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Das deutsche Jobwunder

Seit dem Frühjahr gehen die Arbeitslosenzahlen nicht mehr zurück – trotzdem steigt die Zahl der Beschäftigten weiter und vor allem die Teilzeit boomt. Dafür gibt es im Wesentlichen zwei Gründe.

Kernaussagen in Kürze:
  • Seit dem Frühjahr gehen die Arbeitslosenzahlen nicht mehr zurück – trotzdem steigt die Zahl der Beschäftigten weiter und vor allem die Teilzeit boomt.
  • Das gemächlichere Wachstumstempo hat sich auf dem Arbeitsmarkt aber bislang kaum niedergeschlagen.
  • Im Sommer 2012 waren in Deutschland 41,7 Millionen Menschen erwerbstätig – eine halbe Million mehr als ein Jahr zuvor.
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Seit Jahresbeginn hat die konjunkturelle Dynamik in Deutschland nachgelassen. Das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs zwischen April und Juni 2012 gegenüber dem Vorquartal nur um 0,3 Prozent, nachdem im ersten Jahresviertel noch ein Plus von 0,5 Prozent verzeichnet wurde.

Das gemächlichere Wachstumstempo hat sich auf dem Arbeitsmarkt aber bislang kaum niedergeschlagen. Und eine Entlassungswelle ist schon gar nicht in Sicht:

  • Arbeitslosigkeit.

    Die Zahl der Arbeitslosen steigt zwar seit Juli 2012 wieder leicht an. Im August waren 2,9 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet, etwa 30.000 mehr als im Juli. Im Jahresdurchschnitt jedoch dürften rund 100.000 Arbeitslose weniger gezählt werden als 2011.

Zudem melden die Betriebe weniger Vakanzen – die Zahl der neu gemeldeten freien Stellen ist binnen eines Jahres von 189.000 auf 167.000 zurückgegangen. Das Jobangebot ist aber mit 1 Million nach wie vor hoch.

Die Zahl der Zeitarbeitskräfte nahm ebenfalls geringfügig ab, bleibt aber auf hohem Niveau. So waren im Juni 2012 rund 860.000 Arbeitnehmer auf Zeit in Unternehmen beschäftigt, 40.000 weniger als ein Jahr zuvor.

  • Beschäftigung.

    Hier scheint die Entwicklung so gar nicht zu den Meldungen der Arbeits­agenturen zu passen. Denn die Zahl der Jobs ist in den vergangenen Monaten weiter gewachsen, allein zwischen April und Juli um 75.000.

Im Sommer 2012 waren in Deutschland 41,7 Millionen Menschen erwerbstätig – eine halbe Million mehr als ein Jahr zuvor.

Das bedeutet aber auch, dass die neuen Stellen vorrangig von Personen aus der sogenannten stillen Reserve – vornehmlich Hausfrauen und -männer – besetzt werden. Der Grund: Diejenigen, die jetzt noch von den Arbeitsagenturen vermittelt werden müssen, sind nur schwer in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Sie haben oft ein oder mehrere Handicaps. Vielen fehlt die fachliche Qualifikation oder sie haben gesundheitliche Probleme.

Mehr als 40 Prozent der Arbeitslosen verfügen über keine abgeschlossene Berufsausbildung, 35 Prozent sind langzeitarbeitslos.

Gleichzeitig gibt es aber viele qualifizierte Frauen, die für eine Kinderpause aus ihrem Beruf ausgestiegen sind und nur auf eine neue Chance warten. So wollen 75 Prozent der „inaktiven“ Frauen zwischen 25 und 54 Jahren auf den Arbeitsmarkt zurückkehren.

Die Zunahme der Beschäftigung speist sich noch aus einer zweiten Quelle: Viele Zuwanderer kommen auf der Suche nach einem Job nach Deutschland (vgl. iwd 35/2012). Im vergangenen Jahr zogen, abzüglich der Abwanderungen, 280.000 Personen in die Bundesrepublik – das war der höchste Zuwanderungssaldo seit 1996. Wie viele dieser Einwanderer einen Job aufgenommen haben, weiß man allerdings nicht.

Die neuen Arbeitsstellen kommen den Menschen entgegen – sie bieten zum einen soziale Sicherheit und zum anderen die Gelegenheit, Beruf und Privatleben besser zu vereinen:

Zum einen

hat die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs deutlich zugenommen – binnen Jahresfrist um fast 600.000. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die nicht sozialversicherungspflichtigen Erwerbsformen – zum Beispiel Minijobs – an Bedeutung verloren haben. Gestiegen ist lediglich die Zahl jener Beschäftigten, die einen Minijob als Nebenerwerb haben – von 1,4 Millionen im Jahr 2003 auf 2,6 Millionen im Jahr 2011.

Zum anderen

beruht das Beschäftigungswachstum auf einer Vielzahl neuer Teilzeitstellen (Grafik):

Von den 660.000 neuen sozialversicherungspflichtigen Jobs, die 2011 entstanden, entfielen 43 Prozent auf Teilzeitstellen.

Damit ist heute ein Fünftel aller Beschäftigten in Teilzeit tätig – vor 20 Jahren waren es 10 Prozent. Vor allem Frauen haben Teilzeitjobs – 82 Prozent der Teilzeitler sind weiblich.

Am Thema Teilzeit scheiden sich jedoch die Geister. Oft heißt es, die Betroffenen würden, wenn möglich, lieber Vollzeit arbeiten. Empirisch belegen lässt sich das aber nicht (Grafik). Lediglich 21 Prozent aller Teilzeitler und nur 16 Prozent der Frauen würden lieber Vollzeit arbeiten; 20 Prozent der vollzeitbeschäftigten Frauen hätten lieber einen Teilzeitjob. Könnten alle Arbeitnehmer entsprechend ihren Wünschen beschäftigt werden, gäbe es nicht mehr Vollzeit-, sondern vielmehr ein Plus an Teilzeitstellen.

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