Interview zu regionaler Armut 24.08.2016 Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

„Bremerhaven wird mehrfach blockiert“

Bremerhaven ist die Stadt mit dem höchsten Anteil an Kaufkraftarmen: Fast ein Drittel der 114.000 Einwohner lebt am Rand des Existenzminimums, wenn man das Preisniveau vor Ort berücksichtigt. Warum die Stadt trotz des großen Containerhafens wirtschaftlich nicht auf die Beine kommt, erläutert Bürgermeister und Stadtkämmerer Paul Bödeker.

Kernaussagen in Kürze:
  • Bremerhaven ist ein Standort mit wenigen wirtschaftlichen Schwerpunkten.
  • Die Ausbeute durch den Containerhafen ist nicht sonderlich groß.
  • Bremerhaven ist ein attraktives Urlaubsziel, das wissen allerdings nur wenige Touristen.
Zur detaillierten Fassung

Herr Bödeker, in Bremerhaven sind fast 30 Prozent der Bürger kaufkraftarm, so viele wie nirgendwo sonst in Deutschland. Überrascht Sie dieser Befund?

Nein, denn wir haben eine ganze Reihe großer Schwierigkeiten. Bremerhaven ist ein Standort mit wenigen wirtschaftlichen Schwerpunkten: die Werften, der Hafen und die Offshore-Energie. Die ersten beiden Branchen laufen nicht gut und bei der Offshore-Energie kommen wir nicht schnell genug weiter.

Bremerhaven hat nach Hamburg den zweitgrößten deutschen Hafen. Angesichts der voranschreitenden Globalisierung ist das doch ein echtes Pfund, oder nicht?

Wir würden profitieren, wenn das, was bei uns umgeschlagen wird, auch hier bearbeitet werden würde. Die Waren werden aber auf Züge oder Lastwagen geladen und fahren Richtung Süddeutschland. Die Ausbeute durch den Hafen ist also nicht sonderlich groß. Früher gab es viele Hafenarbeiter, heute erledigen diese Arbeiten drei Mann: ein Containerfahrer, ein Mitarbeiter für die Beladung und einer im Kran.

Was tun Sie gegen diesen Trend?

Wir halten Gewerbeflächen vor, damit die Betriebe einen Anreiz haben, die Ware hier weiter zu bearbeiten.

Wie steht es um die Zukunftsbranche Offshore-Energie?

Da werden wir mehrfach blockiert. Wir wollen einen neuen Offshore- und Schwerlasthafen bauen, weil der Containerhafen ausgelastet ist. Wir können aber mit dem Neubau nicht anfangen, weil zum einen das Planfeststellungsverfahren zur Vertiefung der Unterweser noch von Brüssel geprüft werden muss und zum anderen der BUND eine Klage wegen der Umweltverträglichkeit eines zusätzlichen Hafens angestrengt hat.

Die Bundesregierung hat beschlossen, die neuen Stromleitungen, die den Offshore-Strom nach Süddeutschland transportieren sollen, zuerst an der Ostsee zu bauen. Wir an der Nordsee haben also erst mal keinen Anschluss. (Paul Bödeker)

Hinzu kommt, dass die Bundesregierung beschlossen hat, die neuen Stromleitungen, die den Offshore-Strom nach Süddeutschland transportieren sollen, zuerst an der Ostsee zu bauen. Wir an der Nordsee haben also erst mal keinen Anschluss.

Auch das Armutsrisiko für Kinder ist in Bremerhaven mit fast 55 Prozent dramatisch hoch.

Bei dieser Zahl darf man nicht vergessen, dass wir viele Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien haben, die mit vielen Kindern kommen.

Warum ist Bremerhaven für Bulgaren und Rumänen ein bevorzugtes Ziel?

Weil Bremerhaven vergleichsweise viele einfache Jobs anbietet. Ich will aber auch nicht verhehlen, dass wir in diesem Zusammenhang auch Probleme mit Sozialbetrug hatten.

Machen wir eine gedankliche Zeitreise. Wo sehen Sie Bremerhaven in zehn Jahren?

Ich hoffe, dass wir den Strukturwandel hinbekommen. Dazu gehört auch, neue Wohngebiete in der Stadt zu erschließen, damit wir auch die Steuereinnahmen jener Pendler erhalten, die im Umland in Niedersachsen wohnen, aber bei uns in Bremerhaven arbeiten.

Im sozialen Bereich wünsche ich mir, dass wir alle Organisationen, die sich zum Beispiel mit der Jugendförderung beschäftigen, zusammenfassen und optimieren. Außerdem möchte ich mehr junge Leute für die duale Berufsausbildung gewinnen.

Im Tourismus dagegen sind wir heute schon erfolgreich: Im vergangenen Jahr hatten wir mehr als 380.000 Übernachtungen. Bremerhaven ist ein attraktives Urlaubsziel: Wir haben das Deutsche Auswandererhaus, das Klimahaus, den Zoo am Meer, das Deutsche Schifffahrtsmuseum und den Fischereihafen mit einem Theater, zwei Hotels und vielen Restaurants. Das wissen nur viel zu wenige, das Marketing muss hier noch besser werden.

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