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Das gelähmte Land

Die aktuellen Kennzahlen der amerikanischen Wirtschaft erwecken den Anschein, als ginge es mit dem gebeutelten Land wieder aufwärts. Doch wer tiefer gräbt, merkt schnell, dass die USA noch viele Probleme zu lösen haben – ganz gleich, ob der Präsident in Zukunft Obama oder Romney heißt.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die aktuellen Kennzahlen der amerikanischen Wirtschaft erwecken den Anschein, als ginge es mit dem gebeutelten Land wieder aufwärts.
  • Von 2010 auf 2011 erhöhte sich das BIP um 227 Milliarden auf 13,3 Billionen Dollar.
  • Die amerikanische Staatsverschuldung liegt derzeit bei 15,6 Billionen Dollar – das ist die höchste absolute Verschuldung der Welt.
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In den vergangenen Monaten gab es gute Nachrichten aus den USA: Die Arbeitslosenquote sank nach ihrem Höchststand von 10,1 Prozent im Oktober 2009 auf aktuell 8,2 Prozent. Die Wiederbelebung des Arbeitsmarkts spiegelt sich auch in den Konsumausgaben wider: War der private Konsum im Jahr 2008 erstmals seit langem gesunken – von 9,3 Billionen auf 9 Billionen Dollar –, erreichte er im Februar 2012 mit 9,5 Billionen Dollar ein Allzeithoch. Auch die gesamtwirtschaftliche Leis­tung der USA, das Bruttoinlandsprodukt (BIP), legte zu:

Von 2010 auf 2011 erhöhte sich das BIP um 227 Milliarden auf 13,3 Billionen Dollar.

Haben die USA das Ruder nach der Finanzkrise also wieder herumreißen können? Bei genauerer Betrachtung lautet die Antwort eindeutig: „Nein.“ Denn die immensen finanziellen Verbindlichkeiten des Landes überschatten alles:

Die amerikanische Staatsverschuldung liegt derzeit bei 15,6 Billionen Dollar – das ist die höchste absolute Verschuldung der Welt.

Während das reale BIP der USA in den vergangenen zehn Jahren um insgesamt nur gut 17 Prozent zulegte, stieg die Verschuldung des Staates um fast 160 Prozent.

Die Schuldenquote liegt mittlerweile bei mehr als 100 Prozent der Wirtschaftsleistung (Grafik) – das sind rund 49.500 Dollar pro Kopf. Zum Vergleich: In Deutschland beträgt die Pro-Kopf-Verschuldung knapp 34.000 Dollar. Selbst Griechenland hat eine Pro-Kopf-Verschuldung von „nur“ 38.900 Dollar.

Deshalb sind auch Joe und Jane Average, also die Durchschnittsamerikaner, längst nicht mehr der stets verlässliche Konsummotor der amerikanischen Wirtschaft, wie ein prominentes Beispiel zeigt:

Im Februar 2012 gab Walmart, einer der größten US-Einzelhändler, zwar bekannt, dass er seine Umsätze gesteigert hat. Das Unternehmen konnte dieses Plus allerdings nur durch mehr Sonderangebote und Preissenkungen erreichen – der Gewinn brach im gleichen Zeitraum deshalb um fast 15 Prozent ein.

Walmart ist kein Einzelfall – überall müssen Firmen dem veränderten Konsumentenverhalten mit Billigangeboten Rechnung tragen. Denn viele Amerikaner sind wegen der immer noch hohen Arbeitslosigkeit und hoher privater Kreditschulden zum Sparen verdammt. Die Konsequenz ist bitter: Zwar konsumieren die Amerikaner inzwischen mehr denn je, doch davon haben die Produzenten in den USA wenig, denn die Verbraucher geben ihr Geld vorwiegend für importierte Billigprodukte aus.

Die Verlagerung des Konsums auf ausländische Produkte – insbesondere aus China – spiegelt sich in der Außenhandelsbilanz wider (Grafik):

Das Außenhandelsbilanzdefizit der Vereinigten Staaten ist seit dem Krisenjahr 2009 um gut 60 Milliarden auf mehr als 410 Milliarden Dollar im Jahr 2011 gestiegen.

Die sinkende Arbeitslosenquote ist angesichts dieser Entwicklung nur ein scheinbarer Widerspruch, denn die Quote ist ein „nachlaufender Indikator“: Er bildet also nicht die Ist-Situation oder die nahe Zukunft ab, sondern reagiert mit einer gewissen Zeitverzögerung auf frühere Entwicklungen.

Im konkreten Fall waren das die Niedrigzinspolitik der Zentralbank und staatliche Subventionen – beides milderte die Auswirkungen der Finanzkrise ab. Also konnten Banken Kredite billiger vergeben; die Konsumenten fragten wieder mehr Waren und Dienstleistungen nach und die Unternehmen reagierten auf die erhöhte Nachfrage mit Neueinstellungen. Ob die US-Unternehmen das zusätzliche Personal aber in den kommenden Jahren noch bezahlen können, ist längst nicht sicher.

Euphorie ist außerdem nicht angebracht, weil die Arbeitslosigkeit trotz des Rückgangs auf historisch hohem Niveau ist. Zudem ist es fraglich, ob die niedrigere Quote Substanz hat – denn die neuen Jobs können viele Arbeitnehmer offenbar nicht ernähren:

Trotz sinkender Arbeitslosenrate stieg im Jahr 2011 die Zahl jener Amerikaner, die auf staatliche Lebensmittelmarken angewiesen waren, nochmals um 4,4 Millionen.

Schon von 2009 auf 2010 hatte sich die Zahl um 7 Millionen erhöht. Insgesamt versorgt das Supplemental Nutrition Assistance Program mittlerweile rund 45 Millionen US-Bürger mit Lebensmittelkarten – knapp 15 Prozent der amerikanischen Bevölkerung.

Deshalb spricht einiges dafür, dass der amerikanische Aufschwung weder nachhaltig ist, noch alle sozialen Schichten erreicht. Der US-Präsident, der im Herbst 2012 neu gewählt wird, steht also vor großen Herausforderungen:

  1. In den USA müssen ausreichend bezahlte Arbeitsstellen für Fachkräfte geschaffen werden.
  2. Die Vereinigten Staaten müssen ihr Bildungssystem reformieren, die Qualität der Lehre verbessern und für mehr Chancengleichheit sorgen.
  3. Der aufgeblähte Militärapparat muss weiter verkleinert werden. Die Rüstungsausgaben liegen momentan bei 706 Milliarden Dollar. Damit sind die USA einsame Spitze: Die EU gibt 281 Milliarden Dollar für ihre Armeen aus, China 114 Milliarden und Russland 63 Milliarden.
  4. Es gilt, die teils marode Infrastruktur zu erneuern. Der amerikanische Verband der Bauingenieure kalkuliert, dass in den kommenden fünf Jahren 2,2 Billionen Dollar in Straßen, Schienen etc. gesteckt werden müssen.

Doch die aktuelle politische Situation in den USA ist wenig geeignet, den Niedergang des Landes zu stoppen: Obama kommt mit seinen Reformen seit den Zwischenwahlen des Jahres 2010 kaum voran. Seitdem stellen die Republikaner die Mehrheit im Repräsentantenhaus und blockieren die Gesetzesvorhaben der Demokraten.

Die amerikanische Lähmung wird wohl nur aufgehoben, wenn die Wahlen im Herbst für eindeutige Machtverhältnisse sorgen.

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