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Arbeitnehmer: Schlecht bezahlt und trotzdem glücklich?

Fast neun von zehn Beschäftigten in der Europäischen Union sind mit ihrem Job zufrieden. Dass das Gehalt und die Karriereperspektiven nicht immer den eigenen Wünschen entsprechen, wirkt sich nur moderat auf die Arbeitszufriedenheit aus. Offenbar werden negative Einflüsse oftmals durch positive Aspekte wettgemacht.

Kernaussagen in Kürze:
  • Weit mehr als 80 Prozent der Arbeitnehmer in der EU sind mit ihrer Tätigkeit zufrieden.
  • Ein als gut empfundenes Gehalt trägt zur Arbeitszufriedenheit bei, doch selbst die meisten mit dem Lohn unzufriedenen Beschäftigten haben Spaß an ihrem Job.
  • Wichtig für die Arbeitszufriedenheit sind unter anderem die Wertschätzung durch den Vorgesetzten sowie das Gefühl, eine sinnvolle Aufgabe zu erfüllen.
Zur detaillierten Fassung

„Gute Arbeit“ – unter dieses Motto stellen Gewerkschaften und Politik schon seit längerem ihre tarif- beziehungsweise arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Initiativen. Dabei gibt es auf die Frage, was gute Arbeit ausmacht und wie es um die Qualität der Arbeitsverhältnisse in Deutschland bestellt ist, kaum eine allgemeingültige, objektive Antwort. So sind Schichtarbeit, befristete Jobs und Zeitarbeitsverhältnisse per se weder gut noch schlecht – es kommt darauf an, wie die Beschäftigten selbst das sehen.

Geld, Lob und eine sinnvolle Tätigkeit sind wichtig

Deshalb liegt es nahe, die Qualität der Arbeit daran zu messen, wie zufrieden die Arbeitnehmer mit ihrer Tätigkeit sind. Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hat daher Daten zur Arbeitszufriedenheit in Europa ausgewertet, die die Europäische Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen (Eurofound) im Jahr 2015 bereits zum sechsten Mal erhoben hat. Die aktuellen Ergebnisse sind ausgesprochen positiv (Grafik):

In den 28 EU-Ländern waren im Jahr 2015 zwischen 79 und 93 Prozent der Arbeitnehmer mit ihrer Haupttätigkeit zufrieden oder sogar sehr zufrieden.

Deutschland lag mit 88 Prozent leicht über dem europaweiten Durchschnitt. Verglichen mit 2010 hat sich der Anteil (sehr) zufriedener Arbeitnehmer hierzulande kaum verändert. In vielen anderen EU-Staaten ist die Quote gestiegen – vor allem dort, wo die Arbeitszufriedenheit 2010 noch deutlich unter dem EU-Durchschnitt lag. In Griechenland zum Beispiel legte sie um 15 Prozentpunkte zu, in Estland, Litauen und Ungarn um je 14 Punkte und in Tschechien um 10 Punkte.

Insgesamt sind die Arbeitnehmer in der EU in jüngster Zeit tendenziell noch zufriedener geworden – der auch in Deutschland immer wieder zu hörende Ruf nach dem Staat, der die Arbeitsverhältnisse verbessern müsse, lässt sich somit nicht rechtfertigen.

Gehalt nicht immer ausschlaggebend

Die IW-Studie liefert auch Antworten auf die Frage, welche Arbeitsplatzmerkmale für die Zufriedenheit der Beschäftigten wichtig sind – und somit Ansatzpunkte für Unternehmen, die die Arbeitszufriedenheit noch weiter steigern wollen.

Kaum überraschend ist, dass Lohn und Gehalt einen erheblichen Einfluss haben (Grafik):

In allen EU-Ländern waren 2015 jeweils mehr als 90 Prozent der Beschäftigten, die sich gut bezahlt fühlten, auch mit ihrer Arbeit zufrieden.

Umgekehrt gilt allerdings nicht automatisch, dass ein als zu gering empfundenes Gehalt auch zu Unzufriedenheit mit dem Job führt. Zwar hält im EU-Durchschnitt etwa jeder zweite Arbeitnehmer seine Arbeitsvergütung für zu niedrig. Doch selbst von diesen Beschäftigten sind rund drei Viertel mit ihrer Arbeit zufrieden. Am niedrigsten ist die Quote mit 69 Prozent in Spanien, in Deutschland beträgt sie 77 Prozent. In den Niederlanden haben sogar 87 Prozent derjenigen, die ihr Gehalt zu dürftig finden, trotzdem Spaß am Job.

In Deutschland sind 77 Prozent der Beschäftigten mit ihrem Job zufrieden, die ihr Gehalt als zu gering empfinden.

Offenbar werden Einflüsse, die die Arbeitszufriedenheit mindern können, oft durch andere Faktoren ausgeglichen. Dies zeigt sich auch bei den Karrierechancen, die für sich genommen die Arbeitszufriedenheit deutlich steigern können. In allen EU-Ländern sind mindestens neun von zehn jener Beschäftigten mit ihrer Arbeit happy, die ihre Karriereperspektiven positiv beurteilen.

Selbst von denjenigen, die nach eigener Einschätzung keine guten Aufstiegsaussichten haben – und das sind mehr als sechs von zehn Arbeitnehmern in der EU –, zeigen sich fast 80 Prozent zufrieden mit ihrem Job.

Im Land mit dem niedrigsten Wert – Kroatien – sind es immer noch mehr als 72 Prozent, in Deutschland knapp 84 Prozent und in Österreich sogar 90 Prozent.

Gehalt und Karrieremöglichkeiten drücken die Wertschätzung, die die Betriebe ihren Beschäftigten entgegenbringen, direkt oder mittelbar in finanzieller Form aus. Doch es geht nicht nur ums Geld – auch Lob und Anerkennung durch den Vorgesetzten tragen dazu bei, dass Arbeitnehmer zufriedener mit ihrem Job sind. Angesichts dessen ist es erfreulich, dass eine große Mehrheit der Beschäftigten in der EU – von 63 Prozent in Ungarn über 70 Prozent in Deutschland bis hin zu 83 Prozent in Malta – sich von ihrer unmittelbaren Führungskraft gewürdigt fühlt.

Wo das allerdings nicht der Fall ist, leidet die Arbeitszufriedenheit zum Teil massiv:

In Deutschland beispielsweise sind 96 Prozent der Arbeitnehmer, die sich von ihrem direkten Chef wertgeschätzt fühlen, mit dem Job zufrieden – aber nur 71 Prozent derer, die eine solche Anerkennung vermissen.

Am stärksten ist das Gefälle mit 93 gegenüber 56 Prozent in Griechenland.

Wichtig für die Arbeitszufriedenheit ist der IW-Studie zufolge auch, dass die Beschäftigten selbst das Gefühl haben, eine sinnvolle Aufgabe zu erfüllen sowie eigene Ideen verwirklichen und die Arbeitsorganisation mitgestalten zu können. Ist dies der Fall, sinkt die Arbeitszufriedenheit selbst dann nicht allzu stark, wenn zum Beispiel der Termindruck im Job hoch ist.

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