Bundeswehr bleibt hinter Sollstärke zurück
Deutschland will die Bundeswehr personell aufstocken. Gelingen soll dies mit dem „Neuen Wehrdienst“, der auf Freiwilligkeit basiert. IW-Berechnungen zeigen aber, dass die angedachte Sollstärke so nicht zu erreichen ist. Vielmehr muss es darum gehen, die Bundeswehr als Arbeitgeber attraktiv zu machen.
- Deutschland will angesichts internationaler Konflikte die Bundeswehr personell aufstocken.
- Die angestrebte Sollstärke von 460.000 Soldaten und Reservisten im Jahr 2035 ist nach IW-Berechnungen allerdings mit den jetzigen Maßnahmen nicht zu erreichen.
- Wichtiger als eine Wehrdienstreform ist für den Truppenaufbau die Attraktivität der Bundeswehr als Arbeitgeber. Hier sollte die Politik an- und Verbesserungen durchsetzen.
Im Zuge des russischen Angriffskriegs rief der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) eine Zeitenwende aus. Nun soll sich diese in der Verteidigungspolitik auch beim Personal widerspiegeln. Die aktuelle Regierung will die Bundeswehr deutlich vergrößern.
Erreicht werden soll dies über eine größere Zahl an Menschen, die freiwillig Wehrdienst leisten. Der Gedanke dahinter: Aus der größeren Masse von Freiwilligen sollen mehr Soldaten und Reservisten hervorgehen.
Nach IW-Berechnungen bleibt die Bundeswehr trotz der angedachten Reformen deutlich hinter der für 2035 angestrebten Sollstärke von 460.000 Soldaten und Reservisten zurück.
Angedacht ist zunächst ab 2026 ein Online-Fragebogen zur Bereitschaft zum Wehrdienst, den alle 18-jährigen Männer ausfüllen müssen. Ab Juli 2027 soll es eine verpflichtende Musterung für diese geben. Der Wehrdienst als solcher bleibt aber freiwillig. Frauen sind von den neuen Wehrdienstplänen nicht betroffen.
Darüber hinaus will die Regierung den Wehrdienst finanziell attraktiver machen. Der Einstiegssold für freiwillige Wehrdienstleistende soll von etwa 1.700 Euro auf 2.300 Euro netto im Monat steigen.
All das soll dazu führen, dass sich mehr junge Männer für die Bundeswehr entscheiden: Im Jahr 2035 soll es laut den Regierungsplänen in Deutschland 260.000 Soldaten und 200.000 Reservisten geben. Die Differenz zwischen Soll- und Istwert ist derzeit aber groß (Grafik):
Zum Jahresende 2024 zählte die Bundeswehr gut 181.000 Soldaten.
Bei den Reservisten ist die Diskrepanz noch größer. In den kommenden zehn Jahren müsste sich ihre Zahl vervierfachen, um die Vorgabe zu erfüllen.
Wie realistisch die angestrebte Entwicklung ist, hat nun das Institut der deutschen Wirtschaft untersucht. Dazu haben die Forscher Parameter wie die Erstverpflichtungsquote einfließen lassen. Sie gibt an, mit welcher Wahrscheinlichkeit sich Wehrdienstleistende anschließend für einen Soldatendienst verpflichten. Ebenso fließen auf bisherigen Daten aufbauend die Zahlen derer ein, die den Wehrdienst vorzeitig abbrechen. Das Ergebnis ist ernüchternd (Grafik):
Im Jahr 2035 erreicht Deutschland nach IW-Schätzungen knapp 207.000 Soldaten und etwas mehr als 137.000 Reservisten.
Damit bliebe die Rekrutierung deutlich hinter den Zielmarken der Politik zurück. Auch Jahre nach dem eigentlichen Zieltermin würde die Sollstärke nicht erreicht. Selbst in einem optimistischen Szenario, das eine geringere Abbrecher- und eine höhere Erstverpflichtungsquote zugrunde legt, würden die Ziele erst 2039 erreicht. Um dies schon 2035 zu schaffen, müsste zusätzlich die Zahl jener, die freiwillig Wehrdienst leisten, schneller und etwas stärker steigen.
Für ein größeres Heer ist ein attraktiver Wehrdienst nötig
Damit der Personalaufbau der Bundeswehr im gewünschten Maße gelingt, muss der Wehrdienst daher grundsätzlich attraktiver werden. Dazu gibt es mehrere Ansatzpunkte:
- Besoldung. Die Erhöhung des Solds könnte Mitnahmeeffekte und damit eine niedrige Erstverpflichtungsquote nach sich ziehen. Es könnte sinnvoll sein, die Auszahlung stärker an ein Durchhalten zu knüpfen. In Schweden – das Land wird oft als Vorbild für das neue Wehrdienstmodell genannt – erhalten die Wehrdienstleistenden die Hälfte des Solds erst nach Abschluss ihrer Dienstzeit.
- Dienstzeit. Aus ökonomischer Sicht ist es wichtig, dass der Wehrdienst nicht die Übergänge in Bildung und Arbeit erschwert. Dessen Beginn und Ende sollten die Wehrdienstleistenden deshalb möglichst frei wählen können, damit sie nicht den Starttermin für eine Ausbildung oder ein Studium verpassen. Außerdem könnte es sinnvoll sein, freiwillige Wehrdienstleistende, deren Übernahme als Zeitsoldat weniger aussichtsreich erscheint, vorzeitig in Ausbildung, Studium oder einen Job zu vermitteln.
- Flexibilität. Ein weiterer Punkt betrifft die Weiterverpflichtung von Soldaten auf Zeit. Sie scheitert zu oft an einem Mangel an Planstellen. Hier muss die Bundeswehr flexibler werden, damit sie keine motivierten Soldaten verliert. Wenn Eignung und Bedarf grundsätzlich da sind, sollte die weitere Anstellung im Einzelfall nie an starren Regeln scheitern.