Zeitarbeit Lesezeit 2 Min. Lesezeit 1 Min.

Atmen mit der Konjunktur

Zahlreiche Politiker und Gewerkschafter möchten die Zeitarbeit gerne an die kurze Leine legen. Die Unternehmen aber, die Zeitarbeiter beschäftigen, sind auf diesen Flexibilitätspuffer angewiesen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Zahlreiche Politiker und Gewerkschafter möchten die Zeitarbeit gerne an die kurze Leine legen.
  • Die Arbeitgeber halten dem entgegen, dass die Unternehmen den Flexibilitätspuffer der Zeitarbeit brauchen.
  • Fast jeder fünfte neu eingestellte Zeitarbeitnehmer war zuvor länger als ein Jahr arbeitslos oder überhaupt noch nie beschäftigt.
Zur detaillierten Fassung

Die Zeitarbeit ist nach der Wirtschaftskrise recht schnell wieder auf den Wachstumspfad eingeschwenkt. Rund 900.000 Zeitarbeitnehmer zählte der IW-Zeitarbeitsindex im Dezember 2011 – 80.000 mehr als ein Jahr zuvor.

Die Branche könnte sogar noch erheblich mehr Mitarbeiter beschäftigen. Denn im Februar 2012 waren knapp 160.000 Stellen für Zeitarbeitskräfte nicht besetzt. Und fast alle Vakanzen – 95 Prozent – sind sozialversicherungspflichtige Vollzeitstellen.

Nicht jedem allerdings gefällt der Boom der Zeitarbeit:

Die Gewerkschaften, allen voran die IG Metall, wollen die jetzt anstehenden Tarifverhandlungen nutzen, um die Zeitarbeit zurückzudrängen. So sollen Betriebsräte das Recht bekommen, in ihren Unternehmen bestimmte Grenzen der Zeitarbeit zu definieren.

Die Arbeitgeber halten dem entgegen, dass die Unternehmen den Flexibilitätspuffer der Zeitarbeit brauchen. Denn die Möglichkeit, kurzfristig Kapazitäten anzupassen, ist das Hauptmotiv für den Einsatz von Zeitarbeit. Das Kostenmotiv, das die Gewerkschaften für dominierend halten, kommt erst an vierter Stelle (Grafik).

Dabei geht der Gewinn an Flexibilität nicht zwingend zulasten der Betroffenen. Denn Zeitarbeitnehmer sind bei ihrer Personalagentur überwiegend unbefristet angestellt. Braucht der Kunde die Aushilfskraft nicht mehr, kümmert sich das Zeitarbeitsunternehmen um sie. Es setzt den Mitarbeiter entweder anderswo ein, oder der Zeitarbeiter wird gegebenenfalls weitergebildet.

Die Politik hat die Tarifpartner der Zeitarbeitsbranche aufgefordert, den Weg zur gleichen Bezahlung von Zeitarbeitnehmern und Stammbeschäftigten frei zu machen (Equal Pay). Denn Zeitarbeitnehmer bekommen im Schnitt weniger Gehalt als Stammkräfte. Wenn sich die Tarifpartner nicht einigen, will die Regierung ein entsprechendes Gesetz beschließen.

Dass Zeitpersonal weniger Geld verdient als die Stammbelegschaft, ist indes kein Willkürakt. Zeitarbeitnehmer haben in der Regel weniger Routine und weniger Verantwortung für die Betriebsabläufe – weil sie entweder nur kurze Zeit im Betrieb oder erst in den Beruf eingestiegen sind. So wird nur jeder zehnte Zeitarbeiter länger als ein Jahr im Kundenunternehmen eingesetzt.

Fast jeder fünfte neu eingestellte Zeitarbeitnehmer war zuvor länger als ein Jahr arbeitslos oder überhaupt noch nie beschäftigt.

Zeitarbeitskräfte und Stammbelegschaften sind auch nicht beliebig austauschbar. Daher ist eine differenzierte Entlohnung durchaus gerechtfertigt und keine Diskriminierung. Erst wenn Zeitarbeitnehmer länger im Kundenunternehmen eingesetzt sind, ebnen sich die Unterschiede ein.

Equal Pay vom ersten Tag an würde die Zeitarbeit erheblich verteuern. Für viele Kundenunternehmen würde sie als Flexibilisierungsinstrument unattraktiv. Sie würden auf alternative Möglichkeiten ausweichen, zum Beispiel bestimmte Arbeiten an spezialisierte Anbieter vergeben, gegebenenfalls auch solche im Ausland. Damit wäre weder dem Standort Deutschland noch den Zeitarbeitnehmern gedient.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene

Mehr auf iwkoeln.de