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Autoindustrie Lesezeit 3 Min.

Automobilbranche in Deutschland: Ausgebremst, aber nicht überholt

Die Automobilindustrie am Standort Deutschland kämpft seit einigen Jahren mit rückläufigen Produktionszahlen. Das ist aber keine hausgemachte Krise – im Vergleich mit anderen europäischen Autonationen schlägt sich die Bundesrepublik sogar recht gut.

Kernaussagen in Kürze:
  • Der Anteil Europas an der weltweiten Pkw-Produktion hat sich von 36 Prozent im Jahr 2000 auf 18,5 Prozent im Jahr 2024 fast halbiert.
  • Der mit Abstand größte Produktionsstandort in Europa ist aber nach wie vor Deutschland, die Bundesrepublik war 2024 für fast ein Drittel des gesamteuropäischen Outputs verantwortlich.
  • Der innereuropäische Vergleich mit anderen etablierten europäischen Produktionsstandorten zeigt, dass der Standort Deutschland sich nicht nur besser halten konnte als die Konkurrenz, sondern es bislang auch eher geschafft hat, Produktionsverluste in Absatzkrisen wieder wettzumachen.
Zur detaillierten Fassung

Die deutsche Automobilindustrie steht unter Druck, die Umstellung auf alternative Antriebe sowie eine fortschreitende Deglobalisierung stellen die Hersteller vor große Herausforderungen. Doch entgegen der hierzulande verbreiteten Wahrnehmung kann von einer spezifisch deutschen Krise keine Rede sein. Vielmehr hat die gesamte europäische Autoindustrie an Gewicht verloren (Grafik):

Im Jahr 2024 produzierten die Autobauer in der EU und dem Vereinigten Königreich insgesamt rund 12,5 Millionen Pkw – fast vier Millionen weniger als 2015.

Produzierte Pkw in 1.000 Download: Grafik (JPG) herunterladen Grafik (EPS) herunterladen Tabelle (XLSX) herunterladen

Anders ausgedrückt: Die Produktion ist innerhalb von knapp zehn Jahren um fast ein Viertel gesunken.

Die Folge: Der Anteil Europas – Russland und die Türkei nicht mit eingerechnet – an der weltweiten Pkw-Produktion hat sich von 36 Prozent im Jahr 2000 auf 18,5 Prozent im Jahr 2024 fast halbiert, der Schwerpunkt der globalen Autoindustrie liegt inzwischen in Asien. Treiber dieser Entwicklung war China, das im vergangenen Jahr mehr als doppelt so viele Pkw produzierte wie alle EU-Mitgliedsstaaten und das Vereinigte Königreich zusammen.

Der Anteil Europas an der weltweiten Pkw-Produktion hat sich von 2000 bis 2024 fast halbiert. Der mit Abstand größte Produktionsstandort in Europa ist aber nach wie vor Deutschland.

Doch auch innerhalb von Europa haben sich die Kfz-Produzenten umorientiert – weg von alteingesessenen westeuropäischen Standorten wie Frankreich, dem Vereinigten Königreich oder Italien hin zu billigeren Produktionsstätten in Osteuropa wie zum Beispiel Tschechien, das sich mittlerweile zum drittgrößten Herstellungsland in Europa gemausert hat. Diese Bewegung ist allerdings seit einigen Jahren ins Stocken geraten, vor allem die Kleinwagenproduzenten für den europäischen Markt siedeln sich zunehmend in Ländern außerhalb der EU an – beispielsweise in der Türkei oder Marokko.

Bei all dem gilt es allerdings festzuhalten:

Der mit Abstand größte Produktionsstandort in Europa ist nach wie vor Deutschland.

Zwar produzierten die Fabriken hierzulande im Jahr 2024 mit rund vier Millionen Pkw rund 29 Prozent weniger als noch 2015, waren damit aber trotzdem für fast ein Drittel des gesamteuropäischen Outputs verantwortlich – dieser Anteil hat sich in den vergangenen zehn Jahren kaum verändert.

Andere etablierte europäische Produktionsstandorte sind dagegen weit stärker unter Druck geraten. Und im Gegensatz zu Deutschland ist die Krise in vielen Ländern keineswegs erst seit rund einem Jahrzehnt zu beobachten, sondern schreitet schon seit der Jahrtausendwende voran (Grafik):

Seit dem Jahr 2000 ist die Kfz-Produktion im Vereinigten Königreich um 53 Prozent zurückgegangen, in Frankreich sogar um 68 Prozent.

Zahl der produzierten Pkw, Jahr 2000 = 100 Download: Grafik (JPG) herunterladen Grafik (EPS) herunterladen Tabelle (XLSX) herunterladen

Besonders dramatisch ist die Situation in Italien: Dort brach die Produktion in den vergangenen 24 Jahren um 78 Prozent ein, 2024 rollten am Mittelmeer nur noch rund 310.000 Fahrzeuge vom Band – bei theoretischen Kapazitäten von rund 1,2 Millionen.

Deutsche Automobilbranche muss Dominanz im Premiumsektor verteidigen

Der innereuropäische Vergleich der Automobilproduktion zeigt, dass der Standort Deutschland sich nicht nur besser halten konnte als die Konkurrenz, sondern es bislang auch eher geschafft hat, Produktionsverluste in Absatzkrisen wieder wettzumachen.

Die höhere Resilienz ist dabei vor allem auf das besondere Geschäftsmodell der deutschen Hersteller zurückzuführen. Rund 30 Prozent der Pkw aus deutscher Produktion gehen in außereuropäische Märkte – möglich ist das nur wegen des hohen Anteils an Fahrzeugen aus dem Premiumsektor. Die Nachfrage nach deutschen Autos aus diesem Segment beschert den Herstellern nicht nur gute Margen, sondern ermöglicht es ihnen auch, große Teile der Produktion in deutschen Fabriken zu belassen und den Weltmarkt zu einem relevanten Teil vom heimischen Standort aus zu beliefern.

Ein Strategiewechsel hin zu einer stärkeren Kleinwagenproduktion würde Deutschland in dieselbe missliche Lage bringen wie seine europäischen Konkurrenten. Schließlich kommen auf dem ohnehin eher schrumpfenden europäischen Markt für dieses Segment zunehmend chinesische Wettbewerber hinzu, die in Europa Fabriken bauen.

Entscheidend für die Zukunft des Standorts wird daher sein, die Dominanz im Segment hochwertiger und -preisiger Modelle zu verteidigen. Das wiederum funktioniert nur, wenn die Politik die Unternehmen beim technologischen Wandel hin zur E-Mobilität unterstützt. Die hiesige Automobilindustrie ist hinsichtlich der Anpassung an den Trend zum elektrifizierten Antriebsstrang im europäischen Vergleich am Weitesten, aktuell ist Deutschland hinter China weltweit der zweitgrößte Produktionsstandort für E-Autos. Darauf gilt es aufzubauen.

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