Forschung und Studium Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Brexit: Herausforderung für britische Hochschulen

Großbritannien hat bislang in der Forschung und Lehre kräftig von Geld aus Brüssel profitiert. Auch bei Forschungskooperationen und Austauschprogrammen ist das Vereinigte Königreich für andere EU-Länder ein bevorzugter Partner. Wenn die britischen Universitäten nach einem Brexit finanziell so ausgestattet sein sollen wie heute, muss die Regierung in London künftig gut 1 Milliarde Euro jährlich kompensieren.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die große Mehrheit der britischen Hochschullehrer ist gegen den Brexit – wohl auch aus finanziellen Gründen.
  • Allein im Hochschuljahr 2014/15 erhielten die britischen Universitäten rund 1 Milliarde Euro an EU-Forschungsförderung.
  • Im Rahmen des europäischen Austauschprogramms Erasmus flossen 2014 rund 115 Millionen Euro nach Großbritannien.
Zur detaillierten Fassung

Wie schnell man von den Brüsseler Fördertöpfen abgeschnitten wird, hat vor zwei Jahren die Schweiz erfahren müssen: Nach dem Referendum zur Begrenzung der Einwanderung im Februar 2014 war es der Schweiz nicht mehr möglich, die Personenfreizügigkeit mit dem neuen EU-Mitglied Kroatien zu garantieren. Daraufhin strich die EU-Kommission nicht nur die Forschungsförderung für die Eidgenossen, sie kappte auch den Zugang zum Erasmus-Förderprogramm. Zwar können die Schweizer an der Forschungsförderung nun wieder begrenzt partizipieren, allerdings nur bis 2017. Den Großteil der entgangenen Forschungsmittel muss Bern nun ersetzen. Die finanzielle Förderung der Schweizer Schüler und Studenten in europäischen Austauschprogrammen muss das Land sogar ganz alleine stemmen.

All dies könnte auch Großbritannien drohen, sobald der EU-Austritt abgeschlossen ist. Für die britischen Universitäten sind dies „significant challenges“, beachtliche Herausforderungen, wie die Präsidentin der britischen Hochschulrektorenkonferenz, Julia Goodfellow, das Brexit­-Votum kommentiert. Gleichzeitig macht sie klar, dass der Brexit von den britischen Universitäten nicht unterstützt, geschweige denn gewünscht wurde.

Annähernd 90 Prozent der britischen Hochschullehrer vertreten eine proeuropäische Haltung.

Natürlich hat dieser Goodwill gegenüber Brüssel auch finanzielle Gründe. UK ist – nach Deutschland – das zweiterfolgreichste Land bei der Akquise von Fördermitteln:

Zwischen 2007 und Juni 2014 konnten Forscher britischer Unternehmen und Hochschulen fast 7 Milliarden Euro aus dem 7. EU-Forschungsrahmenprogramm einwerben.

Von 2007 bis 2014 sind 7 Milliarden Euro an EU-Forschungsförderung nach Großbritannien geflossen – mehr Geld hat nur Deutschland bekommen.

Im Rahmen dieses Programms wurden 4.208 Projekte mit einem Gesamtvolumen von 18,2 Milliarden Euro unterstützt, an denen sowohl Großbritannien als auch Deutschland beteiligt waren. Im aktuellen EU-Förderprogramm Horizon 2020 trifft dies für 971 Projekte zu, die mit insgesamt 5,3 Milliarden Euro gefördert werden.

Allein im Hochschuljahr 2014/15 erhielten die britischen Universitäten 836 Millionen Pfund EU-Forschungsgelder – das entspricht rund 1 Milliarde Euro.

Eine Studie der britischen Hochschulrektorenkonferenz hat ergeben, dass damit 1,9 Milliarden Pfund erwirtschaftet und 19.000 neue Stellen geschaffen werden konnten.

Von Oxford bis Edinburgh: Erasmus-Land Großbritannien

Doch nicht nur in der Forschung profitieren die Briten von der EU. Auch in der Lehre zahlt sich die Mitgliedschaft aus (Grafik):

Im Rahmen des Erasmus-Programms flossen im Jahr 2014 rund 115 Millionen Euro nach Großbritannien, annähernd die Hälfte davon wurde für die Hochschulbildung verwendet.

Das europäische Austauschprogramm Erasmus wird von den britischen Studenten sehr gut angenommen. Für die jungen Insulaner ist das Erasmus-Studium nicht nur wegen der 300 Euro interessant, die sie monatlich erhalten, sondern vor allem deshalb, weil sich während des Auslandssemesters die Studiengebühren an ihrer Heimatuniversität um 85 Prozent reduzieren. Bei Gebühren von 9.000 Pfund im Jahr ist dies eine erhebliche Ersparnis, zumal die im Ausland erbrachten Studienleistungen zum überwiegenden Teil von den britischen Hochschulen anerkannt werden.

Auch als Gastland könnte Großbritannien nach einem Brexit für Studenten aus anderen EU-Ländern deutlich unattraktiver werden. Derzeit stellen die Nichtinsulaner aus EU-Ländern 5 Prozent der Studenten im Vereinigten Königreich. Von den rund 135.000 deutschen Hochschülern, die 2013 ins Ausland gingen, entschied sich rund jeder achte für Großbritannien. Jeder vierte von ihnen konnte dank des Erasmus-Programms gebührenfrei an einer britischen Hochschule studieren (Grafik).

Noch attraktiver ist das Vereinigte Königreich allerdings für deutsche Auslandspraktikanten im Rahmen des Erasmus-Programms: Hier steht Großbritannien an erster Stelle, mit großem Abstand folgen Spanien und Frankreich.

Wie geht es weiter? Die Teilnahme des Vereinigten Königreichs am Erasmus-Programm für das Studienjahr 2016/17 sei gesichert, teilte Wissenschaftsminister Jo Johnson – Bruder von Brexit-Befürworter Boris Johnson – kurz nach dem Referendum mit. Was dann passiert, hängt laut Ministerium von den künftigen Abkommen zwischen der EU und Großbritannien ab.

Wenn europäische Studenten zu ‚overseas fees‘ vepflichtet werden, wird das Studium in UK richtig teuer.

Denkbar wäre, dass für europäische Studenten in Großbritannien künftig nicht nur die regulären Studiengebühren fällig werden, sondern dass sie wie alle Nicht-EU-Ausländer zu „overseas fees“ verpflichtet werden. Diese Gebühren betragen im Durchschnitt 18.000 Pfund pro Jahr – doppelt so viel wie für britische Studenten. Studenten, die ein Auslandspraktikum in Großbritannien absolvieren möchten, könnten demnächst aufgrund mangelnder finanzieller Förderung und komplizierter Visa-­Anträge abgeschreckt werden. Auch das wäre ungünstig, denn das Auslandspraktikum gilt als Königsweg, um Praxis- und Auslandserfahrung miteinander zu kombinieren.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene

Mehr auf iwkoeln.de