Energetische Gebäudesanierung Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Das A und O: Die Energieberatung stärken

Die Energiewende im Gebäudesektor stockt. Deutschland wird seine selbstgesteckten Energiesparziele bis 2050 wohl deutlich verfehlen. Umso bedenklicher ist es, dass die Hausbesitzer derzeit ausgesprochen sanierungsmüde sind – und vor allem: eine professionelle Energieberatung geradezu meiden.

Kernaussagen in Kürze:
  • Hauseigentümer nehmen professionelle Energieberatungen immer seltener in Anspruch.
  • Wegen der niedrigen Energiepreise mangelt es an Zahlungsbereitschaft, viele Leute haben aber auch Zweifel an der Qualität der Beratungen.
  • Um die Energieberatungen zu stärken, muss das Angebot transparenter werden.
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Die energetische Gebäudesanierung ist eine ebenso komplizierte wie komplexe Materie und deshalb ohne fachkundige Beratung eigentlich kaum zu stemmen. Ein Sachverständiger sollte die Bausubstanz analysieren und ein energetisch, aber auch bauphysikalisch sinnvolles Sanierungskonzept erarbeiten. Dieses Konzept muss zudem auf die finanziellen Möglichkeiten und die Lebensumstände des Eigentümers abgestimmt werden und es gilt, die passenden Förderprogramme aus dem Dschungel der Möglichkeiten herauszusuchen. Oder auch: den Sanierungsfahrplan so zu stricken, dass keine Fördergelder verschenkt werden.

Umso bedenklicher ist es, dass Haus- und Wohnungseigentümer die professionelle Hilfe zuletzt kaum noch in Anspruch genommen haben:

In den Jahren 2014 und 2015 fanden jeweils nur 7.000 Energieberatungen statt – 2008 und 2009 waren es jeweils rund 30.000.

Die Zahl der Energieberatungen ist binnen fünf Jahren um drei Viertel eingebrochen.

Was zu diesem dramatischen Einbruch geführt hat, haben die Immobilienökonomen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln in einem Gutachten für die Schwäbisch Hall-Stiftung „bauen-wohnen-leben“ untersucht, für das sie Interviews mit neun Energieberatern geführt haben. Demnach sind viele Einfamilienhausbesitzer angesichts der aktuell so niedrigen Energiekosten nicht bereit, gut 500 Euro selbst in die Hand zu nehmen, um den vollen Beratungszuschuss von 800 Euro zu erhalten, der letztlich eine umfassende und qualifizierte Beratung ermöglichen würde.

Hinzu kommt, dass Handwerksbetriebe eine Energieberatung ohne staatliche Förderung als Mittel der Kundenakquise oft kostenlos anbieten. Da Handwerker ihre Dienstleistungen jedoch auch verkaufen wollen, ist eine solche Beratung nach den derzeitigen Regeln zwar zulässig, aber nicht frei von Eigeninteresse und damit fragwürdig. Dem gleichen Verdacht sehen sich teils aus Unkenntnis aber auch die ausgebildeten Berater ausgesetzt. „Ich bin mir nicht einmal sicher, ob die Öffentlichkeit überhaupt weiß, dass es zertifizierte Energieberater gibt“, vermutete einer der Interviewten.

Viele Leute wissen gar nicht, dass es zertifizierte Energieberater gibt.

Um das Problem zu lösen, kann man an zwei Punkten ansetzen:

  1. Die Berater müssen qualifiziert sein und dies muss für die Kunden auch transparent sein – ganz gleich, ob es sich um einen professionellen Energieberater handelt oder einen Handwerker mit umfassender Zusatzausbildung.
  2. Die Beratungen sollten standardisiert ablaufen und damit vergleichbar sein.

Öffnen lässt sich die Gebäude-Energieberatung für alle Berufsgruppen und Mitarbeiter aller Unternehmen – also auch für jene, die mit der Gebäudesanierung Geld verdienen wollen –, wenn es gelingt, anerkannte Standards und ein funktionierendes Kontrollsystem zu etablieren. Dies würde zudem den Anforderungen der Europäischen Energieeffizienz-Richtlinie an die Unabhängigkeit Rechnung tragen. Auf diese Weise bestünde die Chance, sowohl mehr qualifizierte Energieberater zu gewinnen als auch die Energieberatungen zu verbessern.

Ein weiteres, nicht minder gravierendes Hemmnis ist jedoch, dass das Beratungsergebnis oft nicht mit den Wünschen der Kunden in Einklang zu bringen ist, weil die Förderrichtlinien bislang keine Individualisierung der Sanierungsfahrpläne vorsehen und sich deshalb auch unwirtschaftliche Maßnahmen nicht umgehen lassen. An dieser Stelle beißt sich die Katze jedoch in den Schwanz: Ohne sinnvolle Sanierungsmöglichkeiten – und zwar aus Sicht der Eigentümer – keine Nachfrage nach Beratung, und ohne Beratung keine sinnvolle Sanierung.

Mehr dazu:

Ralph Henger, Marcel Hude, Petrik Rust: Erst breit, dann tief sanieren. Die Rolle von Sanierungsfahrplänen in der Energieberatung, Gutachten im Rahmen des Forschungsprogramms „Handwerk und Energiewende im Gebäudesektor“

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