Olympia 27.07.2016 Lesezeit 2 Min. Lesezeit 1 Min.

Brasilien in der Formkrise

Während die Sportler bei den anstehenden Olympischen Spielen topfit auf Medaillenjagd gehen, präsentiert sich die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas in erschreckend schwacher Form. Die Politik verharrt im Chaos und die Wirtschaftsleistung schrumpft. Die Gründe dafür sind zahlreich.

Kernaussagen in Kürze:
  • Das brasilianische Bruttoinlandsprodukt ist 2015 real um fast 4 Prozent geschrumpft.
  • Das Land muss nicht nur die politische Krise bewältigen, sondern auch eine Reihe gravierender Strukturprobleme lösen.
  • Im Jahr 2015 verringerten sich die deutschen Warenexporte nach Brasilien um fast 5 Prozent, in den ersten vier Monaten des Jahres 2016 lagen sie sogar um gut 17 Prozent unter dem Vorjahreswert.
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Vor nicht allzu langer Zeit gehörte Brasilien zu den Musterschülern unter den Schwellenländern. Die Wirtschaft wuchs kräftig und ausländische Unternehmen setzten große Hoffnungen in die Zukunft des Landes – laut Weltbank flossen allein im Jahr 2011 annähernd 100 Milliarden Dollar an ausländischen Direktinvestitionen ins Land.

Die brasilianische Wirtschaftsleistung ist 2015 real um fast 4 Prozent geschrumpft – so stark wie nie zuvor.

Doch inzwischen ist vom Wirtschaftswunder am Zuckerhut fast nichts mehr übrig (Grafik):

Im Jahr 2015 ist das brasilianische Bruttoinlandsprodukt (BIP) real um fast 4 Prozent geschrumpft – die wohl schwerste Rezession in der Geschichte des Landes.

Vor allem das ewige Gezerre um die Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff ist Gift für das Investi­tionsklima im Land. Die Unternehmen streichen massenhaft Stellen, die Arbeitslosenquote beträgt mehr als 11 Prozent und ist damit so hoch wie seit über zehn Jahren nicht mehr. Und die Verbraucher leiden unter der hohen Inflation, die ihre Kaufkraft schwächt.

Auch der Staat steckt in finanziellen Schwierigkeiten: Das Haushaltsdefizit hat 2015 die Marke von 10 Prozent des BIP überschritten und die Schuldenquote ist allein seit 2014 um mehr als 10 Prozentpunkte auf annähernd 74 Prozent des BIP gestiegen.

Brasilien hat viele Strukturprobleme zu lösen

Bessern wird sich die Lage vorerst kaum. Denn das Land muss nicht nur die politische Krise bewältigen, sondern auch eine Reihe gravierender Strukturprobleme lösen:

Mangelhafte Infrastruktur. Eine Mammutaufgabe besteht darin, die Infrastruktur zu modernisieren und auszubauen, um die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft zu erhöhen. Der Staat muss auch das Rentensystem anpacken und dessen Finanzierung in den Griff bekommen – derzeit gehen viele Brasilianer schon mit 55 Jahren in den Ruhestand.

Rohstoffabhängigkeit. Zudem beruht das Wirtschaftsmodell Brasiliens nach wie vor zu stark auf der Förderung und dem Export von Rohstoffen wie zum Beispiel Erzen. Folglich haben die aktuell niedrigen Preise auf den Rohstoffmärkten den Abwärtstrend der brasilianischen Wirtschaft noch beschleunigt.

Diese Turbulenzen machen auch den deutschen Exporteuren schwer zu schaffen. Im Jahr 2014 war Brasilien für die deutsche Industrie der wichtigste Absatzmarkt in Lateinamerika. Vor allem Maschinen, Chemieprodukte sowie Fahrzeuge gehören zu den bedeutenden Exportgütern. Doch zuletzt sind die Ausfuhren stark zurückgegangen:

Im Jahr 2015 verringerten sich die deutschen Warenexporte nach Brasilien um fast 5 Prozent, in den ersten vier Monaten des Jahres 2016 lagen sie sogar um gut 17 Prozent unter dem Vorjahreswert.

Besonders betroffen ist die Automobilindustrie, deren Lieferungen an Brasilien 2015 um gut ein Viertel geringer ausfielen als ein Jahr zuvor. Für 2016 zeichnet sich eine ähnlich negative Entwicklung ab.

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