Fachkräfteengpässe Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Aus Mangel an Bewerbern

Seit ein paar Jahren finden die Unternehmen in Deutschland für bestimmte Berufe nicht mehr genügend Fachkräfte. Auch der Versuch, dem mit einem größeren Angebot an Ausbildungsstellen vorzubeugen, stößt in vielen Fällen schnell an seine Grenzen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Seit ein paar Jahren finden die Unternehmen in Deutschland für bestimmte Berufe nicht mehr genügend Fachkräfte.
  • Von 2008 bis 2013 haben die Unternehmen ihr Angebot an Ausbildungsplätzen in den Engpassberufen um insgesamt mehr als 16 Prozent erhöht.
  • Das größere Engagement der Unternehmen nutzt jedoch alles nichts, wenn die Zahl der jugendlichen Bewerber nicht mithält.
Zur detaillierten Fassung

Für Hörgeräteakustiker ist der demografische Wandel in Deutschland ein gutes Geschäft: Die Älteren leben immer länger, also sollte die Nachfrage nach Hörgeräten vorerst gesichert sein. Trotzdem hat der Berufsstand schon heute große Schwierigkeiten, entsprechende Fachkräfte zu finden (Grafik):

Auf 100 offene Stellen für Hörgeräteakustiker kommen nur 34 Arbeitslose.

Damit ist das Kriterium für einen Fachkräfteengpass – weniger als 200 Arbeitslose je 100 offene Stellen – erfüllt, und zwar deutlicher als in jeder anderen der 63 Berufsgattungen, in denen im März 2014 ein Engpass bestand und für die eine abgeschlossene Berufsausbildung nötig ist. Eine Berufsgattung fasst Berufe mit ähnlichen Merkmalen zusammen. Haus- und Bauelektriker zum Beispiel gehören beide zur Berufsgattung Bauelektrik-Fachkraft.

Die Zahl der Arbeitslosen hätte übrigens im März dieses Jahres selbst dann nicht ausgereicht, alle offenen Stellen in den Engpassberufen zu besetzen, wenn sämtliche Arbeitslose bereit gewesen wären, für einen Job in jede x-beliebige Region in Deutschland umzuziehen.

  1. Mehr Ausbildungsstellen. Eine Möglichkeit, Engpässe künftig zu vermeiden oder zumindest zu mildern, ist das vermehrte Engagement in Sachen Ausbildung. Von den momentan 63 Engpassberufen gehören 49 zu den Ausbildungsberufen im dualen System; hier können die Unternehmen also selbst aktiv werden – und das tun sie auch (Grafik):

Von 2008 bis 2013 haben die Unternehmen ihr Angebot an Ausbildungsplätzen in den Engpassberufen um insgesamt mehr als 16 Prozent erhöht – in den Berufen ohne Engpässe betrug das Plus nur gut 2 Prozent.

Wo es besonders eng war, stieg die Zahl der Ausbildungsplätze sogar noch stärker, bei Kältetechnikern etwa um mehr als 50 Prozent, bei Bauelektrikern um rund 30 Prozent.

Die größten absoluten Zuwächse an Ausbildungsstellen gab es bei den zahnmedizinischen Fachangestellten, den Fachkräften für Sanitär, Heizung und Klimatechnik und den Fachkräften für Kfz-Technik mit jeweils rund 3.000 neuen Stellen.

Für die übrigen 14 der 63 Engpassberufe gibt es keine duale Ausbildung, sondern eine schulische – das gilt beispielsweise für Altenpfleger und Krankenschwestern. In diesen Berufen können Unternehmen also nicht unmittelbar mit einer Ausweitung des Ausbildungsplatzangebots reagieren.

