafik):

Im Durchschnitt des Jahres 2011 waren nur 19 Prozent aller 15- bis 24-jährigen Spanier ohne Beschäftigung – die gemessene Arbeitslosenquote in dieser Altersgruppe betrug dagegen 47 Prozent.

Die absoluten Zahlen verdeutlichen diesen Befund: Im vergangenen Jahr lebten in Spanien mehr als 4,7 Millionen 15- bis 24-jährige Männer und Frauen – arbeitslos gemeldet waren aber nur knapp 890.000.

Auch im Schnitt aller EU-Staaten war der tatsächliche Anteil der jungen Menschen ohne Job an allen Altersgenossen 2011 mit knapp 13 Prozent erheblich niedriger als die offizielle Arbeitslosenquote von rund 21 Prozent.

Dennoch lassen sich gerade in den Krisenstaaten die großen Beschäftigungsprobleme junger Menschen nicht leugnen. Einsteiger in den Arbeitsmarkt haben es dort besonders schwer, weil die Unternehmen – sofern sie in schwierigen Zeiten überhaupt freie Stellen haben – lieber auf Kandidaten mit Berufserfahrung setzen. Und selbst wenn Jugendliche den Sprung in den Job schaffen, werden sie im Krisenfall oft als Ers­te entlassen – die Firmen können die jungen und unerfahreneren Arbeitnehmer oft leichter entbehren als jene Mitarbeiter, die über lange Jahre schon viel betriebsspezifisches Wissen angesammelt haben.

Generell hängen die Jobchancen aber natürlich auch vom Bildungsniveau ab. Daher haben besonders diejenigen jungen Menschen schlechte Karten auf dem Arbeitsmarkt, die auf ihrem Bildungsweg vorzeitig das Handtuch werfen. Und davon gibt es in Europa einige, wie die EU-Arbeitskräfteerhebung zeigt:

Von den im Jahr 2011 befragten 18- bis 24-Jährigen in allen EU-Ländern haben rund 14 Prozent ihre Schul- oder Berufsausbildung vorzeitig abgebrochen.

Diese Sorgenkinder besaßen demnach höchstens einen Schulabschluss der Sekundarstufe I – das entspricht in Deutschland einem Zeugnis der Klasse zehn. Folglich fehlen den Abbrechern oft elementare Kenntnisse, die sie zum erfolgreichen Einstieg ins Arbeitsleben brauchen.

Um die beruflichen Perspektiven vor allem dieser Kandidaten zu verbessern, haben sich die einzelnen EU-Staaten bereits einiges einfallen lassen. Dabei gibt es im Wesentlichen drei Ansatzpunkte:

  1. Beschäftigungsanreize für Unternehmen. Schweden – um nur ein Beispiel zu nennen – befreit Firmen, die unter 26-Jährige einstellen, für maximal ein Jahr von den entsprechenden Sozialabgaben und der Lohnsteuer. Der finanzielle Anreiz hat offenbar Langzeitwirkung: Von den Jugendlichen, die auf diesem Weg in den Beruf eingestiegen waren, gingen zuletzt 68 Prozent auch drei Monate nach Ende der Förderung noch einer Beschäftigung nach.
  2. Verringerung der Schulabbrecherzahlen. Damit die Bildungskarriere gar nicht erst unterbrochen wird, setzen unter anderem Belgien, Finnland, die Niederlande, Dänemark, Lettland und Litauen auf Früh­erkennung. Litauen zum Beispiel nutzt dazu das datenbankgestützte Informationssystem „Deine Schule“. Sein Herzstück ist das sogenannte Elektronische Tagebuch – mit dessen Hilfe können sich Eltern direkt über die schulischen Leistungen ihrer Kinder informieren, Lehrer befragen oder sich in Foren mit anderen Eltern austauschen. Zudem haben die Eltern die Möglichkeit, sich per SMS oder E-Mail benachrichtigen zu lassen, wenn ihre Kinder den Unterricht versäumen oder zu spät kommen. Insgesamt wird die Website von „Deine Schule“ derzeit reichlich genutzt: von mehr als 400 Schulen, 25.000 Lehrern, 210.000 Schülern und 150.000 Eltern.
  3. Hilfen beim Übergang ins Berufsleben. Ein Beispiel dafür ist das Programm „Berufsstart“, das in Finnland seit 2006 läuft. Daran können Jugendliche teilnehmen, die mindes­tens neun Jahre zur Schule gegangen sind, danach jedoch ihre Schul- bzw. Berufsausbildung abgebrochen oder noch keine Ausbildung begonnen haben. „Berufsstart“ stellt den jungen Finnen verschiedene Berufsoptionen vor und vermittelt wichtige Lerntechniken und -strategien, die in einer späteren Ausbildung hilfreich sein können. Ersten Auswertungen zufolge ist „Berufsstart“ seinem Namen bislang voll und ganz gerecht geworden – viele Jugendliche haben mit seiner Hilfe ihren Weg ins Arbeitsleben gefunden.

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