Bruttoinlandsprodukt Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Da ist jetzt mehr drin

Nach der Revision der amtlichen Statistik fällt die deutsche Wirtschaftsleistung nun um einiges höher aus als zuvor. Andere Indikatoren – wie das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts oder die Einkommens­verteilung – haben sich durch die Neuberechnung allerdings kaum verändert.

Kernaussagen in Kürze:
  • Nach der Revision der amtlichen Statistik fällt die deutsche Wirtschaftsleistung nun um einiges höher aus als zuvor.
  • Insgesamt haben die Statistiker 44 Neuerungen vorgenommen – in den Medien wurde bislang aber nur eines diskutiert: dieTatsache, dass künftig auch illegale Aktivitäten wie Drogenhandel und Zigarettenschmuggel in die Wirtschaftsleistung einfließen.
  • Sowohl die neue als auch die alte Statistik beziffert die jahresdurchschnittliche Wachstumsrate des realen BIP für den Zeitraum 1991 bis 2013 auf 1,3 Prozent.
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Was haben die Unternehmen im vergangenen Jahr produziert und wie viel exportiert? Wie haben sich die Investitionen der einzelnen Branchen entwickelt? Und wie sieht es mit der Verteilung der Einkommen aus? Um solche Fragen zu beantworten, greifen Ökonomen auf Daten aus den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) zurück.

Diese amtliche Statistik erfüllt aber nur dann ihren Zweck, wenn sie die – sich ständig verändernde – wirtschaftliche Realität gut abbildet. Dazu müssen die statistischen Konzepte von Zeit zu Zeit auf den Prüfstand gestellt werden.

Eben dies ist 2014 wieder geschehen – auf der Grundlage neuer internationaler Standards (Kasten). Insgesamt haben die Statistiker 44 Neuerungen vorgenommen – in den Medien wurde bislang aber nur eines diskutiert: die Tatsache, dass künftig auch illegale Aktivitäten wie Drogenhandel und Zigarettenschmuggel in die Wirtschaftsleistung einfließen. Der quantitative Effekt dieser Neuerung ist allerdings eher gering.

Die größten Veränderungen resultieren vielmehr daraus, dass der Investitionsbegriff deutlich weiter gefasst wird und nun insbesondere auch die Ausgaben für Forschung und Entwicklung einschließt (Kasten). Allein das erklärt rund 70 Prozent der Differenzen zwischen alter und neuer Statistik. Einige wesentliche Veränderungen im Detail:

  1. Bruttoinlandsprodukt (BIP). Die veränderten Berechnungsmethoden wirken sich merklich auf die gemessene Wirtschaftsleistung aus (Grafik):

Das Bruttoinlandsprodukt der ­Jahre 1991 bis 2013 fällt in der revidierten Rechnung im Durchschnitt um 3,1 Prozent höher aus als bisher.

Für das vergangene Jahr beispielsweise beläuft sich die Abweichung auf rund 72 Milliarden Euro.

Theoretisch könnte sich durch die Revision auch die Wachstumsrate erhöhen – nämlich dann, wenn die neu aufgenommenen Forschungs- und Entwicklungsausgaben deutlich stärker steigen als die übrigen Teile der Wirtschaftsleistung. In den Jahren 1991 bis 2013 betrug die durchschnittliche Wachstumsrate des nominalen BIP aber auch nach neuer Rechnung unverändert 2,7 Prozent – bei maximalen jährlichen Abweichungen von minus 0,5 bis plus 0,3 Prozentpunkten.

In preisbereinigter Rechnung gab es ebenfalls keinen Schub:

Sowohl die neue als auch die alte Statistik beziffert die jahresdurchschnittliche Wachstumsrate des realen BIP für den Zeitraum 1991 bis 2013 auf 1,3 Prozent.

Zwar ergibt sich aus der neuen VGR für das Krisenjahr 2009 ein Rückgang der realen Wirtschaftsleis­tung um 5,6 Prozent – bisher waren es 5,1 Prozent. Dafür war aber auch die anschließende Erholung laut revidierter Statistik etwas stärker.

  1. Investitionsquote. Aus dem erweiterten Investitionsbegriff folgt, dass auch der Anteil der Investitionen am Bruttoinlandsprodukt laut neuer VGR höher ausfällt (Grafik):

Die durchschnittliche Investitionsquote der Jahre 1991 bis 2013 beträgt nach neuer Rechnung 21,4 Prozent statt zuvor 19,7 Prozent.

Das sieht zunächst einmal erfreulich aus, gilt diese Quote doch oft als Anhaltspunkt für das künftige Wachstum der deutschen Volkswirtschaft. Allerdings hat auch die aktuelle VGR-Revision nichts daran geändert, dass die Investitionsquote im Lauf der Jahre deutlich zurückgegangen ist.

  1. Einkommensverteilung. Die höhere Wirtschaftsleistung hat auch das BIP je Einwohner kräftig steigen lassen – im Jahr 2013 beispielsweise um 876 Euro (Grafik). Es läge nahe, dass eine andere Kennziffer der Wirtschaftskraft, das Volkseinkommen, nun gleichfalls wesentlich höher ausfallen müsste. Dem ist aber nicht so – die Abweichung zwischen altem und neuem Volkseinkommen je Einwohner war in den Jahren 1991 bis 2013 meist sehr gering; 2013 war die Differenz sogar negativ.

Ebenso könnte man erwarten, dass der durch die höheren Investitionen gewachsene Kapitalstock auch zu mehr Kapitaleinkommen führen müsste. Dann wären die Unternehmens- und Vermögenseinkommen nach neuer Rechnung höher als zuvor – demnach müsste die Lohnquote, also der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen, nun niedriger ausfallen. Doch auch hier: Fehlanzeige.

Der Grund dafür ist, dass mit dem vergrößerten Kapitalstock auch die Abschreibungen deutlich gestiegen sind. Im Schnitt der Jahre 1991 bis 2013 weisen die revidierten Daten um 19 Prozent höhere Abschreibungen aus. Diese werden jedoch bei der Berechnung des Volkseinkommens vom BIP abgezogen – folglich schlägt dessen Erhöhung nicht auf das Volkseinkommen durch.

Stattdessen fallen die Arbeitnehmerentgelte sogar höher aus als zuvor, weil auch die Erwerbstätigenrechnung überarbeitet wurde. So zählen nun auch Beschäftigte in Einrichtungen für Behinderte als Arbeitnehmer. Unterm Strich liegt die revidierte Lohnquote für 1991 bis 2013 nun bei 69,0 Prozent – ein Plus von 0,1 Prozentpunkten.

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