China lenkt seine Warenströme nach Deutschland um
Die deutschen Einfuhren aus China sind deutlich gestiegen. Inwiefern diese Entwicklung mit den hohen US-Zöllen auf Produkte aus China zusammenhängt und welche Warengruppen hierzulande besonders von starken Importanstiegen betroffen sind, zeigt eine neue IW-Studie.
- Aufgrund des hohen Zollniveaus gingen die US-Importe aus China im ersten Halbjahr 2025 um annähernd 16 Prozent zurück.
- Das Plus der chinesischen Einfuhren nach Deutschland im zweiten Quartal 2025 war mit 8,7 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum mehr als doppelt so hoch wie das Wachstum der deutschen Importe aus aller Welt.
- Vor allem für chinesische Plug-in-Hybridfahrzeuge ist der Umlenkungsverdacht nach Deutschland besonders groß, denn die US-Einfuhrwerte für diesen Autotyp sind im ersten Halbjahr 2025 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fast 100 Prozent gesunken.
Die Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump droht Exporte aus China nach Deutschland umzulenken. Ab Februar 2025 erhöhte die Trump-Administration schrittweise die Zölle auf Einfuhren aus China. Im April 2025 lag der Zollsatz für chinesische Einfuhren vorübergehend sogar bei 145 Prozent, aktuell beträgt das Zollniveau knapp 50 Prozent. Damit galten und gelten für China höhere Zölle als für andere Länder. In der Folge gingen die US-Importe aus China im ersten Halbjahr 2025 um fast 16 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurück.
Einen gesunkenen US-Import und gleichzeitig ein deutsches Importplus aus China von mindestens 10 Prozent weisen 1.588 Warengruppen auf. In immerhin 828 Warengruppen stieg die Importmenge sogar um mindestens 50 Prozent.
Führt dies nun dazu, dass China mehr Waren in die Bundesrepublik exportiert? Zumindest war das Plus der chinesischen Einfuhren nach Deutschland im zweiten Quartal 2025 – also dem Zeitraum mit den sehr hohen US-Zöllen für Einfuhren aus China – mit 8,7 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum mehr als doppelt so hoch wie das Wachstum der deutschen Importe aus aller Welt, das 4 Prozent betrug.
Um genauere Aussagen zu einem möglichen Umlenkungseffekt chinesischer Exporte nach Deutschland zu treffen, haben die IW-Wissenschaftler allerdings nicht die Importwerte, sondern die Importmengen betrachtet. Dabei zeigt sich, dass der chinesische Importdruck hier stark gestiegen ist:
Einen im Vorjahresvergleich mit mindestens 10 Prozent hohen Anstieg der Einfuhrmenge aus China wiesen im zweiten Quartal dieses Jahres 2.241 Warengruppen auf. Auf sie entfiel mit 61 Prozent ein großer Anteil des gesamten Einfuhrwerts aus China.
Um möglichen Umlenkungseffekten näher zu kommen, wurden zudem 3.371 Warengruppen ermittelt, bei denen die US-Einfuhren aus China im ersten Halbjahr 2025 absolut oder relativ gemessen am Importwert im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gesunken sind.
Schaut man sich die Überschneidungen an – gesunkener US-Import bei gleichzeitig ungewöhnlich hohen Einfuhren nach Deutschland –, zeigt sich, dass 1.588 Warengruppen zuletzt ein deutsches Importplus aus China von mindestens 10 Prozent aufwiesen. In immerhin 828 Warengruppen stieg die Importmenge sogar um mindestens 50 Prozent.
Die Warengruppen, bei denen es Überschneidungen gibt, stehen für einen erheblichen Teil der chinesischen Einfuhren nach Deutschland (Grafik):
Die 1.588 Warengruppen, in denen die deutschen Importmengen aus China im zweiten Quartal 2025 das Niveau des Vorjahreszeitraums um mindestens 10 Prozent überstiegen und die zugleich in geringerem Umfang von den USA eingeführt wurden, machten fast 52 Prozent des gesamten deutschen Einfuhrwerts aus China in diesem Zeitraum aus.
Bei diesen Warengruppen handelt es sich größtenteils um Maschinen, Geräte und vor allem elektrotechnische Waren. Darunter finden sich auch viele konsumnahe Produkte, die hierzulande kaum noch produziert werden, sodass günstige Einfuhren willkommen sind.
Doch wenn Billigimporte die heimische Produktion in Deutschland bedrohen, ist das anders. Daher haben die IW-Forscher gezielt nach hohen Importanstiegen und Überschneidungen in exportorientierten Kernbereichen der deutschen Industrie gesucht – also etwa im Maschinen- und Fahrzeugbau. Auch hier wurden sie fündig (Grafik):
Einfuhrmengenzuwächse aus China von mindestens 50 Prozent finden sich vor allem bei Straßen- und Landfahrzeugen, bei Hybrid-Pkw sowie bei Autoteilen.
Für chinesische Plug-in-Hybridfahrzeuge ist der Umlenkungsverdacht besonders groß, denn die US-Einfuhrwerte für diesen Autotyp sind im ersten Halbjahr 2025 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fast 100 Prozent gesunken. Ähnliches gilt für elektrisch angetriebene Lkw. Aufgrund der hohen EU-Zölle auf Pkw aus China mit rein elektrischem Antrieb suchen chinesische Fahrzeughersteller offenbar noch offene Flanken auf dem europäischen Automarkt und beginnen, sich hier hineinzudrängen.
Die EU muss mit Ausgleichzöllen für fairen Wettbewerb sorgen
Die EU muss schnell reagieren auf den starken Anstieg der Importe aus China, bei denen zudem teilweise ein Umlenkungsverdacht besteht. Denn chinesische Anbieter drängen oft zu extremen und unlauteren Niedrigpreisen in den hiesigen Markt. Wenn sich Wettbewerbsverzerrungen nachweisen lassen und EU-Produktion bedroht ist, muss Brüssel auf Handelsschutz und Ausgleichszölle setzen, um fairen Wettbewerb zu ermöglichen. Dabei sind die bestehenden Antidumping- und Antisubventionsinstrumente konsequent anzuwenden und weiter zu schärfen, da es ihnen in ihrer jetzigen Form an Effizienz und Effektivität mangelt.