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„Das geht an den Fakten völlig vorbei“

Der Wirtschaftswissenschaftler Lars P. Feld, 47, leitet das Walter Eucken Institut in Freiburg und ist Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Dort kümmert er sich besonders um die Finanz- und Sozialpolitik.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die deutsche Wirtschaft wächst, wir haben wenige Arbeitslose, die Bürger geben ihr Geld mit vollen Händen aus und trotzdem sind viele unzufrieden – vor allem mit der Gerechtigkeit in diesem Land.
  • Die Einkommensungerechtigkeit heute ist nur gefühlt und geht völlig an den Fakten vorbei.
  • Deutschland ist ein Volk von Mietern, während im europäischen Ausland viel mehr Menschen Immobilien besitzen, so dass dort die Vermögensverteilung weniger ungleich ist.
Zur detaillierten Fassung

Die deutsche Wirtschaft wächst, wir haben wenige Arbeitslose, die Bürger geben ihr Geld mit vollen Händen aus. Und trotzdem sind viele unzufrieden – vor allem mit der Gerechtigkeit in diesem Land.

Das stimmt, wenn man sich die öffentliche Diskussion seit 2005 anschaut, hat man den Eindruck, dass Deutschland regelrecht verarmt. Und natürlich gibt es Einzelfälle, auf die das zutrifft. Tatsächlich aber – das belegen die Daten - ist die zunehmende Einkommensungleichheit, die wir in Westdeutschland seit den 80er-Jahren beobachten konnten, seit 2005 zum Stillstand gekommen. Die Ungerechtigkeit heute ist also nur gefühlt und geht völlig an den Fakten vorbei.

Sind die Deutschen zu doof, um den Unterschied zwischen Einzelschicksalen und gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen zu begreifen?

Das nicht, aber beim Thema Gerechtigkeit wird eine massive Meinungsmache betrieben von interessierten Kreisen, die mit den Agenda-2010-Reformen unzufrieden waren. Da spielen die Gewerkschaften eine gewisse Rolle und auch manche politische Parteien, die dem auf den Leim gehen.

Dann haben Sie als Ökonom, der in Talkshows mit Einzelfällen konfrontiert wird, also ein kommunikatives Problem …

Ja, aber alle Wissenschaftler, nicht nur Ökonomen, kennen das. Die Crux ist, dass die Menschen denken, Einzelfallgerechtigkeit sei herstellbar. Und die Politik tut auch noch so, also ginge das tatsächlich, aber das stimmt eben nicht.

Die These des französischen Ökonomen Thomas Piketty, wonach der Zins aus Kapitalvermögen immer größer ist als die Wachstumsrate, gilt auch in Deutschland als Beleg dafür, dass die Reichen immer reicher werden und die Armen immer ärmer.

Das muss nicht immer so sein, in einer Volkswirtschaft kann die Wachstumsrate durchaus auch mal höher sein als der Zins – nur im langfristigen Gleichgewicht muss der Zins über der Wachstumsrate liegen. Aber daraus abzuleiten, dass wir deshalb immer mehr Vermögenseinkommen haben und dadurch die Einkom-mensungleichheit zunimmt, ist falsch. Das wäre nur der Fall, wenn die Vermögenden nicht konsumieren würden. Aber jeder weiß doch, dass es umgekehrt ist – die Vermögenden geben unglaublich viel Geld aus.

Die OECD spricht ebenfalls von einer gravierenden Zuspitzung der Vermögensverteilung, auch in Deutschland. Kann eine Vermögenssteuer für mehr Gerechtigkeit sorgen?

Das ist schwierig, denn es gibt keine verlässliche Statistik über die Vermögensverteilung in Deutschland. Erschwerend kommt hinzu, dass die Immobilienvermögen steuerlich mit den Einheitswerten erfasst sind, und die sind völlig verzerrt. Außerdem haben wir in Deutschland zwei Sonderfaktoren: Zum einen sind wir ein Volk von Mietern, während im europäischen Ausland viel mehr Menschen Immobilien besitzen, so dass dort die Vermögensverteilung weniger ungleich ist. Zum anderen haben wir einen unglaublich starken Mittelstand, der sehr viel Vermögen als Betriebsvermögen bindet. Und den Mittelstand so zu schwächen, dass wir nachher keinen mehr haben, halte ich für ziemlich unsinnig.

… dann sollte die Erbschaftssteuer so bleiben, wie sie ist?

Nein, die würde ich ändern. Die letzte Erbschaftssteuerreform hat letztlich dazu geführt, dass Betriebsvermögen unversteuert auf die nächste Generation übertragen werden kann. Man kann eine Schonung des Betriebsvermögens erreichen, indem man es in die Erbschaftssteuer hinein nimmt, aber moderate Sätze sowie Stundungsregeln vereinbart für den Fall, dass die Liquidität nicht da ist. Am Ende würde die Steuer in irgendeiner Form bezahlt werden müssen.

Und die Kapitalertragssteuer?

Die ist völlig korrekt.

Wie wichtig ist Bildung im Kampf gegen Armut? Und warum beeinflusst in Deutschland immer noch die Herkunft die Bildungskarrieren?

Das stimmt, der Erfolg eines Kindes im Bildungssystem hängt vom Bildungsstand der Eltern ab. Aber das gilt nur für den ersten Abschluss – nicht für den zweiten oder dritten Bildungsweg, der sich in Deutschland häufig anschließt, aber von der PISA-Studie vernachlässigt wird.

Und wie sieht es mit den Aufstiegschancen in Deutschland aus?

Bedenklich ist, dass die Aufstiegschancen in vielen OECD-Ländern – also auch in Deutschland - in den vergangenen Jahren gesunken sind.

Ist der Erhard´sche „Wohlstand für alle“ also eine Utopie?

Nein. Erhards Ziel war es, Deutschland auf einen vernünftigen Wachstumspfad zu bringen, damit für alle Einkommensgruppen die Einkommen steigen können. Das heißt aber nicht notwendigerweise, dass die Wohlstandszuwächse gleich verteilt sein müssen.

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