Britische Beschäftigte Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Brexit: Peanuts für den Arbeitsmarkt

Großbritanniens Austritt aus der EU würde Europa auf den Kopf stellen. Otto Normalbürger zumindest kann sich kaum ausmalen, was alles anders – und viel komplizierter – wäre als bislang. Auf einem Feld aber könnte es relativ ruhig bleiben: dem deutschen Arbeitsmarkt.

Kernaussagen in Kürze:
  • In Deutschland arbeiten deutlich weniger Briten als beispielsweise Polen und Rumänen, aber auch als Italiener oder Franzosen.
  • Zu tun hat das zu einen mit der Insellage Großbritanniens, aber auch mit dem relativ gut aufgestellten heimischen Arbeitsmarkt.
  • Dass britische Beschäftigte nach dem Brexit ihr Aufenthaltsrecht in Deutschland verlieren, ist nicht gesagt.
Zur detaillierten Fassung

Die Freizügigkeit der Arbeitnehmer ist eine der vier Grundfreiheiten des europäischen Binnenmarktes – doch die könnte Großbritannien verlieren, wenn der Brexit vollzogen wird. Während der eine oder andere Spanier, Franzose oder Deutsche bedauern mag, dass es schwieriger werden könnte, in der Londoner Finanzcity anzuheuern, werden die hiesigen Unternehmen nur wenig merken. Denn: Die Engländer, Waliser, Schotten und Nordiren fallen auf dem deutschen Arbeitsmarkt kaum ins Gewicht – oder wie die Briten sagen: „It's barely a ripple on the German labour market“ (Grafik):

In Deutschland arbeiten rund 35.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte mit britischer Staatsangehörigkeit – das sind nur 1 Prozent der ausländischen Arbeitnehmer und weniger als 0,1 Prozent aller Beschäftigten.

Andere Westeuropäer sind dagegen weit häufiger in Deutschland beschäftigt, allen voran Italiener (236.000), Franzosen (76.000) sowie Spanier und Österreicher (jeweils 62.000). Selbst die Niederländer stellen mit 38.000 Beschäftigten ein größeres Kontingent an Arbeitskräften als die Briten.

Dass diese sich vergleichsweise rarmachen, ist vor allem eine Frage der Lage – und zwar gleich in doppelter Hinsicht:

Geografische Lage. Aus direkten Nachbarländern wandern mehr Arbeitskräfte ein – viele Niederländer oder Österreicher pendeln auch einfach nur nach Deutschland. Über den Ärmelkanal funktioniert das nicht.

Arbeitsmarktlage. Ob es jemanden zum Arbeiten nach Deutschland zieht, hängt auch von der Wirtschaftslage und den Verdienstmöglichkeiten im Heimatland ab. Deshalb kommen besonders viele Migranten aus den osteuropäischen Mitgliedsstaaten der EU, darunter 320.000 Polen und knapp 210.000 Rumänen.

In Großbritannien dagegen war die Arbeitslosenquote 2015 mit 5,3 Prozent kaum höher als in Deutschland. Und auch die Verdienste sind auf der Insel kaum geringer als hierzulande.

In Deutschland arbeiten so wenige Briten, dass der Brexit und seine möglichen Folgen für die Arbeitnehmerfreizügigkeit hierzulande kaum zu spüren sein werden.

Der größte Teil der Briten in Deutschland arbeitet im Dienstleistungsbereich, wobei ein Schwerpunkt auf anspruchsvollen unternehmensnahen Diensten wie Forschung und Entwicklung, Unternehmensberatung, Information und Kommunikation sowie Finanzdienstleistungen liegt. Nur ein Fünftel der britischen Arbeitnehmer ist in der Industrie tätig, die meisten von ihnen in der Metall- und Elektro-Industrie.

Ganz überwiegend arbeiten die Briten als Fachkräfte – rund 15.000 auf Stellen, die in aller Regel eine berufliche Ausbildung erfordern. Knapp 17.000 benötigen sogar einen höheren beruflichen Abschluss wie eine Meister- beziehungsweise Fachschulausbildung oder einen Hochschulabschluss. Nur knapp 4.000 Briten üben Jobs aus, die keine abgeschlossene Berufsausbildung verlangen.

Müssen die britischen Beschäftigten in Deutschland und der übrigen EU nun nach einem Brexit ihre Koffer packen? Zumindest nicht zwangsläufig:

  1. Erstens wird es eine Weile dauern, bis die Bedingungen des Austritts verhandelt sind.
  2. Zweitens wäre es möglich, den Briten – wie Schweizern und Norwegern – auch weiterhin Freizügigkeit in der EU zu gewähren. Diese müsste umgekehrt aber auch für EU-Bürger in Großbritannien greifen. Ansonsten werden die Briten ihr Aufenthaltsrecht wohl verlieren.
  3. Drittens könnten die Betroffenen alternativ einen Aufenthaltstitel für Drittstaatler erhalten. Darüber könnte den Briten ein privilegierter Zugang zum Arbeitsmarkt eingeräumt werden, so wie er gegenwärtig bereits für Japaner, US-Amerikaner oder Israelis gilt.

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