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Attraktiver Zweitjob

Immer mehr Beschäftigte in Deutschland haben einen Nebenjob. Amerikanische Verhältnisse herrschen dennoch nicht – die meisten Arbeitnehmer üben die Nebentätigkeit keineswegs nur deshalb aus, weil sie mit ihrem Haupterwerb nicht genug Geld verdienen. Die Gründe liegen vielmehr im boomenden Arbeitsmarkt und in der steuerlichen Begünstigung von Nebenjobs.

Kernaussagen in Kürze:
  • Rund 3,2 Millionen Beschäftigte in Deutschland haben laut Bundesagentur für Arbeit mindestens zwei Jobs. Das sind doppelt so viele wie 2003.
  • Vollzeitbeschäftigte mit Nebenjob verdienten im Jahr 2015 mit ihrer Haupttätigkeit durchschnittlich etwas mehr als jene ohne Nebenjob. Sie weisen im Schnitt auch einen höheren Bildungsgrad auf.
  • Die steuerliche Begünstigung von Nebentätigkeiten ist wirtschaftspolitisch fragwürdig. Die Politik sollte daher die Regeln überarbeiten.
Zur detaillierten Fassung

Rund 3,2 Millionen Beschäftigte in Deutschland haben laut Bundesagentur für Arbeit mindestens zwei Jobs. Damit ist die Zahl der Mehrfachbeschäftigten in den vergangenen zehn Jahren um etwa eine Million gestiegen. Im Vergleich zum Jahr 2003 hat sie sich sogar mehr als verdoppelt.

Laut einer aktuellen Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ist der typische Nebenjobber eine Frau mittleren Alters: 57 Prozent der Mehrfachbeschäftigten sind weiblich, und genauso viele sind zwischen 35 und 54 Jahre alt. Zudem ist der Anteil der Mehrfachbeschäftigten unter den Personen ohne deutschen Pass höher als unter deutschen Staatsangehörigen.

Das Motiv für einen Zweitjob scheint auf den ersten Blick klar zu sein: Geld. Den IAB-Daten zufolge verdienen Mehrfachbeschäftigte in ihrem Hauptjob durchschnittlich etwa 570 Euro weniger als Erwerbstätige ohne Nebenjob. Das liegt jedoch auch an unterschiedlichen Arbeitszeiten. Nur 57 Prozent der Nebenjobber arbeiten im Hauptjob Vollzeit. Unter Einfachbeschäftigten liegt der Anteil bei 64 Prozent.

Vollzeitbeschäftigte mit Nebenjob verdienen in ihrem Hauptberuf im Schnitt mehr Geld als jene ohne Nebenjob.

Zudem liefern andere Quellen durchaus abweichende Einkommensdaten – etwa das Sozio-oekonomische Panel, auf dessen Basis das Institut der deutschen Wirtschaft die Zweitjobber unter die Lupe genommen hat (Grafik):

Vollzeitbeschäftigte mit Nebenjob verdienten im Jahr 2015 mit ihrer Haupttätigkeit durchschnittlich 3329 Euro brutto pro Monat – 4 Euro mehr als jene ohne Nebenjob.
Die Kredit steigen langsamer als die Einkommen, der Verschuldungsgrad nimmt eher ab.

Zudem erzielen Erstere im Hauptjob mit 18,12 Euro im Schnitt einen um 1,5 Prozent höheren Stundenlohn.

Auch beim gesamten bedarfsgewichteten Nettoeinkommen – welches berücksichtigt, mit wem der Arbeitnehmer in einem Haushalt zusammenlebt –liegen Nebenjobber etwas über dem Mittelwert. Besonders auffällig ist der Unterschied beim Armutsrisiko: Während 5,3 Prozent der Vollzeitbeschäftigten ohne Zweitjob weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens verdienen und damit als armutsgefährdet gelten, beträgt der Anteil bei den Nebenjobbern nur 2,8 Prozent.

