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Angst vorm Abstieg meist unbegründet

Rund die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland gehört zur Mittelschicht. Daran hat sich seit der Wiedervereinigung nichts geändert. Abstiege in die Einkommensarmut sind selten – und meist nur von kurzer Dauer, wie Untersuchungen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zeigen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Rund die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland gehört zur Mittelschicht.
  • Die Mittelschicht ist demnach seit der Wiedervereinigung Deutschlands weitgehend stabil.
  • Nur ungefähr 2 Prozent der Mitte, also rund 400.000 der etwa 20 Millionen Haushalte, rutschen innerhalb eines Jahres in die relative Einkommensarmut ab.
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In Deutschland ist „die Mitte“ weniger ein Ort, sondern vielmehr ein gesellschaftlicher Idealzustand. Nach traditioneller Vorstellung handelt es sich dabei noch immer um die Familie mit Kindern, Eigenheim und einem alleinverdienenden vollzeitbeschäftigten Facharbeiter, Angestellten oder Beamten. Diesem Bild entsprechen aber lediglich 9 Prozent der Bevölkerung – die Mitte repräsentiert diese Gruppe wohl kaum. Die Mittelschicht muss also anders abgegrenzt werden.

Sozialwissenschaftler beschreiben die soziokulturelle Mitte daher vor allem mittels Bildung und Beruf – wer dazugehört oder dazugehören will, braucht zumindest ein mittleres Bildungsniveau. Nimmt man nun alle Personen vom Facharbeiter bis zum Ingenieur oder Geisteswissenschaftler und definiert weiterhin, dass diese nicht dauerhaft von staatlichen Transferzahlungen abhängig sein dürfen, kommt man zur Abgrenzung der Mittelschicht, wie sie den Berechnungen des IW Köln zugrunde liegt.

So gesehen gehört knapp die Hälfte der Bevölkerung zur sozio-kulturellen Mitte. Familien mit Kindern machen wiederum die Hälfte davon aus – klar mehr als in der Gesamtbevölkerung, wo dieser Anteil nur 40 Prozent beträgt.

Wenn man wissen will, wo jemand steht, kommt man allerdings um die Frage nach den Finanzen nicht herum. Der für die soziokulturelle Mitte typische Einkommensbereich liegt bei 80 bis 150 Prozent des Medianeinkommens – also jenem Einkommen, das die Bevölkerung in genau zwei Hälften trennt. Zuletzt betrug dieses, auch „mittleres“ Einkommen genannte Maß umgerechnet für einen Alleinstehenden knapp 1.600 Euro netto im Monat.

Allerdings sind auch höhere und niedrigere Einkommen für die Mitte keine Seltenheit:

So verfügt beispielsweise jeder siebte Gymnasiallehrer-Haushalt über das Zwei- bis Zweieinhalbfache des Medianeinkommens von derzeit rund 1.600 Euro netto.

Insgesamt ist die Mittelschicht daher recht breit und reicht von Einkommen von 60 bis 250 Prozent des Medianeinkommens. Zur Oberschicht zählt, wer darüber liegt. Und wer unterhalb der Grenze zur relativen Einkommensarmut liegt – also weniger als 60 Prozent des Median­einkommens bezieht –, muss sich der gesellschaftlichen Unterschicht zurechnen lassen.

Genau dieser Blick nach unten macht immer dann Schlagzeilen, wenn irgendeine Studie vor dem „Verschwinden der Mitte“ warnt – zu Unrecht, wie die IW-Berechnungen zeigen, bei denen die Bevölkerung in fünf Einkommensgruppen unterteilt wird (Grafik):

Die Mittelschicht ist demnach seit der Wiedervereinigung Deutschlands weitgehend stabil.

Ungefähr die Hälfte der Deutschen gehört seit Jahren zur Mittelschicht, kleine Schwankungen außer Acht gelassen. Weder die positive Konjunkturentwicklung in den Jahren 2006 und 2007 noch die schwere Wirtschaftskrise 2008 und 2009 haben in nennenswertem Umfang an der Mittelschicht gerüttelt.

Markant ist allerdings eines: Etwa von 1998 bis 2004 sind der Anteil der Einkommensarmen gestiegen und der Anteil der einkommensschwachen Mitte gesunken.

Danach ist nicht mehr viel passiert: Seit 2004 sind die Anteile der jeweiligen Schichten stabil, auch am unteren Ende – wenn auch auf etwas höherem Niveau als kurz nach der Wiedervereinigung. Die im Jahr 2005 in Kraft getretenen Hartz-Regelungen haben somit weder zu einer weiteren Auffächerung im unteren Bereich der Einkommensskala geführt noch zu einer merklichen Erosion der Mittelschicht. Von dem häufig behaupteten Schrumpfen dieser Einkommensschicht kann also keine Rede sein.

Nichtsdestotrotz bleibt die Gefahr des sozialen Abstiegs für Mittelschichtler ein Aufreger-Thema, besonders seit den Hartz-Reformen befürchten viele den Fall ins Bodenlose. Aber wie real sind diese – häufig auch von den Medien geschürten – Abstiegsängste? Nicht wirklich besorgniserregend, wie die Zahlen zeigen. Beobachtet man die Position der Haushalte jeweils über drei aufeinanderfolgende Jahre, dann lässt sich ermitteln, wie viele Mittelschichthaushalte in die Unterschicht abrutschen – und wie lang sie dort bleiben (Grafik):

Nur ungefähr 2 Prozent der Mitte, also rund 400.000 der etwa 20 Millionen Haushalte, rutschen innerhalb eines Jahres in die relative Einkommensarmut ab.

Diese Zahl hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten tendenziell nicht erhöht. Und eine noch wichtigere Erkenntnis:

Die Mehrheit der abgestiegenen Haushalte verbleibt lediglich für ein Jahr in der untersten Einkommensgruppe – über die Hälfte der Absteiger schafft es, der Einkommensarmut innerhalb eines Jahres zu entkommen.

Dieser Wert lag vor der Jahrtausendwende allerdings noch höher: Damals konnten sogar bis zu drei Viertel der Absteiger die unterste Einkommensgruppe binnen eines Jahres schon wieder verlassen.

Innerhalb der breiten Einkommensspanne, die die Mitte ausmacht, gibt es jedoch auch Aufs und Abs. Etwa jeder zehnte Mittelschichtler, der in einem Jahr zur typischen Mitte zählte, ist im Jahr darauf in die einkommensschwache Mitte abgerutscht und verfügt nur noch über 60 bis 80 Prozent des mittleren Einkommens. Doch nur ein sehr kleiner Anteil dieser Haushalte gleitet anschließend weiter in die Einkommensarmut ab.

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