„Perspektive 2035“ Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Arbeitskräftemangel bremst Wachstum aus

Wie wird sich die deutsche Wirtschaftsleistung im demografischen Wandel entwickeln? Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln hat dies bis ins Jahr 2035 vorausberechnet. Demnach wird die Produktivität zwar weiter steigen, doch die sinkende Zahl der Erwerbstätigen dämpft das Wachstum spürbar.

Kernaussagen in Kürze:
  • Das IW Köln hat prognostiziert, wie sich Deutschland bis ins Jahr 2035 verändern wird – dann ist die Baby-Boomer-Generation in Rente.
  • Der Mangel an Arbeitskräften wird das Wirtschaftswachstum in Deutschland immer stärker ausbremsen – und zwar schon ab der ersten Hälfte der 2020er Jahre.
  • Im Jahr 2035 wird das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner sogar schwächer wachsen als je Erwerbstätigen – heute ist es noch umgekehrt.
Zur detaillierten Fassung

Wenn die Bevölkerung wächst oder schrumpft, wirkt sich das über verschiedene Kanäle auf das Wirtschaftsleben aus:

Mehr Einwohner erhöhen auf der einen Seite über Konsum und Investitionen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen.

Auf der anderen Seite beeinflusst die Bevölkerungsentwicklung die Produktionsmöglichkeiten einer Volkswirtschaft. Um zu beziffern, wie sich dieses sogenannte Produktionspotenzial entwickeln wird, braucht es Prognosen über die Entwicklung der drei Wachstumsfaktoren Arbeit, Kapital und technischer Fortschritt.

Babyboomer-Generation berücksichtigt

Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln hat unter diesen Gesichtspunkten eine Prognose bis zum Jahr 2035 erstellt. Der Analysezeitraum wurde gewählt, um den Renteneintritt der Babyboomer-Generation zu erfassen – also all jener, die in der ersten Hälfte der 1960er Jahre geboren wurden. Denn wenn diese große Bevölkerungsgruppe aus dem Erwerbsleben ausscheidet, bedeutet das erhebliche demografische Herausforderungen – trotz des Zuzugs von Flüchtlingen und Fachkräften aus dem Ausland. In Zahlen ausgedrückt, bedeutet das (Grafik):

Das erwartete Potenzialwachstum der deutschen Wirtschaft wird sich von aktuell knapp 1,7 Prozent bis 2035 mehr als halbieren.

Dahinter steckt die Annahme, dass der technische Fortschritt auch in Zukunft einen mehr oder weniger gleichmäßigen Wachstumsbeitrag zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) liefern wird. Dass immer weniger Menschen in Deutschland arbeiten, wird in diesem Szenario also nicht durch bahnbrechende Innovationen ausgeglichen. Das Gleiche gilt für den Einsatz des Faktors Kapital. Hier werden sich im Zeitablauf durchgehend positive, aber nachlassende Wachstumsbeiträge zeigen.

Heute wächst das BIP in Deutschland je Einwohner noch stärker als je Erwerbstätigen – 2035 wird es umgekehrt sein.

Deshalb wird der Mangel an Arbeitskräften das Wachstum in Deutschland immer stärker ausbremsen – und zwar schon ab der ersten Hälfte der 2020er Jahre. Mit dem Wechsel in die übernächste Dekade erreicht der Bremseffekt auf das BIP dann ein Drittelprozentpunkt pro Jahr. Denn 2031 wird die „Rente mit 67“ komplett umgesetzt sein, womit dieser leicht kompensatorische Effekt auf den Faktor Arbeit wegfällt.

Steigende Produktivität, schwächere Einkommenszuwächse

Wenn die deutsche Wirtschaft bis 2035 wächst, wie das IW Köln im Basisszenario seiner Studie prognostiziert, wird sich das BIP pro Kopf und pro Erwerbstätigen unterschiedlich entwickeln (Grafik):

  1. Einerseits wird sich die Produktivität – also das reale BIP je Erwerbstätigen – kontinuierlich erhöhen. Das Produktivitätswachstum steigt von aktuell rund 1 Prozent pro Jahr auf knapp 1,3 Prozent im Jahr 2035.
  2. Andererseits gehen die Wachstumsraten des realen BIP je Einwohner von durchschnittlich gut 1,1 Prozent in den kommenden fünf Jahren auf durchschnittlich rund 0,8 Prozent in den 2030er Jahren zurück.

Diese gegenläufigen Trends bedeuten zusammengefasst, dass ab dem Ende der 2020er Jahre steigende Produktivitätszuwächse, aber geringere Einkommenszuwächse zu erwarten sind. Denn über den technischen Fortschritt und die verbesserte Kapitalausstattung der Arbeitsplätze werden die Arbeitskräfte produktiver.

Der demografische Wandel hat also gesellschaftlich gesehen eine unschöne Folge: Die Einkommen der schrumpfenden Zahl von Erwerbstätigen werden im Schnitt kräftiger steigen als die Bezüge all jener, die dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung stehen. Einer stärkeren Umverteilung von den Arbeitenden hin zu allen anderen sind derweil enge Grenzen gesetzt – weil ansonsten Arbeits- und Leistungsanreize wegfallen würden.

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