Das wirtschaftliche Gleichgewicht fehlt
In den vergangenen Jahren haben die wirtschaftlichen Ungleichgewichte global zugenommen. Vor allem die USA mit einem höheren Defizit und China mit einem gestiegenen Leistungsbilanzüberschuss stechen hervor. Das birgt Gefahren – auch für Deutschland und die EU.
- Die globalen wirtschaftlichen Ungleichgewichte wachsen: Der chinesische Leistungsbilanzüberschuss ist zuletzt deutlich gestiegen. Gleiches gilt für das Leistungsbilanzdefizit der USA.
- Maßgeblich zum großen Anstieg des chinesischen Leistungsbilanzüberschusses trugen die industriellen Erzeugerpreise bei. Während sie in den USA, der EU und Deutschland zuletzt deutlich stiegen, blieben sie in China stabil.
- Deutschland hat durch die Krisen der vergangenen Jahre, die Zollpolitik der USA und die chinesische Konkurrenz auf den Weltmärkten an Boden verloren. Mit dem Infrastrukturprogramm hat die Bundesrepublik aber eine wichtige Weiche für die Zukunft gestellt.
Wirtschaftlich Bilanz ziehen – das geht nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Staaten. Anhand der Leistungsbilanz, die alle Einnahmen und Ausgaben gegenüberstellt, können Forscher Aussagen über die Wirtschaftskraft und über mögliche kritische Teilbereiche eines Landes treffen.
Anzustreben ist in der Regel eine weitgehend ausgeglichene Leistungsbilanz – sowohl ein großer Überschuss als auch ein starkes Defizit können auf Dauer negative Folgen haben.
Das IW hat sich nun die Leistungsbilanzen verschiedener „Big Player“ angeschaut. Die Ergebnisse:
USA. Die Vereinigten Staaten haben ein chronisches Staatsdefizit. Nach der Coronapandemie ist es kaum gesunken, vielmehr steigen die Staatsausgaben immer weiter und nötige Steuererhöhungen werden politisch blockiert.
Das hohe Staatsdefizit zieht die Leistungsbilanz nach unten, auch weil es die Zinsen nach oben treibt. Die höheren Zinsen ziehen mehr Kapital an, was wiederum den Dollar aufwertet und die amerikanischen Exporte teurer werden lässt.
Deutschland. Die zahlreichen Krisen der vergangenen Jahre haben die Wirtschaft unter Druck gesetzt. Zusätzlich belasten die nachlassende Auslandsnachfrage, die Zollpolitik der USA sowie das Exportstreben und der hohe Konkurrenzdruck Chinas die deutschen Warenexporte. Das wirkt sich auf die deutsche Leistungsbilanz aus (Grafik):
Der Leistungsbilanzsaldo Deutschlands ist von 8,1 Prozent im Jahr 2015 auf 4,4 Prozent im Jahr 2025 gesunken.
Dass er trotzdem noch so deutlich im Plus ist, liegt in erster Linie an der schwachen heimischen Nachfrage. Vereinfacht gesagt: An mehreren für die Leistungsbilanz wichtigen Stellen zeigen sich hierzulande Schwächen.
Das Infrastrukturprogramm der Bundesregierung soll dem entgegenwirken und mit einem Volumen von insgesamt 500 Milliarden Euro die inländische Investitionstätigkeit und die Nachfrage ankurbeln. Zudem sollen wirtschaftspolitische Reformen stärker private Investitionen anreizen. Deutschland hat also grundsätzlich ein paar wichtige Weichen gestellt.
Die globalen wirtschaftlichen Ungleichgewichte haben in den vergangenen Jahren zugenommen. Das liegt in erster Linie an China und den USA.
Euroraum und EU. In den 2000er Jahren hatte die Europäische Union noch eine ausgeglichene Bilanz vorzuweisen. Inzwischen verbucht sie einen deutlichen Leistungsbilanzüberschuss. Das liegt vor allem daran, dass die süd- und osteuropäischen Mitgliedsstaaten ihre Investitionen zurückgefahren haben und dadurch ihre Salden stiegen. Das konnten die anderen Länder nicht durch rückläufige Überschüsse ausgleichen.
Die EU sollte deshalb das Klima für Investitionen weiter verbessern, vor allem durch einen konsequenten Bürokratieabbau. Mit den verstärkten staatlichen Investitionen in die Digitalisierung und den Klimaschutz, die mit dem Corona-Aufbaufonds ermöglicht wurden, bewegt sich die EU in der Tendenz in eine gute Richtung.
China. Das gilt nicht für China, wo der Leistungsbilanzüberschuss zuletzt auf 3,7 Prozent der Wirtschaftsleistung stieg. Auch intern ist das Ungleichgewicht groß. Binnenwirtschaftlich stehen sich in der Volksrepublik eine verhaltene heimische Nachfrage und eine aktive Industriepolitik gegenüber. Die Krise auf dem chinesischen Immobilienmarkt ist ein weiteres Problem.
Die Regierung sollte den privaten Konsum fördern, statt immer mehr Geld in die Industrie zu pumpen und so den Exportsektor weiter aufzublähen. Wenn der Staat etwa eine bessere soziale Absicherung bietet, müssen die Bürger nicht mehr so viel für schlechte Zeiten sparen.
Leistungsbilanzen lassen sich nicht isoliert betrachten
Die IW-Auswertung zeigt also, dass die globalen Ungleichgewichte in den vergangenen Jahren zugenommen haben – das betrifft vor allem zwei Staaten:
Der chinesische Leistungsbilanzüberschuss ist zuletzt deutlich gestiegen. Gleiches gilt für das Leistungsbilanzdefizit der USA.
Die Leistungsbilanzen der Staaten lassen sich aber nicht isoliert beurteilen, da die Überschüsse der einen Länder die Defizite der anderen sind. Entsprechend müssen alle an mehr Ausgeglichenheit arbeiten, die EU und Deutschland aber deutlich weniger als die USA und vor allem China – schließlich zeigt sich der Anpassungsbedarf des Reichs der Mitte auch bei der unterschiedlichen Entwicklung der industriellen Erzeugerpreise (Grafik):
Während die industriellen Erzeugerpreise in den USA, Deutschland und dem Euroraum zwischen Anfang 2020 und Anfang 2026 um 32 bis 37 Prozent gestiegen sind, blieben sie in China nahezu unverändert.
Das trug maßgeblich zum großen Anstieg des chinesischen Leistungsbilanzüberschusses bei. Als Folge hätte die chinesische Währung Yuan gegenüber dem Dollar und dem Euro aufwerten müssen – stattdessen gab es nominal sogar eine leichte Abwertung. Wenn China seine Währung nicht endlich deutlich aufwerten lässt, bleiben die großen Preisnachteile Europas und der Vereinigten Staaten gegenüber dem Reich der Mitte bestehen. Diese Last spüren deutsche Unternehmen tagtäglich auf den Weltmärkten, wenn sie dort auf chinesische Konkurrenz treffen.