Nebenjobber sind qualifizierter

Das dürfte auch daran liegen, dass Erwerbstätige mit Nebenberuf im Durchschnitt einen höheren Bildungsgrad haben (Grafik):

Rund jeder dritte Nebenjobber hat einen Hochschulabschluss – bei anderen Vollzeitbeschäftigten ist es nur gut jeder Vierte.

So viel Prozent der Vollzeitbeschäftigten mit und ohne Nebenjob haben folgenden Bildungsgrad

Dass Nebenjobs auch für Fachkräfte mit ordentlichem Einkommen attraktiv sind, liegt insbesondere an den Hartz-Reformen von 2003: Demnach dürfen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte – das sind rund vier Fünftel der Zweitjobber - nebenbei bis zu 450 Euro hinzuverdienen, ohne zusätzliche Sozialversicherungsbeiträge zu zahlen.

Darüber hinaus bleibt der Nebenverdienst steuerfrei, wenn der Arbeitgeber einen Pauschalbeitrag entrichtet. Zum Vergleich: Im Hauptjob blieben einem alleinstehenden Durchschnittsverdiener mit 3.500 Euro brutto von einer Lohnerhöhung um 450 Euro nur rund 220 Euro übrig.

Viele Zweitjobs im Servicesektor

Ein weiterer Grund für die stark gestiegene Zahl der Zweitjobs ist die wachsende Wirtschaft und die damit verbundene gute Lage auf dem Arbeitsmarkt: Mehr verfügbare Stellen bringen auch mehr Möglichkeiten für Nebenjobber. Zudem verbessert sich angesichts des großen Bedarfs an Fachkräften die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer.

Am besten gelingt das offenbar im Dienstleistungssektor. Dort finden sich laut IAB-Studie die meisten geringfügigen Nebenjobs – etwa im Gastgewerbe, im Gesundheits- und Sozialwesen und im Handel. Wer einen sozialversicherungspflichtigen Nebenjob hat, arbeitet in der Regel ebenfalls in einer Dienstleistungsbranche – insbesondere im Gesundheits- und Sozialwesen sowie im Erziehungsbereich.

Die These, dass vor allem die gute Arbeitsmarktlage für den Anstieg der Nebenjobs verantwortlich ist, wird auch durch eine regionale Betrachtung gestützt:

In den ostdeutschen Bundesländern haben gerade einmal 4,1 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten einen zusätzlichen Minijob. In Westdeutschland, wo der Durchschnittslohn nach wie vor deutlich höher ist, sind es dagegen 9,2 Prozent.

Im einkommensstärksten Bundesland Baden-Württemberg liegt der Anteil sogar bei 10,5 Prozent.

Natürlich befinden sich unter den Nebenjobbern auch Geringverdiener, die nur durch ihren Zweitjob ein ausreichendes Einkommen erzielen. Das dürfte insbesondere Personen betreffen, die unfreiwillig in Teilzeit arbeiten.

Den enormen Anstieg der Nebenjobs erklärt das aber nicht: Ob jemand mehrere Jobs hat, hängt meist stärker von für ihn passenden Stellenangeboten ab als davon, wie dringend er auf einen Nebenverdienst angewiesen ist. Dass sich dieses Angebot verbessert hat, spricht für den deutschen Arbeitsmarkt.

Fragwürdiges Steuerprivileg

Auch wenn die Zunahme von Nebenjobs zunächst einmal kein Problem darstellt – ihre steuerliche Begünstigung ist wirtschaftspolitisch fragwürdig. Wenn zum Beispiel ein Facharbeiter in der Industrie früher Feierabend macht, um im Nebenjob Pizza auszuliefern, dann schadet das der Wirtschaft. Denn er setzt seine Arbeitskraft nicht da ein, wo sie am produktivsten ist.

Die Politik sollte deshalb die Regeln zur geringfügigen Beschäftigung, die 2003 unter schwierigen Arbeitsmarktbedingungen beschlossen wurden, noch einmal überarbeiten. Eine generelle Entlastung der Arbeitnehmer wäre deutlich besser als die vollständige steuerliche Befreiung geringfügiger Zweitjobs.

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