Bürgergeld: Versteckter Fortschritt auf dem Arbeitsmarkt
Die Zahl der Erwerbstätigen, die ihren Lohn durch Bürgergeld aufstocken, ist 2024 erstmals seit 14 Jahren gestiegen. Was im ersten Moment negativ klingt, kann jedoch durchaus ein arbeitsmarktpolitischer Erfolg sein.
- Die Zahl der Erwerbstätigen, die ihren Lohn durch Bürgergeld aufstocken, ist in Deutschland zuletzt gestiegen.
- Die größte Bewegung gab es unter den Teilzeit- und geringfügig Beschäftigten, hier erhöhte sich die Zahl der Aufstocker mit ausländischem Pass deutlich.
- Eine mögliche Erklärung: Es könnte in größerem Maße gelungen sein, Zuwanderer über Ausbildungs- oder Teilzeitverhältnisse in den Arbeitsmarkt zu integrieren.
Der typische Aufstocker in Deutschland ist kein Vollzeitbeschäftigter, sondern meist teilzeit- oder geringfügig beschäftigt und bessert sein Bürgergeld dadurch etwas auf. Etwa eine halbe Million Menschen nutzen diese Möglichkeit.
Die Kombination Vollzeit und Bürgergeld gibt es dagegen nur rund 80.000-mal in Deutschland. Dass voll Erwerbstätige finanzielle Unterstützung vom Staat erhalten, liegt in den meisten Fällen nicht an zu niedrigen Einkommen der Beschäftigten, sondern an der Haushaltsgröße. Denn um als Alleinverdiener den gesamten Bedarf eines größeren Haushalts durch ein Erwerbseinkommen zu erwirtschaften, ist ein Stundenlohn deutlich oberhalb des Mindestlohns nötig. Dagegen hat ein Alleinstehender, der Vollzeit zum Mindestlohn arbeitet und damit ein Nettogehalt von rund 1.600 Euro monatlich bezieht, keinen Anspruch auf Bürgergeld.
Insgesamt ist die Zahl der Aufstocker zuletzt gestiegen. Das hat einen eindeutigen Grund (Grafik):
Der Anstieg um gut 21.500 erwerbstätige Bürgergeldbezieher von November 2023 bis November 2024 geht allein darauf zurück, dass mehr Ausländer diese staatliche Leistung erhielten.
Die Zahl der Bezieher mit deutscher Staatsangehörigkeit verringerte sich dagegen im betrachteten Zwölfmonatszeitraum um knapp 12.500 Personen.
Im Jahr 2024 könnte es in größerem Maße gelungen sein, Zuwanderer in den Arbeitsmarkt zu integrieren.
Die größte Bewegung gab es unter den Teilzeit- und geringfügig Beschäftigten, aber auch unter den Auszubildenden: Hier gab es einen deutlichen Zuwachs an Aufstockern, und zwar auch bei jenen mit deutschem Pass.
Eine mögliche Erklärung für die jüngste Entwicklung: Im Jahr 2024 könnte es in größerem Maße gelungen sein, Zuwanderer in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Da dies überproportional in Ausbildungs- oder Teilzeitverhältnissen erfolgte und die Zuwanderer darüber hinaus häufig in größeren Haushalten leben, ist die beobachtete Zunahme von Aufstockern plausibel. Sollte sich diese These bestätigen, würde der Anstieg der Bürgergeld-Aufstocker kein sozialpolitisches Problem, sondern einen arbeitsmarktpolitischen Erfolg abbilden.