Chance für emissionsarmes Bauen durch staatliche Nachfrage
Emissionsarme Baustoffe zu produzieren, erfordert hohe Investitionen. Der Staat kann mit einer verlässlichen Nachfrage nach klimafreundlichen Grundstoffen die Investitionsrisiken für die Produzenten verringern und den Markt ankurbeln. Dadurch ließen sich in Zukunft große Mengen CO2 einsparen. Das Sondervermögen der Bundesregierung vergrößert diesen Effekt noch.
- Um emissionsarme Produktionsprozesse für Stahl und Zement zu etablieren, sind hohe Investitionen notwendig. Diese Mehrkosten können die Unternehmen aber nur bedingt an ihre Kunden weitergeben.
- Der Staat kann allerdings mit einer verlässlichen Nachfrage nach solchen Baustoffen für seine Projekte das Investitionsrisiko für die Betriebe senken und ihnen Planungssicherheit verschaffen.
- Damit der Effekt größtmöglich ist, muss das Sondervermögen des Bundes wirklich für zusätzliche Investitionen genutzt werden. Außerdem gilt es, regulatorische Prozesse im Bausektor zu verschlanken.
Alle Bereiche der deutschen Wirtschaft müssen Emissionen einsparen, damit Deutschland seine selbst gesteckten Klimaziele erreicht. Die Baubranche ist da keine Ausnahme. Hier liegt vor allem in der Herstellung der Baumaterialien viel Potenzial, um die eigene Klimabilanz zu verbessern.
Das Problem: Um emissionsarme Produktionsprozesse etwa für Stahl und Zement zu etablieren, sind hohe Investitionen notwendig. Diese Mehrkosten können die Unternehmen aber nur bedingt an ihre Kunden weitergeben, weil sie im (preislichen) Wettbewerb mit in- und ausländischen Firmen stehen, die auf herkömmliche Produktion setzen.
Im Bausektor kann der Staat eine verlässliche Nachfrage nach klimafreundlichen Grundstoffen schaffen und so dazu beitragen, Treibhausgasemissionen einzusparen.
Eine Lenkungswirkung hat allerdings der Staat. Konkret:
Wenn Bund, Länder und Kommunen jährlich große Mengen Stahl und Zement für ihre Bauprojekte abnehmen und damit eine verlässliche Nachfrage nach klimafreundlichen Grundstoffen schaffen, sinkt das Investitionsrisiko für die Unternehmen und ihre Planungssicherheit steigt.
Die Nachfrage nach nachhaltigen Grundstoffen lässt sich durch das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität, in dem in den kommenden zwölf Jahren jährlich rund 30 Milliarden Euro zusätzlich für den Bausektor bereitstehen, weiter steigern.
Wie groß das Potenzial für CO2-Einsparungen ist, hat das IW berechnet (Grafik):
Einschließlich der Effekte des Sondervermögens könnte die Nachfrage nach Stahl im öffentlichen Bausektor ab dem Jahr 2030 bei bis zu 3,7 Millionen Tonnen jährlich liegen.
Durch den Einsatz von emissionsarm produziertem Stahl ließen sich dann knapp 2,5 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr einsparen. Die Mehrkosten gegenüber konventionellem Stahl lägen bei 228 Millionen Euro.
Auch beim Zement gibt es enormes Potenzial, bis zu 9,7 Millionen Tonnen Absatz sind inklusive der Effekte des Sondervermögens ab 2030 pro Jahr im öffentlichen Sektor möglich. Mit nachhaltiger Produktion ließe sich hier eine Million Tonnen CO2 vermeiden. Zusatzkosten: etwa 101 Millionen Euro.
So weit die Theorie. In der Praxis gibt es einige Hürden zu überwinden, um das vorhandene Einsparpotenzial vollständig nutzen zu können:
- Zusätzlichkeit. Die Reduktion des CO2-Ausstoßes hängt zum guten Teil davon ab, ob das Sondervermögen zusätzlich zum regulären Bundeshaushalt zur Verfügung steht. Daran gibt es aber Zweifel, wie IW-Berechnungen zeigen (siehe “Etikettenschwindel Sondervermögen”).
- Fachkräfte. In Deutschland fehlen in vielen Branchen Fachkräfte, so auch im Bausektor. Fachkräfte werden zudem für die umfangreichen Transformationsaufgaben gebraucht, zum Beispiel für den Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur. Engpässe auf der einen oder anderen Seite können die Bauprozesse verlangsamen und damit den jährlichen Klimaeffekt verringern.
- Bürokratie. Regulatorische Hürden und Bürokratie können Bauprojekte teils um Jahre verzögern. Bleiben sie bestehen, sinkt die nachhaltige öffentliche Beschaffung durch die langatmigen Prozesse entsprechend.
- Verfügbarkeit. Zur Herstellung von emissionsarmem Stahl und Zement braucht es grünen Wasserstoff und Verfahren, um CO2 zu binden und zu speichern. Die Politik muss alles daransetzen, dass die Infrastruktur für beides möglichst schnell installiert wird. Verzögerungen führen letztlich zu einem geringeren Angebot an nachhaltigen Baustoffen.
„Leitmärkte sind Industriepolitik“
Malte Küper ist Senior Economist für Energie- und Klimapolitik im Institut der deutschen Wirtschaft.
Wie weit sind wir in Deutschland auf dem Weg zum nachhaltigeren Bauen?
Zunächst die gute Nachricht: Es gibt bereits CO2-ärmere Produkte. In der Praxis werden sie aber noch zu selten eingesetzt. Auf kommunaler Ebene entscheidet man aus Risiko- und Zeitdruck häufig weiter nach Preis. Die teureren, grünen Materialien kommen dadurch zu kurz.
Ist das nicht geregelt?
Bisher gibt es vor allem Soll-Vorgaben. Entscheidend ist: Im Vergabebeschleunigungsgesetz braucht es verbindliche, prüfbare Nachhaltigkeitskriterien, damit Vergabestellen Rechtssicherheit bekommen und die öffentliche Hand als sogenannter Ankerkunde für grüne Baustoffe wirkt.
Was ist noch notwendig, damit die Transformation auch im Bausektor gelingt?
Es braucht ein Zielbild für grüne Leitmärkte: kurzfristig die verfügbaren CO2-ärmeren Materialien einsetzen, parallel vollständig klimaneutrale Technologien gezielt skalieren. Und: Nur wenn die Investitionen aus dem Sondervermögen wirklich zusätzlich sind, entsteht der Nachfragehebel.
Wie realistisch sind die Zeitpläne für eine größere Verfügbarkeit klimaneutraler Baustoffe?
Die Zeitpläne sind ambitioniert. Ohne eine zügig ausgebaute Wasserstoffinfrastruktur und CO2-Transport- und Speicherlösungen wird die Verfügbarkeit klimaneutraler Grundstoffe bis 2030 begrenzt bleiben. Hier braucht es mehr Tempo.
Was ist aus Ihrer Sicht noch zu beachten?
Leitmärkte sind nicht nur ein klima- sondern auch ein industriepolitisches Instrument. Wichtig ist daher, dass auch europäische Produzenten von Stahl und Zement zum Zuge kommen. Das lässt sich mit entsprechenden Klauseln gewährleisten.