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Comeback der Gewerkschaften?

Die Gewerkschaften haben im vergangenen Jahr ihren Mitgliederbestand nahezu gehalten. Weil aber die Zahl der Arbeitnehmer weiter gewachsen ist, sinkt der Organisationsgrad nach wie vor.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Gewerkschaften haben im vergangenen Jahr ihren Mitgliederbestand nahezu gehalten.
  • Wenn man jedoch bedenkt, dass die Zahl der abhängig Beschäftigten allein seit 2009 um 4 Prozent gestiegen ist, dann sind die Gewerkschaften in der Arbeitnehmerschaft heute sogar weniger stark verankert als früher.
  • Mit ihren Protesten gegen die Agenda 2010 schadeten die Gewerkschaften nicht nur der SPD, mit der sie quasi historisch verbunden sind, sondern auch sich selbst.
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Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) strotzt vor Selbstbewusstsein. Zum einen verweist er darauf, dass 2013 jeden Tag im Schnitt fast 1.000 Menschen in eine der acht Mitgliedsgewerkschaften eingetreten sind. Zum anderen freut sich der Dachverband über wachsenden politischen Einfluss.

In Euphorie oder Optimismus auszubrechen, wäre aber falsch, denn ganz ungetrübt ist das Bild des gewerkschaftlichen Comebacks nicht:

Mitgliederentwicklung

Im vergangenen Jahr konnten fünf der acht DGB-Gewerkschaften ein Mitgliederplus verzeichnen. Die IG Metall etwa legte um 0,1 Prozent auf jetzt 2,27 Millionen Organisierte zu, ver.di um 0,2 Prozent auf nunmehr 2,06 Millionen.

Insgesamt stabilisierte sich die Zahl der DGB-Mitglieder im Jahr 2013 bei 6,14 Millionen.

Wenn man jedoch bedenkt, dass die Zahl der abhängig Beschäftigten allein seit 2009 um 4 Prozent gestiegen ist, dann sind die Gewerkschaften in der Arbeitnehmerschaft heute sogar weniger stark verankert als früher (Grafik).

  1. Zuletzt waren im Westen lediglich 20 Prozent aller Arbeitnehmer Mitglied einer Gewerkschaft, im Osten beläuft sich der Netto-Organisationsgrad auf 17 Prozent (siehe unten).
  2. In den 1980er-Jahren besaß im Westen der Republik noch jeder dritte Arbeitnehmer einen Mitgliedsausweis, im Osten direkt nach der Wiedervereinigung sogar jeder zweite.

Die Gründe für die nachlassende Organisationsbereitschaft:

Strukturwandel. Die Industrie, Keimzelle der Gewerkschaften, schrumpfte lange Zeit. Die gleichzeitig entstandenen neuen Dienstleis­tungssektoren mit ihren kleinbetrieblichen Strukturen machen die Anwerbung von Gewerkschaftsmitgliedern sehr aufwändig. Zudem sind in der Industrie durch Outsourcing kleinere Betriebseinheiten entstanden, in denen die Mitarbeiter offenbar weniger Neigung zeigen, sich kollektiv zu organisieren.

Individualisierung. Viele Mitarbeiter sind heute stark gefragte Spezialisten, die ihre Arbeitsbedingungen selbst aushandeln wollen und können oder sich Spartengewerkschaften anschließen.

Politischer Einfluss

Mit ihren Protesten gegen die Agenda 2010 schadeten die Gewerkschaften nicht nur der SPD, mit der sie quasi historisch verbunden sind, sondern auch sich selbst. Aus dem politischen Abseits kamen sie erst wieder im Zuge der Wirtschaftskrise 2008/09, als Kanzlerin Angela Merkel Arbeitgeber, Gewerkschaften und Politik an einen Tisch holte, um ein gemeinsames Konzept zur Konjunkturbelebung zu erarbeiten.

Die Akteure wurden sich rasch einig. So wurde nicht allein der IG-Metall-Vorschlag einer Abwrackprämie für Autos aufgegriffen. Auch die Ausweitung des Kurzarbeitergelds und der Abbau der kalten Progression standen auf der Agenda (vgl. Steuern: Am besten automatisch bremsen).

Damit war der Grundstein für die Rückkehr der Gewerkschaften in die politische Arena gelegt. Jüngste Erfolge wie die Rente mit 63 und die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns bauen darauf auf.

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