Umweltschutz 28.10.2016 Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Das Los der Plastiktüte

Die EU will den Verbrauch von Plastiktüten drastisch einschränken und hofft, dass die Verbraucher auf umweltfreundlichere Alternativen umsteigen. Das klingt richtig und gut, hat aber mehr als nur einen Haken.

Kernaussagen in Kürze:
  • Der weltweite Verbrauch von Plastiktüten wird auf jährlich eine Billion geschätzt.
  • Es gibt zwar zahlreiche Alternativen zur Plastiktüte, doch ob diese tatsächlich besser sind, zeigt erst die Ökobilanz.
  • Auch die Verbraucher sind in der Pflicht - sie müssen die Tüten umweltgerecht entsorgen.
Zur detaillierten Fassung

Statistisch gesehen hat jeder EU-Bürger im Jahr 2010 genau 198 Plastiktüten verbraucht – und 175 davon waren Einwegtüten (Grafik). Die Bundesbürger kamen zwar nur auf gut 70 Tüten pro Kopf, bei 82 Millionen Einwohnern kommt aber die stattliche Summe von gut sechs Milliarden Tüten zusammen. Weltweit wird der jährliche Verbrauch auf eine Billion Tüten geschätzt.

Weil Plastiktüten oft achtlos weggeworfen oder nicht richtig entsorgt werden und es – je nach eingesetztem Kunststoff – zwischen 100 und 500 Jahre dauert, bis eine Plastiktüte vollständig zerfallen ist, schreibt eine neue EU-Richtlinie vor, den jährlichen Verbrauch bis 2025 auf 40 Stück je EU-Bürger zu senken.

Bis eine Plastiktüte vollständig zerfallen ist, dauert es bis zu 500 Jahre.

In Deutschland will man eine gesetzliche Regelung vermeiden und geht deshalb andere Wege. So sieht eine Vereinbarung zwischen Bundesumweltministerium und Handelsverband vor, dass innerhalb von zwei Jahren 80 Prozent der – bislang kostenlos abgegebenen – Kunststofftüten im Einzelhandel kostenpflichtig werden sollen. Der Anfang ist bereits gemacht:

Seit dem 1. Juli 2016 sind Plastiktüten nicht nur in Supermärkten, sondern auch in vielen anderen Geschäften nicht mehr gratis. Wie viel sie kosten, können die Händler selbst festlegen.

Das Tütenproblem wird in vielen anderen Ländern über gesetzliche Vorgaben gelöst. Neuestes Beispiel ist England, das erst im vergangenen Oktober ein entsprechendes Gesetz eingeführt hat. Seitdem kostet jede Plastiktüte mindestens 5 Pence (6 bis 7 Cent) bei Einzelhändlern mit mehr als 250 Angestellten, also vorwiegend Einzelhandelsketten. Die erste Bilanz ist positiv: In 2014 gaben die sieben größten englischen Handelsketten noch 7,6 Milliarden Tüten an die Kunden ab – in den ersten sechs Monaten nach der Gesetzeseinführung waren es nur noch 640 Millionen Tüten. Abzuwarten ist, ob das langfristig so bleibt.

Tüte ist nicht gleich Tüte

Der Effekt auf die Umwelt. Der überwiegende Teil der handelsüblichen Einwegplastiktüten besteht aus dem Kunststoff Polyethylen. Als Rohstoff wird in der Regel Neugranulat aus fossilem Rohöl verwendet. Wie die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA) in einer Ökobilanzierung 2014 festgestellt hat, sind jedoch Einwegplastiktüten aus Polyethylen mit einem Recyclinganteil von mindestens 80 Prozent ökologisch deutlich vorteilhafter – auch im Vergleich mit anderen Einweg- und Mehrwegtüten wie normale Plastiktüten aus Neugranulat, Papiertüten, kompostierbare Taschen und Baumwollbeutel. Schon deshalb ist es fraglich, ob die Abschaffung der Plastiktüte der richtige Weg ist – oder ob es nicht besser wäre, verstärkt auf recycelte Plastiktüten umzusteigen.

Technisch gesehen sind alle diese Varianten Mehrwegtaschen, wie häufig sie genutzt werden, hängt allerdings mehr vom Verhalten der Verbraucher ab, weniger vom Material. Laut einer Emnid-Umfrage aus dem Jahr 2012 nutzen 72 Prozent der deutschen Verbraucher ihre Einkaufstüten tatsächlich mehrfach.

Die Ökobilanz verschiedener Materialien

Für die bessere Ökobilanz ist die Nutzungshäufigkeit jedenfalls das Maß aller Dinge (Grafik):

Um eine geringere Umweltbelastung zu haben als eine recycelte Kunststofftasche, muss eine Tragetasche aus Baumwolle mindestens 83 Mal benutzt werden.

Kompostierbare Taschen sind zwar bereits ab der zwölften und Papiertüten schon ab der achten Verwendung vorteilhafter als recycelte Kunststofftaschen. Allerdings stellt sich bei beiden Varianten die Frage, ob das Material auch so lange durchhält, um die Umweltwirkungen durch häufige Nutzung zu minimieren.

Selbst die Plastiktüte aus nachwachsenden Rohstoffen müsste mindestens vier Mal verwendet werden, um die Recycling-Tüte zu schlagen. Der Grund: Biobasierte Kunststoffe werfen neue Probleme auf, denn der Anbau der dafür nötigen Rohstoffe wie Mais, Kartoffel oder Zuckerrohr wirkt sich unter anderem durch die Überdüngung der Böden negativ auf die Umwelt aus.

Die umweltgerechte Entsorgung. Die große Aufmerksamkeit, mit der sich die Europäische Union nun den Plastiktüten widmet, ist vor allem dem Problem der weltweiten Vermüllung der Meere durch Plastikabfälle geschuldet. Drei Viertel des Mülls im Meer bestehen mittlerweile aus Kunststoffen.

Auch die Verbraucher sind in der Pflicht

Ursachen dafür sind vor allem das Verhalten der Verbraucher und unzureichende abfallwirtschaftliche Strukturen – oder anders gesagt: die nicht umweltgerechte Entsorgung der Plastiktüten.

In Deutschland dürfte so etwas eigentlich nicht passieren, denn im Gegensatz zu vielen anderen Ländern gibt es hierzulande den „Gelben Sack“ beziehungsweise die „Gelbe Tonne“, beides Teil des sogenannten Dualen Systems (Kasten).

Allerdings nutzt auch das nichts, wenn die Plastiktüten achtlos weggeworfen oder als Müllbeutel verwendet werden und so im Hausmüll landen.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene

Mehr auf iwkoeln.de