  1. Weniger Bewerber. Das größere Engagement der Unternehmen nutzt jedoch alles nichts, wenn die Zahl der Jugendlichen nicht mithält. In den Engpassberufen insgesamt ist die Zahl der Bewerber in den vergangenen fünf Jahren sogar leicht gesunken. Und in 37 Knappheitsberufen mit dualer Ausbildung reichte die Zahl der Bewerber nicht aus, die angebotenen Ausbildungsplätze zu besetzen. Auf je 100 Ausbildungsplätze für Kältetechniker und Hörgeräteakustiker zum Beispiel bewarben sich nur je 30 Kandidaten.
  2. Die Ursachen. Das Auseinanderdriften von Angebot und Nachfrage hat vor allem zwei Gründe. Erstens gehen die Schülerzahlen aufgrund der seit Jahrzehnten sinkenden Geburtenzahlen zurück und zweitens entscheiden sich immer mehr Jugendliche für ein Studium, also gegen einen Ausbildungsberuf.

Das Bewerber-Minus verteilt sich zudem sehr unterschiedlich auf die einzelnen Berufe. In 32 der 49 Engpassberufe im dualen System sind die Bewerberzahlen seit 2008 sogar gestiegen – das heißt aber logischerweise auch: Der Bewerberrückgang konzentriert sich allein auf 17 Berufe. Besonders groß war er im Friseurgewerbe, wo sich 2013 fast 8.200 Personen weniger bewarben als fünf Jahre zuvor, und im Metallbau, wo es ein Minus von fast 2.500 gab.

  1. Die Lösungen. Die betroffenen Unternehmen sind also gleich zweifach gekniffen. Weder können sie ihre offenen Stellen für Fachkräfte besetzen, noch finden sie genügend Nachwuchs, um Engpässen mittelfristig entgegenzuwirken. Dieses vielschichtige Problem erfordert eine mehrgleisige Lösungsstrategie:

Mehr Informationen über das Berufsspektrum. In Deutschland gibt es mehr als 300 Ausbildungsberufe, da ist es wohl kein Wunder, dass der eine oder andere Jugendliche gar nicht weiß, dass er oder sie sich zum Beispiel zum Mechatroniker für Kältetechnik oder Vulkanisationstechnik ausbilden lassen kann. Zwar bieten die Arbeitsagenturen oder der Deutsche Industrie- und Handelskammertag auf ihren Internetplattformen wichtige Orientierungshilfen – wie Bewerber- und Lehrstellenbörsen. Das Angebot muss aber durch mehr Schulkooperationen und Praktika ergänzt werden, um dem Nachwuchs einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Berufe und den Unternehmensalltag zu geben.

Mehr Werbung in eigener Sache. Die einzelnen Branchen könnten stärker als bisher für sich werben. Nach wie vor gibt es Ausbildungsberufe, die mehr als genug Bewerber haben, aber nicht unter einem Fachkräfteengpass leiden. Dazu gehört beispielsweise die Fotografie. Diese Bewerber gilt es für andere Berufe zu begeistern.

Neue Zielgruppen erschließen. Bei rückläufigen Bewerberzahlen gewinnen jene Jugendlichen an Bedeutung, die aufgrund ihrer Leistungsschwäche oder anderer Handicaps früher eher leer ausgegangen sind. So könnten ausbildungsbegleitende Hilfen und Kooperationen mit externen Ausbildungsträgern insbesondere kleine und mittlere Unternehmen ermutigen, auch Jugendliche auszubilden, die den bisherigen qualifikatorischen Ansprüchen der Betriebe nicht genügen.

Die assistierte Ausbildung zum Beispiel ist ein – relativ neues – Konzept, bei dem Bildungsträger als Dienstleister für beide Seiten fungieren: Die Firmen erhalten Hilfe bei der Bewerberauswahl sowie der Ausbildungsorganisation und werden im pädagogischen Umgang mit unterstützungsbedürftigen Jugendlichen geschult. Diese wiederum werden gezielt auf ihren Beruf und den Betrieb vorbereitet und erhalten während der Ausbildung die individuell erforderliche Unterstützung.

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