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Der alleinverdienende Facharbeiter mit zwei Kindern gehört ebenso dazu wie das Lehrer-Ehepaar – die Mittelschicht in Deutschland ist vielfältig. Sie umfasst ein breites Einkommensspektrum und verfügt über einen großen Teil der Nettovermögen. Zusätzliche Steuern oder Abgaben, mit denen Politiker angeblich nur den „Reichen“ ans Portemonnaie wollen, würden deshalb auch die Mitte treffen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Mittelschicht in Deutschland ist vielfältig - sie umfasst ein breites Einkommensspektrum und verfügt über einen großen Teil der Nettovermögen.
  • Sowohl nach soziokulturellen als auch nach Einkommensmaßstäben lebt jeder zweite Bundesbürger aus der Mittelschicht in einem Paarhaushalt mit mindestens einem Kind.
  • Insgesamt vereint die Mittelschicht im engeren Sinn 42 Prozent des Nettovermögens auf sich, die erweiterte Mittelschicht sogar 78 Prozent.
Zur detaillierten Fassung

In den politischen Debatten hat die sogenannte Mitte seit einiger Zeit Hochkonjunktur – schon deshalb, weil sich ohne die Kreuzchen der Bürger aus der Mittelschicht keine Bundestagswahl gewinnen lässt. Oft bleibt allerdings unklar, wer genau denn zu dieser Schicht gehört. Mal dienen teils willkürlich gewählte Einkommensbänder, mal qualitative Kriterien wie Bildung und Erwerbstätigkeit als Abgrenzungskriterien.

Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln geht in einer neuen Studie zunächst vom soziokulturellen Ansatz aus. Demnach zählt zur Mittelschicht, wer mindestens die mittlere Reife sowie eine abgeschlossene Lehre vorweisen kann und in seinem Job über einige Handlungsspielräume verfügt. Wer schon in Rente ist, gehört dann zur Mitte, wenn er oder sie diese Spielräume früher hatte. Folglich bleiben all jene außen vor, die Tätigkeiten am Fließband oder einfache Routinearbeiten im Dienstleistungsbereich ausüben.

Nicht zur Mitte zugeordnet werden auch Wissenschaftler, freiberufliche Ärzte, Angestellte und Beamte mit weitreichenden Führungsaufgaben – aufgrund ihrer herausgehobenen Stellung zählen sie zur soziokulturellen Oberschicht.

Damit ergibt sich für die Mittelschicht immer noch ein breites Spektrum, das vom Facharbeiter über qualifizierte Angestellte bis hin zum Gymnasiallehrer reicht und knapp die Hälfte der Bevölkerung abdeckt.

In einem zweiten Schritt hat das IW Köln die Einkommen dieser Gruppe unter die Lupe genommen. Besonders stark ist die Mitte in einem Band vertreten, das von 80 bis 150 Prozent des mittleren Einkommens reicht – also des Einkommens, das die Bevölkerung in eine Hälfte mit höheren Einkommen und eine mit niedrigeren Einkommen teilt. Bei einem Alleinstehenden entspricht diese Einkommensmitte im engeren Sinn einem monatlichen Nettoeinkommen zwischen 1.310 und 2.457 Euro.

Weil die soziokulturelle Mitte aber sehr unterschiedliche Berufe vereint, bildet sie sogar in dem wesentlich breiteren Band von 60 bis 250 Prozent des mittleren Einkommens die stärkste Gruppe. Ein Single zählt demnach zur erweiterten Mittelschicht, wenn er zwischen 983 und 4.095 Euro netto verdient.

Insgesamt gehören 82 Prozent der Bevölkerung zur weit abgegrenzten Einkommensmitte und 50 Prozent zur Einkommensmitte im engeren Sinn.

Damit ist klar, dass es „den“ Mittelschichtsbürger nicht geben kann.

Gleichwohl ist am Werbeklischee einer Familie mit zwei Kindern, Reihenhaus am Stadtrand und Kombi in der Garage etwas dran. Zumindest bestätigt ein näherer Blick, dass die Mitte eine Hochburg der Familien ist (Grafik):

Sowohl nach soziokulturellen als auch nach Einkommensmaßstäben lebt jeder zweite Bundesbürger aus der Mittelschicht in einem Paarhaushalt mit mindestens einem Kind – in der Gesamtbevölkerung liegt dieser Familienanteil nur bei 40 Prozent.

Ansonsten ist die Zusammensetzung der Mittelschicht je nach Abgrenzungskriterium allerdings recht unterschiedlich. So sind Alleinerziehende nach soziokulturellen Kriterien etwa in der Größenordnung in der Mittelschicht vertreten, die auch ihrem Bevölkerungsanteil entspricht. In der Einkommensmitte ist ihr Anteil deutlich geringer, weil Single-Mütter oder -Väter die Kinderbetreuung oft nur mit einem Teilzeitjob vereinbaren können und entsprechend wenig verdienen.

Paare ohne Kinder sind dagegen in der mittleren Einkommensschicht – und erst recht in der oberen Einkommensklasse – besonders stark vertreten. Das liegt vor allem daran, dass die Einstufung nach dem sogenannten bedarfsgewichteten Einkommen erfolgt. Dieses Konzept berücksichtigt, dass zum Beispiel ein Doppelverdienerpaar im Vergleich zu zwei Singles mit gleichem Einkommen unter anderem dadurch Geld spart, dass es Güter wie Kühlschrank, Waschmaschine oder Auto teilen kann, und bei Urlaubsreisen ein Doppelzimmer im Hotel weniger kostet als zwei Einzelzimmer.

Um ein vollständiges Bild von der finanziellen Situation der Mittelschicht zu erhalten, reicht der Blick auf die Einkommen nicht aus – auch das Vermögen ist relevant. Hier zeigt sich erneut, dass das Bild vom trauten Eigenheim mehr als ein Klischee ist: Jeder Erwachsene aus der Mittelschicht im engeren Sinn verfügt im Schnitt über ein Bruttovermögen von rund 100.000 Euro, von denen fast 60.000 Euro im selbst genutzten Wohneigentum stecken (vgl. iwd 26/2013). Zieht man Schulden wie Hypotheken und Konsumentenkredite ab, besitzt ein Mittelschichts-Paar im Schnitt ein Nettovermögen von gut 160.000 Euro. Damit liegt der Anteil der Mittelschicht am Gesamtvermögen nur wenig unter ihrem Anteil an der Bevölkerung (Grafik):

Insgesamt vereint die Mittelschicht im engeren Sinn 42 Prozent des Nettovermögens auf sich, die erweiterte Mittelschicht sogar 78 Prozent.

Damit würden aber die Pläne einiger Parteien, Vermögen zu belas­ten, keineswegs nur eine kleine reiche Gruppe treffen, sondern gerade auch die Eigenheimbesitzer aus der Mittelschicht.

Judith Niehues / Thilo Schaefer / Christoph SchröderArm und Reich in Deutschland: Wo bleibt die Mitte? Entstanden im Rahmen des von der Car-Deilmann-Stiftung geförderten Forschungsprojekts " Wer ist die gesellschaftliche Mitte?"IW-Analysen Nr. 89, Köln 2013, 64 Seiten, 18,90 Euro

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