Niedriglöhne Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Besser als ihr Ruf

Der Niedriglohnsektor in Deutschland wächst. Doch das bedeutet nicht, dass deswegen die sozialen Probleme zunehmen. Im Gegenteil: Die Alternative zu einer geringbezahlten Stelle ist oftmals nur die Arbeitslosigkeit – und dort droht ein viel größeres Armutsrisiko.

Kernaussagen in Kürze:
  • Der wachsende Niedriglohnsektor suggeriert nicht unmittelbar wachsende soziale Probleme, da eher Arbeitslose anstelle von Niedriglohnbeziehern von einem unter höheren Armutsrisiko leiden.
  • Das größte Armutsrisiko tragen Arbeitslose: 56 Prozent.
  • Knapp 59 Prozent der ehemals armutsgefährdeten Personen schaffen es durch einen Niedriglohnjob, aus ihrer Lage herauszukommen.
Zur detaillierten Fassung

Rund 22 Prozent der Beschäftigten arbeiteten 2010 für weniger als 9 Euro brutto die Stunde – diese Niedriglohnschwelle entspricht zwei Dritteln des mittleren Lohns in Deutschland.

Auf den größten Anteil an Niedriglöhnern kommen das Gastgewerbe sowie die Land- und Forstwirtschaft, wo 60 beziehungsweise 37 Prozent der Beschäftigten wenig verdienen. Die meisten – nahezu die Hälfte der Niedriglohnbeschäftigten – arbeiten zudem in kleinen Betrieben mit weniger als 20 Mitarbeitern. Zwar ist der Anteil der Niedriglöhner an allen Arbeitnehmern seit dem Jahr 2007 leicht rückläufig. Doch in den zehn Jahren davor haben die Jobs mit der kleinen Bezahlung einen Höhenflug hingelegt: 1997 arbeiteten erst 17 Prozent der Beschäftigten zu Niedriglöhnen.

Aus der Zunahme der geringentlohnten Tätigkeiten schließen viele, dass gleichzeitig auch die sozialen Probleme der Arbeitnehmer gewachsen seien – und begründen damit die Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn. Dabei war und ist ein Niedriglohnjob für viele Menschen die einzige Chance, überhaupt wieder eine Arbeit zu finden.

In den Boom-Zeiten des Niedriglohnsektors, also zwischen 1997 und 2007, ging der Anteil der inaktiven oder arbeitslosen Bevölkerung im Erwerbsalter mindestens in dem Maße zurück, wie die Zahl der Geringverdiener stieg.

Der Niedriglohnsektor ist daher nicht auf Kosten normal bezahlter Arbeitsplätze gewachsen – der Anteil der Beschäftigten mit höheren Löhnen blieb konstant.

Auch die Behauptung, ein wachsender Niedriglohnsektor sei ein Indiz für zunehmende soziale Probleme der Beschäftigten, stimmt nicht. Denn nicht alle, die für ihre Arbeit nur ein kleines Salär beziehen, müssen damit auch auskommen. Oft fließt noch aus anderen Quellen Geld in die Haushaltskasse, meist handelt es sich dabei um das Einkommen des Partners. Wenn es gar nicht anders geht, hieven auch ergänzende Transferleistungen wie Hartz IV oder Wohngeld das Haushaltseinkommen über die Armutsgrenze.

Oft reicht bereits ein kleiner Nebenverdienst, um die Armutsschwelle zu überwinden. So erhält ein Alleinstehender je nach Wohnkosten rund 740 Euro Arbeitslosengeld II. Da seine Armutsgrenze bei rund 880 Euro liegt, würde ihm schon ein Minijob genügen, um sie zu überschreiten – selbst bei einem Stundenlohn von nur 7 Euro ist dieses Ziel schon nach zehn Stunden Arbeit in der Woche erreicht. Unterm Strich sind die wenigsten Geringverdiener arm – nur rund jeder Sechste ist von Armut bedroht (Grafik):

Das größte Armutsrisiko tragen Arbeitslose: Rund 56 Prozent laufen Gefahr, in Armut zu leben.

Auch Schüler und Studenten sowie Nichterwerbstätige zählen überdurchschnittlich häufig zu den armutsgefährdeten Personen. Dass Arbeitnehmer, die eine Beschäftigung im Niedriglohnsektor beginnen, sich sozial eher verbessern als verschlechtern, zeigt ein Vorher-Nachher-Vergleich (Grafik):

Knapp 59 Prozent der ehemals armutsgefährdeten Personen schaffen es durch einen Niedriglohnjob, aus ihrer Lage herauszukommen.

Und auch andersherum gilt: Die meisten Menschen, die vor ihrem Eintritt in den Niedriglohnsektor nicht arm waren, werden das auch später mit dem Job nicht. Über den gesamten Zeitraum von 1994 bis 2010 hinweg gerechnet hatten lediglich gut 6 Prozent der zuvor nicht armen Personen nach ihrer Arbeitsaufnahme mit Armutsproblemen zu kämpfen. In absoluten Zahlen ausgedrückt heißt das:

Von 1994 bis 2010 wurden in gut 2,1 Millionen Fällen zuvor nicht arme Arbeitnehmer mit der Aufnahme einer Niedriglohnbeschäftigung arm, aber umgekehrt konnten in rund 4,2 Millionen Fällen Arme den Sprung über die Armutsschwelle schaffen.

Allerdings steht und fällt das Armutsrisiko nicht nur mit einem Job, sondern auch mit der privaten Situation. So kann es steigen, wenn Familienzuwachs ansteht oder der Partner wegen einer Trennung auszieht. Nichtsdestotrotz gilt: Ob man im Anschluss an einen Niedriglohnjob immer noch armutsgefährdet ist, hängt stark vom weiteren beruflichen Weg ab: Von 1994 bis 2010 gelang es rund 1 Million Menschen, mit einem Wechsel in eine normal entlohnte Beschäftigung über die Armutsschwelle zu springen. Umgekehrt gab es nur knapp halb so viele Beschäftigte, die trotz eines Normalverdiener-Jobs plötzlich mit einem Armutsrisiko konfrontiert waren.

Anders sieht es für Niedriglöhner aus, die nach ihrer Tätigkeit arbeitslos wurden: Zwischen 1994 und 2010 rutschten 1,6 Millionen Geringverdiener durch den Verlust ihres Jobs in die Armut – während sie gearbeitet hatten, plagten sie diese Sorgen nicht.

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