Bildungspolitik: Vom Ausland lernen
Die Bildungsqualität in Deutschland hat sich seit 2013 im Durchschnitt verschlechtert. Um der größeren Heterogenität der Kinder und Jugendlichen gerecht zu werden, braucht es neue Ansätze in der Bildungspolitik.
- Der bundesweite Durchschnittswert der 13 untersuchten Handlungsfelder des INSM-Bildungsmonitors ist im Jahr 2025 im Vergleich zu 2013 gesunken.
- Am meisten verschlechtert haben sich die Handlungsfelder Integration, Schulqualität und Bekämpfung von Bildungsarmut.
- Um der heterogener gewordenen Schülerschaft gerecht zu werden sowie die Folgen der Schulschließungen während der Coronapandemie zu bewältigen, sollten die Schulen in Deutschland mehr Autonomie erhalten und die Schüler regelmäßig standardisierte Tests absolvieren.
Dass Kinder und Jugendliche bestmöglich gefördert und ausgebildet werden sollten, ist eigentlich selbstverständlich. Umso mehr gilt dies für ein Land wie Deutschland, in dem aufgrund des demografischen Wandels künftig weniger Menschen einer Erwerbstätigkeit nachgehen werden als heute. Doch die Bildungseinrichtungen fördern die Potenziale des Nachwuchses hierzulande nicht ausreichend, wie die Ergebnisse des vom IW erstellten INSM-Bildungsmonitors 2025 zeigen:
Der bundesweite Durchschnittswert der 13 untersuchten Handlungsfelder ist im Vergleich zum INSM-Bildungsmonitor 2013 gesunken.
Am meisten verschlechtert hat sich mit einem Rückgang von fast 44 Punkten die Integration, also die Fähigkeit des Bildungssystems, Kompetenzen und Abschlüsse einer Person bestmöglich von ihrer Herkunft zu entkoppeln. Auch die Schulqualität (minus 28,2 Punkte) und die Bekämpfung von Bildungsarmut (minus 26 Punkte) haben sich seit 2013 bundesweit negativ entwickelt.
Die Bildungssysteme in Schweden, Dänemark, dem Vereinigten Königreich und Kanada sind auch deshalb erfolgreicher als in Deutschland, da diese Länder den Schulen mehr Autonomie verleihen und regelmäßig Vergleichsarbeiten durchführen.
Trotz des insgesamt schlechteren Durchschnittswerts gibt es aber auch einige Bereiche im Bildungssystem, die sich seit 2013 verbessert haben: Die Internationalisierung – hierzu zählt etwa der Fremdsprachenunterricht, aber auch der Anteil der Bildungsausländer an den Hochschulen – konnte um 34,1 Punkte zulegen, die Förderinfrastruktur um 18,3 Punkte und die Betreuungsbedingungen in den Kitas und Schulen um 18,2 Punkte.
Doch wie sieht es konkret vor Ort aus? Schließlich ist die schulische und überwiegend auch hochschulische Bildung Ländersache. Ein Blick auf die 16 Bundesländer zeigt (Grafik):
Sachsen schneidet in den meisten Handlungsfeldern sehr gut ab und ist 2025 – wie in den Jahren zuvor – mit rund 65 Punkten Sieger im INSM-Bildungsmonitor.
Sachsens besondere Stärken sind die Schulqualität, die Forschungsorientierung, die Vermeidung von Bildungsarmut sowie die Förderinfrastruktur, zu der Investitionen in die frühkindliche Bildung und viele Ganztagsangebote an Schulen zählen. Gleichwohl gibt es auch hier noch Verbesserungsbedarf – etwa bei der Zeiteffizienz, der Digitalisierung und den Betreuungsrelationen, vor allem in den Kindertagesstätten.
Den zweiten Platz im Ranking erreicht Bayern. Der Freistaat schneidet in mehreren Handlungsfeldern überdurchschnittlich gut ab, darunter in der Förderung der beruflichen Bildung, der Vermeidung von Bildungsarmut, der Schulqualität und der Internationalisierung. Nachbessern muss Bayern insbesondere bei der Förderinfrastruktur.
Den dritten Platz im INSM-Bildungsmonitor 2025 belegt Hamburg, das besonders gut bei der Internationalisierung und den Betreuungsbedingungen abschneidet. In Sachen Schulqualität und Vermeidung von Bildungsarmut hat die Hansestadt allerdings noch Aufholbedarf.
Wie können die Schulen in Deutschland der heterogener gewordenen Schülerschaft gerecht werden?
Da die bisherigen Anstrengungen im Bildungssystem offenbar nicht ausreichen, um der heterogener gewordenen Schülerschaft gerecht zu werden sowie die Folgen der Schulschließungen während der Coronapandemie zu bewältigen, muss die Bildungspolitik neue Wege beschreiten, um die Qualität in den Schulen zu steigern. In Dänemark, dem Vereinigten Königreich, Schweden und Kanada etwa erzielen die Schülerinnen und Schüler bessere PISA-Ergebnisse als in Deutschland oder weisen einen geringeren Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildungserfolg auf, obwohl es sich bei allen vier Staaten ebenfalls um Einwanderungsländer handelt.
Ein Erklärungsansatz für das erfolgreichere Bildungssystem dieser Länder ist, dass sie den Schulen mehr Autonomie verleihen und regelmäßig Vergleichsarbeiten durchführen. In Schweden beispielsweise finden für alle 15-jährigen Schüler mindestens einmal im Jahr standardisierte Tests statt, in Deutschland nur für 60 Prozent der Jugendlichen. Zudem leiten sich aus den hiesigen Testresultaten zu wenig Maßnahmen ab (Grafik):
In der Bundesrepublik führen die Ergebnisse aus standardisierten Tests seltener zu Qualitätsverbesserungen an den Schulen als in den vier Vergleichsländern und als in den OECD-Ländern insgesamt.
Dabei hätten die Bildungsverantwortlichen eine breite Mehrheit der Eltern für genau solch ein Vorgehen hinter sich: Die aktuelle IW-Personenbefragung zeigt, dass jeweils etwa zwei Drittel der Personen mit einem Schulkind im Haushalt dafür sind, den Schulen in Deutschland mehr Gestaltungsfreiheit einzuräumen sowie Vergleichsarbeiten durchzuführen, um die Unterrichtsqualität zu verbessern.