Demografie und Steuereinnahmen Lesezeit 2 Min. Lesezeit 1 Min.

Chronik eines angekündigten Steuereinbruchs

Kurzfristig werden die Effekte der alternden Bevölkerung zwar noch von der hohen Zuwanderung überdeckt. Doch langfristig reißt die demografische Entwicklung in Deutschland milliardentiefe Löcher in die Staatskassen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Durch die demografische Entwicklung und die nachgelagerte Besteuerung der Renten entgehen dem Fiskus Milliarden an Steuereinnahmen.
  • Im Jahr 2035 wird das Minus bei der Lohn- und Einkommenssteuer 18 Milliarden Euro betragen.
  • Um dem vorzubeugen, müsste der Staat mit den heutigen Haushaltsüberschüssen Rücklagen bilden.
Zur detaillierten Fassung

Seit Jahren wird darüber diskutiert, dass Deutschland aufgrund seiner demografischen Entwicklung die Arbeitskräfte ausgehen. Ein Blick in die Statistik scheint aber eher das Gegenteil zu bestätigen: Die Zahl der Beschäftigten ist höher als je zuvor – und sie wird auch in den kommenden Jahren weiter steigen.

Im Jahr 2035 fehlen dem Fiskus – demografiebedingt und durch die nachgelagerte Besteuerung – 18 Milliarden Euro an Steuereinnahmen.

Bis 2024 wächst die Zahl der Erwerbstätigen

Der Hauptgrund dafür ist, dass deutlich mehr Menschen in die Bundesrepublik kommen als das Land verlassen. Schon der Flüchtlingszuzug im vergangenen Jahr hat die Zuwanderung auf einen neuen Höchstwert gehievt. Zudem werden viele Ausländer von den guten Job- und Zukunftschancen in Deutschland angezogen. Deshalb wird die Zahl der Erwerbstätigen von heute 43,2 Millionen auf voraussichtlich 44,2 Millionen im Jahr 2024 steigen und – unter sonst gleichen Bedingungen – zusätzlich gut 3 Milliarden Euro in die Staatskassen spülen. Aber:

Das Jahr 2024 markiert eine Trendwende, denn ab da wird die Zahl der Einwohner innerhalb von rund zehn Jahren um etwa 700.000 schrumpfen.

Gleichzeitig verändert sich die Altersstruktur der Bevölkerung grundlegend. Kommen heute auf einen Rentner noch drei Bundesbürger im Erwerbsalter, müssen in 20 Jahren zwei Erwerbsfähige einen Rentner finanzieren. Auf die Staatskassen hat das gravierende Auswirkungen (Grafik):

Mit der prognostizierten Bevölkerungsstruktur des Jahres 2035 hätte der Staat gut 8 Milliarden Euro weniger Einnahmen durch die Lohn- und Einkommenssteuer.

Dass es noch dicker kommt, liegt an der sogenannten nachgelagerten Besteuerung: Seit 2005 werden die Aufwendungen für die Altersvorsorge Schritt für Schritt steuerfrei gestellt, im Gegenzug muss ein immer höherer Anteil der Rente versteuert werden. Nach einer Übergangszeit von 35 Jahren, also ab 2040, werden die Renten dann voll versteuert.

Da Arbeitnehmer in der Regel höhere Steuersätze zahlen als Rentner, ist die nachgelagerte Besteuerung für den Fiskus ein schlechtes Geschäft: Im Vergleich zu heute muss der Staat 2035 mit gut 10 Milliarden Euro weniger auskommen. Beide Effekte – die demografische Entwicklung und die nachgelagerte Besteuerung - zusammengenommen bedeuten:

Im Jahr 2035 hat der Fiskus – in heutigen Preisen gerechnet – rund 18 Milliarden Euro weniger Einnahmen aus der Lohn- und Einkommenssteuer als heute.

Bezogen auf das Lohn- und Einkommenssteueraufkommen von 2016 ergibt das ein Steuerminus von fast 7 Prozent. Hinzu kommen weitere Einbußen, zum Beispiel geringere Einnahmen aus der Umsatzsteuer.

Zwei Alternativen – aber nur eine ist gut

Die Politik kann dieser Entwicklung auf zwei Wegen entgegensteuern. Zum einen könnte sie einfach wegschauen und dann zu gegebener Zeit die Steuern kräftig erhöhen oder neue Schulden aufnehmen. Zum anderen könnte sie langfristig denken und die aktuellen Haushaltsüberschüsse dazu nutzen, Rücklagen für jene Jahre zu bilden, in denen der demografische Wandel voll zuschlägt – zum Beispiel in Form eines Demografie-Fonds.

Aus IW-Trends 3/2016

Martin Beznoska, Tobias Hentze: Die Wirkung des demografischen Wandels auf die Steuereinnahmen in Deutschland

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