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Das gehetzte Geschlecht

In Deutschland ist die Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern immer noch sehr traditionell: Männer sind meist Vollzeit berufstätig, während Frauen neben ihrem Job oft noch putzen, waschen, kochen, bügeln und sich um Kinder und pflegebedürftige Angehörige kümmern. Deshalb ist das wöchentliche Arbeitspensum von Frauen nicht nur höher als das der meisten Männer – sie leisten ihre Dienste zum Großteil auch unentgeltlich.

Kernaussagen in Kürze:
  • Mit annähernd 46 Wochenstunden arbeiten Frauen im Durchschnitt rund eine Stunde länger als Männer.
  • Zwei Drittel davon - also fast 30 Stunden - leisten Frauen unbezahlt.
  • Rund jede zweite Frau zwischen 40 und 59 Jahren kümmert sich gleichzeitig um Kinder und ältere Angehörige.
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Viele nennen das 21. Jahrhundert das Jahrhundert der Frauen: Weil sie inzwischen meist bessere Noten haben als Männer, höhere Abschlüsse erreichen und seltener in Prüfungen durchfallen – und folglich auch häufiger an den politischen und wirtschaftlichen Schalthebeln sitzen als noch vor wenigen Jahrzehnten.

Nur zu Hause kriegen die Frauen die Gleichberechtigung offenbar nicht richtig hin: Sie erledigen noch immer den Großteil der Hausarbeit und kümmern sich sowohl um die Kinderbetreuung als auch um die Pflege von Angehörigen (Grafik):

Mit annähernd 46 Wochenstunden arbeiten Frauen im Durchschnitt rund eine Stunde länger als Männer, leisten aber zwei Drittel davon – also fast 30 Stunden – unbezahlt.

So viele Stunden arbeiten Männer bzw. Frauen in Deutschland für Geld und ohne Geld Auch Männer arbeiten unentgeltlich – allerdings wenden sie mit etwas mehr als 19 Wochenstunden weniger als die Hälfte ihres wöchentlichen Arbeitspensums dafür auf.

Es sind vor allem Mütter, die viel Zeit in die Arbeit ohne Lohn stecken. Im Vergleich zu kinderlosen Frauen reduzieren sie ihre Erwerbsarbeit um durchschnittlich sieben Wochenstunden, dafür packen sie sich jedoch zusätzliche 15 Stunden pro Woche mit unbezahlter Arbeit oben drauf.

Wer so viel Familienarbeit leistet, kann schwerlich noch einem bezahlten Vollzeitjob nachgehen: Erwerbs-tätige Mütter mit minderjährigen Kindern arbeiteten im Jahr 2013 durchschnittlich 27 Stunden pro Woche im Job, gleichaltrige Frauen ohne Kinder waren rund 37 Wochenstunden berufstätig.

Erwerbstätige Väter mit minderjährigen Kindern verbringen dagegen rund eine Stunde die Woche mehr Zeit im Job als ihre kinderlosen Altersgenossen, die auf durchschnittlich 41 bezahlte Wochenstunden kommen.

Und wie sieht das Binnenverhältnis zwischen den Geschlechtern aus? Auf dem Arbeitsmarkt herrscht immer noch das sogenannte Hinzuverdienermodell vor: Papi arbeitet in Vollzeit, Mami verdient in Teilzeit hinzu – so ist es bei rund 70 Prozent der 3,5 Millionen erwerbstätigen Paare mit minderjährigen Kindern; bei Ehepaaren sind es sogar 73 Prozent. Zwei Partner mit Vollzeitjob sind in Haushalten mit Kindern eher die Ausnahme: Bei den nicht ehelichen Lebensgemeinschaften arbeiten in vier von zehn Fällen Mutter und Vater in Vollzeit, bei Ehepaaren sind es sogar nur 22 Prozent (Grafik).

Art und Umfang der Erwerbstätigkeit von Paaren mit minderjährigen Kindern im Jahr 2013 Das Alleinverdienermodell dagegen kommt aus der Mode: Während 1996 noch bei 40 Prozent der Paare mit minderjährigen Kindern ausschließlich der Vater einer bezahlten Arbeit nachging, waren es 2013 nur noch 29 Prozent.

Während also immer mehr Frauen die Doppelbelastung aus Familie und Beruf stemmen, gilt dies für erwerbstätige Männer nur bedingt: Ihr Engagement rund um Haus und Hof hat sich in den vergangenen elf Jahren nur unwesentlich erhöht. Im Jahr 2001/2002 verrichteten Frauen noch zwölf Wochenstunden mehr unbezahlte Arbeit als Männer, 2012/2013 waren es immer noch mehr als zehn Stunden pro Woche.

Besonders unter Druck stehen laut einer Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach die Frauen der Sandwich-Generation, also die 40- bis 59-Jährigen. Sie stecken oft noch mitten in der Familienphase mit minderjährigen Kindern, müssen sich aber gleichzeitig um pflegebedürftige Angehörige kümmern – übernehmen also besonders häufig zwei klassische Bereiche der unentgeltlichen Arbeit.

Rund jede zweite Frau zwischen 40 und 59 Jahren – also etwa eine Million – kümmert sich gleichzeitig um Kinder und ältere Angehörige.

Kein Wunder, dass sich diese Frauen als eine gehetzte Generation bezeichnen – zumal zwei Drittel von ihnen die Familienarbeit so gut wie allein bewältigen.

Acht von zehn Frauen zwischen 40 und 59 Jahren leiden unter Zeitnot, denn die Aufgabenliste für Haushalt, Familie und Ehrenamt ist lang, zumal viele auch noch einer bezahlten Arbeit nachgehen: Gut drei Viertel der 40- bis 59-jährigen Frauen, die einen Angehörigen pflegen, sind berufstätig – 30 Prozent sogar in Vollzeit. Viele müssen sich also einer Vierfachbelastung aus Kindererziehung, Pflege, Haushalt und Job stellen.

Um Kinder und Eltern oder andere pflegebedürftige Verwandte hinreichend unterstützen zu können, schränken viele Frauen ihre Berufstätigkeit ein – finanziell schlägt das doppelt zu Buche: Sie verdienen nicht nur weniger als Männer, sondern erhalten später auch eine geringere Rente.

Damit den Frauen nicht länger von vornherein die Haus- und Familien­arbeit zugeschustert wird, braucht es bessere Rahmenbedingungen. Frauen müssen einer bezahlten Arbeit in einem Umfang nachgehen können, der nicht nur ihren jeweiligen familiären Umständen, sondern auch ihren Wünschen entspricht. Zu diesen Bedingungen zählen eine bezahlbare und qualitativ hochwertige Kinderbetreuung sowie ausreichend Dienstleister für die Pflege und Versorgung von Angehörigen. Genauso vonnöten ist aber auch ein gesellschaftspolitischer Wandel, der den Frauen eine echte Wahl ermöglicht, wie sie ihr Leben gestalten möchten.

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