Willkommenskultur Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

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Der demografische Wandel führt in Deutschland zu Fachkräfteengpässen und Problemen in den umlagefinanzierten Sozialsystemen. Qualifizierte Zuwanderung aus dem Ausland könnte diesen Entwicklungen entgegenwirken. Dazu braucht Deutschland nicht nur liberale Zuwanderungsregelungen, sondern auch eine gelebte und offene Willkommenskultur.

Kernaussagen in Kürze:
  • Der demografische Wandel führt in Deutschland zu Fachkräfteengpässen und Problemen in den umlagefinanzierten Sozialsystemen.
  • Damit der Zustrom an qualifizierten Fachkräften nicht abebbt, muss Deutschland verstärkt um Zuwanderer aus Ländern werben, in denen die Bevölkerung stetig wächst.
  • Zwar stehen 69 Prozent der Deutschen Migranten positiv gegenüber, beinahe genauso viele fürchten aber auch, dass sie eine Belastung darstellen könnten.
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Deutschland ist Einwanderungsland: Im Jahr 2012 kamen fast 370.000 Menschen mehr in die Bundesrepublik, als von hier wegzogen. Und „die Neuen“ sind gut ausgebildet: Der Anteil an Akademikern unter jenen Zugewanderten, die in den vergangenen zehn Jahren nach Deutschland gezogen sind, liegt mit 27 Prozent über dem der deutschen Gesamtbevölkerung (18 Prozent).

Dies ist aber kein Grund, sich zurückzulehnen: Denn der Großteil der Migranten, die sich in Deutschland ansiedeln, stammt aus Europa. Die meisten Zuwanderer kamen 2012 aus Polen, Rumänien und Bulgarien. All diese Länder haben jedoch selbst demografische Probleme.

Damit der Zustrom an qualifizierten Fachkräften nicht abebbt, muss Deutschland deshalb verstärkt um Zuwanderer aus Ländern werben, in denen die Bevölkerung stetig wächst. Dies ist vor allem in Süd- und Südostasien der Fall.

Um Einwanderer zu gewinnen, wird es jedoch nicht ausreichen, die Zugangswege für Angehörige aus Drittstaaten weiter zu öffnen – zum Beispiel mit der Blauen Karte EU. Menschen aus dem Ausland müssen gezielt angesprochen und auf dem Weg in den deutschen Arbeitsmarkt und die deutsche Gesellschaft begleitet werden. In der Öffentlichkeit hat sich dafür der Begriff der Willkommenskultur etabliert. Den Neuzugewanderten soll das Gefühl vermittelt werden, hierzulande erwünscht und willkommen zu sein – eine Aufgabe, die gleichermaßen auf Behörden, Unternehmen und die Gesellschaft in Deutschland zukommt.

Die meisten Migranten müssen in Deutschland die eine oder andere Hürde bewältigen. Viele Zuwanderer sind über ihre Zukunftsperspektiven in der Bundesrepublik nur unzureichend informiert. Das betrifft vor allem Visa- und Anerkennungs­fragen, aber auch ganz alltägliche Dinge des Lebens. Die größten Probleme, mit denen Ausländer in Deutschland zu kämpfen haben:

  1. Bürokratie. Trotz der schrittweisen Liberalisierung des Zuwanderungsrechts seit 2005 empfinden immer noch viele Zuwanderer aus Drittstaaten die deutschen Einreise­bestimmungen als wenig transparent und schwer verständlich. Vor allem die Vergabe der Aufenthalts­titel wird oft als undurchsichtig und langwierig angesehen. Wünschenswert wäre ein elektronisches System der Aktenführung, das es Zuwanderern ermöglicht, Visaanträge online zu stellen und Verfahrensprozesse abzufragen. Um ausländischen Fachkräften langfristig eine Perspektive in Deutschland zu bieten, sollte zudem die Blaue Karte EU ohne Befristung ausgegeben werden.
  2. Anerkennung von Abschlüssen. Während die Hochschulen bei der Prüfung ausländischer Hochschulabschlüsse relativ gut aufgestellt sind, lässt die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse häufig zu wünschen übrig. Laut einer Umfrage hat jeder zehnte Europäer große Bedenken, ob seine Qualifikationen im europäischen Ausland anerkannt werden. Um den Zuzug von Fachkräften zu fördern, ist es deshalb unerlässlich, klare Regelungen und einfache Verfahren für die Anerkennung ausländischer Abschlüsse zu schaffen.
  3. Sprache. Sprachliche Defizite von Bewerbern sind gerade für die von Fachkräfteengpässen betroffenen kleinen und mittleren Unternehmen im Verarbeitenden Gewerbe besonders hinderlich. Aber auch für die Zuwanderer selbst sind mangelnde Sprachkenntnisse die größte Hürde bei der Arbeitsplatzsuche. In der Europäischen Union lernen daher viele Auswanderungswillige bereits in ihrem Heimatland eine neue Sprache (Grafik).

Dennoch können Arbeitgeber in Deutschland nicht davon ausgehen, dass alle ausländischen Fachkräfte bereits mehr oder minder perfekt Deutsch sprechen. Um ihnen die Jobsuche zu erleichtern, sollten Unternehmen deshalb Stellenausschreibungen auch in Englisch veröffentlichen.

  1. Informations- und Beratungsangebote. Potenzielle Zuwanderer spricht man am besten bereits in ihrem Heimatland mit Informations- und Beratungsangeboten an. Dies kann über Internetplattformen wie das Willkommensportal www.make-it-in-germany.com geschehen oder auch über spezielle Ansprechpartner in den deutschen Institutionen im Ausland – etwa in den Auslandshandelskammern. Ebenso wünschenswert wären unbürokratische Möglichkeiten, das Leben in Deutschland kennenzulernen, beispielsweise in Form von Praktika oder Studienaufenthalten.

In Deutschland selbst sollten die Behördengänge für Zuwanderer gebündelt werden, sodass Neuankömmlinge nicht nur in Visa-, sondern auch in Bildungs-, Integrations- und Beschäftigungsangelegenheiten von einer Stelle beraten werden. Solche One-Stop-Shops nach dem Modell des Hamburger Welcome Centers wären in allen deutschen Kommunen wünschenswert und auch in den Auslandsvertretungen denkbar.

  1. Gesellschaftliche Akzeptanz. Derzeit haben viele Deutsche eine ambivalente Haltung gegenüber Zuwanderern (Grafik):

Zwar stehen 69 Prozent der Deutschen Migranten positiv gegenüber, beinahe genauso viele fürchten aber auch, dass sie eine Belastung darstellen könnten.

Für eine Willkommenskultur in der Gesellschaft ist also noch Überzeugungsarbeit zu leisten. Um mehr Offenheit zu erreichen, könnten zum Beispiel die positiven Aspekte der Zuwanderung stärker in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt werden. Dazu zählen etwa Best-Practice-Beispiele wie gelungenes Diversity-Management in Unternehmen oder individuelle Erfolgsgeschichten von Migranten.

Justina Alichniewicz / Wido Geis / J. Michaelle NintcheuWillkommenskultur – Wie Deutschland für ausländische Fachkräfte attraktiver werden kannIW-Positionen Nr. 65, Köln 2014, 44 Seiten, 11,80 EuroVersandkostenfreie Bestellung unter: www.iwmedien.de/bookshop

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