Bestattungsindustrie Lesezeit 2 Min. Lesezeit 1 Min.

Das Geschäft mit dem Tod

In Deutschland werden immer mehr Tote eingeäschert und anonym beerdigt. Der Wandel in der Bestattungskultur hat auch ökonomische Gründe.

Kernaussagen in Kürze:
  • In Deutschland werden immer mehr Tote eingeäschert und anonym beerdigt.
  • Seit der Jahrtausendwende hat sich die Zahl der relevanten deutschen Sarghersteller von über 100 auf knapp 40 mehr als halbiert.
  • Im Jahr 2010 zahlten die örtlichen Sozialhilfeträger bundesweit für annähernd 23.000 Menschen die Beerdigung, 2006 war dies nur bei knapp 14.000 Toten nötig.
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Das Gütesiegel „made in Germany“ prangt auch auf Gegenständen, die bislang meist nur mit Blumenschmuck dekoriert wurden: auf Särgen. In Deutschland sterben jährlich rund 850.000 Menschen, die alle – egal ob zur Erd- oder Urnenbestattung – einen Sarg benötigen (Grafik). So will es das deutsche Recht.

Doch weil mittlerweile zwei von drei Särgen aus dem preiswerteren Ausland stammen, hat der Verband der Deutschen Zulieferindustrie für das Bestattungsgewerbe das Siegel für im Inland produzierte Särge entwickelt. Dies soll den hiesigen Herstellern den Rücken stärken:

Seit der Jahrtausendwende hat sich die Zahl der relevanten deutschen Sarghersteller von über 100 auf knapp 40 mehr als halbiert.

Gespart wird allerdings nicht nur am Sarg. Auch für den Bestatter, den Steinmetz, die Grabstätte sowie die Grabpflege sind immer weniger Angehörige bereit, generös Geld in die Hand zu nehmen. Im Schnitt kostet eine Bestattung in Deutschland zwischen 5.000 und 6.000 Euro, hat die Verbraucherinitiative Aeternitas berechnet – und zwar ohne Kosten für die anschließend fällige Grabpflege.

Doch es geht auch günstiger: Eine anonyme Billigbestattung gibt es bereits für knapp 1.000 Euro. Immer mehr Angehörige entscheiden sich für diese Variante – und zwar aus mehreren Gründen:

  1. Seitdem die gesetzlichen Krankenkassen kein Sterbegeld mehr zahlen, übernimmt immer häufiger das Sozialamt die Kosten für das Begräbnis, weil Familienmitglieder des Verstorbenen nicht genügend Geld für eine Bestattung haben:

Im Jahr 2010 zahlten die örtlichen Sozialhilfeträger bundesweit für annähernd 23.000 Menschen die Beerdigung, 2006 war dies nur bei knapp 14.000 Toten nötig.

  1. Für Angehörige, die in einer anderen Stadt oder im Ausland leben, ist es schwierig, regelmäßig Friedhofsbesuche zu absolvieren und das Grab zu pflegen. Auch wegen solcher gesellschaftlichen Veränderungen werden heutzutage mehr Menschen anonym oder auf See bestattet.
  1. Viele Menschen verzichten auf bestimmte Bestattungsrituale, weil ihnen der religiöse Bezug dazu fehlt.

All dies hat dazu geführt, dass die Zahl der Einäscherungen in Deutschland rapide zugenommen hat: Im Jahr 2011 gab es zum ersten Mal mehr Feuer- als Erdbestattungen. Einäscherungen sind trotz Sargpflicht deutlich günstiger – weil meist auf ein einfacheres Sargmodell zurückgegriffen wird und Urnengräber kleiner und somit preiswerter sind.

Die deutschen Bestatter erzielten zuletzt einen jährlichen Umsatz von 2,7 Milliarden Euro. Auf insgesamt 8 Milliarden Euro kommt man, wenn man die Kosten für die Steinmetze, die Friedhofsgebühren und die Friedhofsgärtner hinzuaddiert. Und einen Trost gibt es für die Bestatter allen Sparsamkeitsbemühungen ihrer Kunden zum Trotz: Bis zum Jahr 2050 wird die Zahl der Toten in der Bundesrepublik steigen – auf eine Million pro Jahr.

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