Branchenkonjunktur Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Bislang nur wenige Blessuren

Die Schuldenkrise in der Eurozone verschärft sich – davon bleibt auch die deutsche Wirtschaft nicht unberührt. Vor allem in der Industrie ist die Erholung ins Stocken geraten. Im Vergleich zu den meisten anderen europäischen Ländern sind die Konjunkturperspektiven in Deutschland aber noch recht günstig. Daher blieben die hiesigen Unternehmen quer durch alle Branchen bis zuletzt überwiegend zuversichtlich.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Schuldenkrise in der Eurozone verschärft sich – davon bleibt auch die deutsche Wirtschaft nicht unberührt.
  • Die jüngsten Prognosen verschiedener Wirtschaftsexperten gehen davon aus, dass die Produktion der deutschen Industrie 2012 im Schnitt immerhin um 1 Prozent zulegen wird.
  • Im Westen erwarten 48 Prozent der Investitionsgüterhersteller einen Zuwachs ihrer Fertigung, im Osten sind es sogar 58 Prozent.
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Die südlichen Euroländer haben nach wie vor schwer mit ihren hohen Schulden und der rückläufigen Wirtschaftsleistung zu kämpfen; in jüngster Zeit hat sich die Situation sogar nochmals verschlechtert (vgl. Seite 1-3). Verglichen damit präsentiert sich die deutsche Wirtschaft nach wie vor in sehr robuster Verfassung. Nachdem das um Preis-, Saison- und Kalendereffekte bereinigte Bruttoinlandsprodukt im vierten Quartal 2011 gesunken war, gab es im ersten Vierteljahr 2012 gegenüber dem Vorquartal wieder ein Plus von 0,5 Prozent – deutlich mehr, als Konjunkturforscher erwartet hatten.

Bei genauem Hinsehen hinterlässt die Krise im Süden Europas aber durchaus ihre Spuren in der deutschen Konjunkturentwicklung. Dies gilt in erster Linie für die größtenteils besonders exportorientierte Industrie. Dort war der Trend zuletzt nicht allzu positiv (Grafik):

Verglichen mit dem jeweiligen Vorquartal sank die industrielle Bruttowertschöpfung im vierten Quartal 2011 real um 1,7 Prozent und trat im ersten Vierteljahr 2012 nahezu auf der Stelle.

Damit haben sich die Industriebetriebe auch nicht weiter von jenem Einbruch erholt, den sie aufgrund der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 und 2009 erlitten hatten: Die preis-, saison- und kalenderbereinigte Bruttowertschöpfung ist noch immer rund 8 Prozent niedriger als Anfang 2008.

In den anderen großen Wirtschaftsbereichen sieht es deutlich besser aus. Im Dienstleistungssektor übersteigt die reale Wertschöpfung das Niveau von vor vier Jahren mittlerweile um fast 5 Prozent, und der Aufwärtstrend setzte sich bis zuletzt fort. Das Baugewerbe verbuchte 2011 mit 3,5 Prozent sogar das höchste Plus seit 1994. Auch im Winterhalbjahr 2011/12 konnten die Baufirmen Zuwächse vermelden.

Dadurch haben diese beiden Sektoren die Konjunktur in jüngster Zeit maßgeblich angetrieben und die von den Turbulenzen auf den Auslandsmärkten verursachte Stagnation der Industrie aufgefangen.

Schwarz muss man aber auch für das Verarbeitende Gewerbe nicht sehen – vor allem im internationalen Vergleich sind die Aussichten nach wie vor recht gut (Grafik):

Die jüngsten Prognosen verschiedener Wirtschaftsexperten gehen davon aus, dass die Produktion der deutschen Industrie 2012 im Schnitt immerhin um 1 Prozent zulegen wird.

Nur die Perspektiven für die USA und Japan sind deutlich besser als für die Bundesrepublik – das erwartete Produktionsplus der japanischen Industrie von fast 5 Prozent ist allerdings im Wesentlichen darauf zurückzuführen, dass sich die Firmen von der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe erholen. In vielen anderen Ländern dürfte die Industrieproduktion dagegen stagnieren. Für die Euro-Krisenstaaten befürchten die Konjunkturforscher sogar ein Minus von bis zu 7 Prozent.

Zwar sind sich die Experten auch beim Blick auf Deutschland nicht ganz einig. Den Optimisten, die ein Plus der Industrieproduktion von über 2 Prozent für möglich halten, stehen Pessimisten gegenüber, die von einem Rückgang um gut 1 Prozent ausgehen. Ohnehin sind diese Prognosen nicht in Stein gemeißelt, vor allem, wenn sich die Krise im Euroraum weiter zuspitzen sollte.

Doch zumindest bislang haben die Probleme der anderen Länder die deutsche Wirtschaft nicht aus dem Tritt gebracht, und die Betriebe sind überwiegend zuversichtlich. So gehen 39 Prozent der vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) im Frühjahr befragten Unternehmen für 2012 von einer steigenden Produktion aus, nur knapp 17 Prozent erwarten einen sinkenden Output (vgl. iwd 17/2012). Dabei zieht sich der Optimismus quer durch alle Bereiche einschließlich der Industrie (Grafik). Zudem sind die Zahlen sowohl für West- als auch für Ostdeutschland zumeist ermutigend:

  1. Industrie. Fast 40 Prozent der westdeutschen und sogar 47 Prozent der ostdeutschen Unternehmen gehen von einem Produktionsplus im Jahr 2012 aus, nur 20 bzw. 15 Prozent von einem Rückgang. Besonders positiv gestimmt sind dabei die Hersteller von Maschinen und Produktionsanlagen:

Im Westen erwarten 48 Prozent der Investitionsgüterhersteller einen Zuwachs ihrer Fertigung, im Osten sind es sogar 58 Prozent.

Die Konsumgüterproduzenten sind zwar insgesamt zurückhaltender, doch die relative Mehrheit äußert sich ebenfalls positiv.

  1. Bauwirtschaft. Hier konzentriert sich der Optimismus auf die alten Bundesländer, wo immerhin 38 Prozent der Firmen mit einem weiteren Anstieg der Bauleistungen rechnen. In Ostdeutschland tun dies zwar nur 24 Prozent, allerdings ist dieser Anteil immer noch höher als die Quote jener Betriebe, die schlechtere Geschäfte erwarten (22 Prozent).
  2. Dienstleistungen. Die Perspektiven der Servicebranchen sind fast identisch mit denen der Gesamtwirtschaft – was angesichts des rund 70-prozentigen Anteils der Dienstleistungen am Bruttoinlandsprodukt wenig überrascht. Auch unterscheiden sich die Einschätzungen innerhalb Deutschlands kaum. Im Westen gehen 38 Prozent der Serviceunternehmen davon aus, dass sie 2012 bessere Geschäfte machen als im Vorjahr; im Osten sind es 36 Prozent. Lediglich 16 Prozent der westdeutschen Dienstleister und nur 13 Prozent der Betriebe im Osten befürchten eine Verschlechterung.

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