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des Instituts der deutschen Wirtschaft

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Sozialpolitik Lesezeit 3 Min.

Anstieg der Ausgaben in der gesetzlichen Krankenversicherung begrenzen

Bereits in den vergangenen Jahren sind die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) deutlich stärker gewachsen als die beitragspflichtigen Einkommen. Zusätzlich belastet ab jetzt die Alterung der Versicherten die GKV-Finanzen. Um zu verhindern, dass die Beitragslasten drastisch steigen, gilt es, den Anstieg der Ausgaben systematisch zu begrenzen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die beitragspflichtigen Einkommen je gesetzlich Krankenversicherten sind seit dem Jahr 2000 um 80 Prozent gestiegen, die Ausgaben der GKV aber um 126 Prozent.
  • Dass die Versicherten im Schnitt immer älter werden, wird die GKV-Ausgaben schon bis 2028 unter sonst gleichen Voraussetzungen um zusätzliche 5 Milliarden Euro steigen lassen.
  • Um den demografisch bedingten Ausgabenanstieg bei einem konstanten Beitragssatz finanzieren zu können, muss das Wachstum der GKV-Ausgaben pro Kopf künftig um 0,4 Prozentpunkte hinter dem Wachstum der beitragspflichtigen Grundlohnsumme zurückbleiben.
Zur detaillierten Fassung

Es geht aufwärts in Deutschland – zumindest mit den Krankenversicherungsbeiträgen. Zwar ist der allgemeine Beitragssatz gesetzlich bei 14,6 Prozent fixiert. Hinzu kommt aber noch ein Zusatzbeitragssatz, den jede Kasse individuell festlegt. Beide Sätze zusammen werden im Wesentlichen auf Arbeitsentgelte und gesetzliche Renten erhoben und von den Arbeitnehmern und -gebern beziehungsweise Rentnern und der Rentenversicherung jeweils zur Hälfte gezahlt. Das Problem dabei: Die Kassen müssen immer höhere Ausgaben schultern. Deshalb beträgt der gesamte Beitragssatz zur GKV im Schnitt inzwischen 17,5 Prozent – bis zum Ende des Jahrzehnts könnte er der 20-Prozent-Marke bedrohlich nahekommen.

Steigende Sozialversicherungsbeiträge belasten jedoch mittel- bis längerfristig die Wachstumsperspektiven der deutschen Wirtschaft, weil sie beispielsweise die verfügbaren Einkommen reduzieren, aber auch den Investitionsspielraum der Unternehmen verringern (siehe "Sozialsysteme: Wünsche statt Lösungen").

Um den demografisch bedingten Ausgabenanstieg bei einem konstanten Beitragssatz finanzieren zu können, muss das Wachstum der GKV-Ausgaben pro Kopf künftig um 0,4 Prozentpunkte pro Jahr hinter dem Wachstum der beitragspflichtigen Grundlohnsumme zurückbleiben.

Um dies zu verhindern, ist es aus ökonomischer Sicht dringend geboten, die Ausgabenentwicklung auf das Wachstum der beitragspflichtigen Einkommen zu begrenzen. Denn diese beiden Größen haben sich seit Jahren kontinuierlich auseinanderentwickelt (Grafik):

Während die beitragspflichtigen Einkommen je GKV-Versicherten seit dem Jahr 2000 um 80 Prozent gestiegen sind, legten die GKV-Ausgaben um 126 Prozent zu.

GKV-Ausgaben und beitragspflichtige Einkommen je Versicherten, Jahr 2000 = 100 Download: Grafik (JPG) herunterladen Grafik (EPS) herunterladen Tabelle (XLSX) herunterladen

Anders gerechnet: Im Jahresdurchschnitt sind die Ausgaben der GKV um 1 Prozentpunkt stärker gewachsen als die Einnahmen.

Die Alterung der Versicherten treibt die Ausgaben der GKV in die Höhe

Die Ausgaben zu begrenzen, erfordert einen echten Kraftakt. Denn die GKV muss auch darauf reagieren, dass ihre Versicherten immer älter werden. Dieser Effekt ist schon auf kurze Sicht deutlich zu erkennen, wie eine IW-Fortschreibung zeigt (Grafik):

Während beispielsweise die Gruppe der 55- bis 59-jährigen GKV-Versicherten Ende 2028 um fast eine Million Personen kleiner sein wird als 2024, wird es dann rund 600.000 mehr Versicherte im Alter zwischen 65 und 69 Jahren geben.

Zahl der Versicherten in der gesetzlichen Krankenversicherung nach Altersklassen in Jahren Download: Grafik (JPG) herunterladen Grafik (EPS) herunterladen Tabelle (XLSX) herunterladen

Insgesamt sinkt die Zahl der unter 65-jährigen Versicherten binnen vier Jahren um fast 850.000, während jene der über 65-Jährigen um 1,2 Millionen steigt.

Das wirkt sich deutlich auf die Ausgaben der GKV aus, weil Versicherte im Alter typischerweise häufiger und/oder schwerer erkranken und damit höhere Kosten verursachen. Dies zeigt eine IW-Simulation, die an den durchschnittlichen Leistungsausgaben für die einzelnen Altersgruppen ansetzt. Das Ergebnis:

Bis 2028 ist – unter ansonsten gleichen Voraussetzungen – aufgrund der gealterten Versichertenstruktur mit einem Anstieg der GKV-Ausgaben um 5 Milliarden Euro auf mehr als 339 Milliarden Euro zu rechnen.

Allein, weil die Gruppe der Versicherten insgesamt älter wird, ergibt die IW-Simulation einen jährlichen Ausgabenzuwachs von knapp 0,4 Prozent. Schon um diese höheren Leistungen zu finanzieren, müsste der Beitragssatz um knapp 0,3 Prozentpunkte angehoben werden.

Die Grundlohnsumme als Basis der GKV-Einnahmen bleibt vorerst noch konstant

Immerhin verschärft die Alterung des Versichertenbestands in den kommenden vier Jahren die GKV-Finanzlage nicht auch noch auf der Einnahmenseite. Zwar steigt der Anteil der über 65-jährigen Versicherten von 22,7 auf 24,2 Prozent – und die beitragspflichtigen Einkommen von Rentnern sind im Schnitt niedriger als jene der jüngeren Erwerbstätigen. Der Anteil der Beitragszahler an allen Versicherten ist jedoch in der Krankenversicherung der Rentner höher, weil beispielsweise zuvor beitragsfrei versicherte Familienangehörige im Ruhestandsalter eine beitragspflichtige Rente beziehen. Der IW-Simulation zufolge bleibt die fortgeschriebene Grundlohnsumme als Basis für die GKV-Einnahmen bis Ende 2028 nahezu konstant.

Unterm Strich heißt das: Um den demografisch bedingten Ausgabenanstieg bei einem konstanten Beitragssatz finanzieren zu können, muss das Wachstum der GKV-Ausgaben pro Kopf künftig um 0,4 Prozentpunkte pro Jahr hinter dem Wachstum der beitragspflichtigen Grundlohnsumme zurückbleiben. Wenn die Bundesregierung im Herbst 2027 Empfehlungen von ihrer Reformkommission erwartet, käme das zu spät, um den Beitragssatz stabil zu halten.

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