Altersarmut: Die Rolle des Vermögens
In den Debatten um Altersarmut in Deutschland geht es meist um die Höhe der gesetzlichen Rente. Um das Armutsrisiko von Rentnerhaushalten realistisch einzuschätzen, gilt es aber, nicht nur alle Haushaltseinkommen, sondern auch das vorhandene Vermögen zu berücksichtigen. Altersarmut ist demnach weniger verbreitet als gedacht.
- Im Median besaßen die Altersrentner-Haushalte in Deutschland 2023 ein Nettovermögen von knapp 140.000 Euro – das sind gut 36.000 Euro mehr als die Gesamtheit aller Haushalte.
- Unter Berücksichtigung ihres Nettovermögens sinkt der für das Jahr 2023 berechnete Anteil der armutsgefährdeten Haushalte, in denen ein Altersrentner der Hauptverdiener ist, von 17,8 auf 11,0 Prozent.
- Die Höhe der gesetzlichen Rente ist also kein alleiniger geeigneter Indikator für ein Armutsrisiko im Alter. Daher sollte die Politik die GRV nicht für Umverteilungsmaßnahmen benutzen, die den Sozialstaat viel Geld kosten würden, ohne genau die wirklich Bedürftigen zu erreichen.
Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet und/oder sich um die Familie gekümmert haben und trotzdem im Alter jeden Cent dreimal umdrehen müssen: Das sollte es in einem wohlhabenden Land wie Deutschland möglichst selten geben. Und so spielt die Vermeidung von Altersarmut auch eine große Rolle bei den derzeitigen Überlegungen zur Reform der gesetzlichen Rentenversicherung (GRV). Mehrere Vorschläge zielen darauf ab, innerhalb der GRV Mittel von „oben“ nach „unten“ umzuverteilen.
Doch abgesehen davon, dass solche Maßnahmen den Versicherungscharakter der GRV aufweichen würden, stellt sich die Frage, wie verbreitet Altersarmut in Deutschland wirklich ist und ob die Rente ein verlässlicher Indikator ist, um das Armutsrisiko im Alter zu erfassen.
Daten einer von der Deutschen Bundesbank durchgeführten Haushaltsbefragung, die das IW ausgewertet hat, bringen Licht ins Dunkel. Schaut man zunächst nur auf die Einkommen der Haushalte in Deutschland – sei es aus Arbeit, Vermietung, Pensionen oder eben gesetzlichen Renten –, ergibt sich ein erwartbares Bild:
In jenen Haushalten, in denen der Hauptverdiener Altersrentner ist und eine gesetzliche Rente bezieht, betrug im Jahr 2023 der Anteil der armutsgefährdeten Personen 17,8 Prozent – in der Gesamtbevölkerung lag die Armutsrisikoquote bei 15,4 Prozent.
Zur Erklärung: Als armutsgefährdet zählt nach gängiger Definition, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoäquivalenzeinkommens zur Verfügung hat. Dieses Einkommen berücksichtigt den Haushaltskontext – also zum Beispiel, dass ein Paar sich Gebrauchsgüter wie eine Waschmaschine teilt und Kinder weniger Konsumbedarf haben als Erwachsene. Ein Single galt demnach im Jahr 2023 als armutsgefährdet, wenn er netto über weniger als 1.380 Euro pro Monat verfügte.
Die Einkommen erzählen jedoch nicht die ganze Wahrheit. Denn viele Senioren-Haushalte verfügen über ein über die Jahre angespartes, mehr oder weniger großes Vermögen – etwa in Form von Aktien, dem Eigenheim, Autos, Schmuck oder Guthaben aus privaten Versicherungen. Selbst wenn man eventuelle Schulden abzieht, bleiben die Zahlen beachtlich (Grafik):
Im Median besaßen die Altersrentner-Haushalte in Deutschland 2023 ein Nettovermögen von knapp 140.000 Euro – das sind gut 36.000 Euro mehr als die Gesamtheit aller Haushalte.
Nimmt man den Durchschnittswert, kamen sowohl die Haushalte der Rentner als auch die der Gesamtbevölkerung auf ein Nettovermögen von mehr als 300.000 Euro – allerdings wird dieser Wert durch wenige Haushalte mit sehr hohen Vermögen nach oben gezogen.
Um die Vermögen in die Ermittlung des Armutsrisikos einbeziehen zu können, muss man sie – unter bestimmten Annahmen etwa zur Lebenserwartung und Verzinsung – in hypothetische jährliche Einkommen umrechnen und zu den tatsächlichen Einkünften hinzuaddieren.
Der Effekt ist deutlich (Grafik):
Unter Berücksichtigung ihres Nettovermögens sinkt der für das Jahr 2023 berechnete Anteil der armutsgefährdeten Haushalte, in denen ein Altersrentner der Hauptverdiener ist, von 17,8 auf 11,0 Prozent.
Dieser Wert liegt deutlich unter jenem für die Haushalte insgesamt, die unter Einbeziehung ihrer Vermögen noch auf eine Armutsrisikoquote von 13,4 Prozent kommen.
Unter Einbeziehung der Vermögen der Haushalte ist Altersarmut in Deutschland weniger verbreitet als gedacht.
Demzufolge ist klar, dass Altersarmut in Deutschland zwar existiert, aber einen wesentlich kleineren Personenkreis betrifft, als man vermuten könnte. Ebenso deutlich wird, dass die Höhe der gesetzlichen Rente kein alleiniger geeigneter Indikator für ein Armutsrisiko im Alter ist. Daher sollte die Politik die GRV nicht für Umverteilungsmaßnahmen benutzen, die den Sozialstaat viel Geld kosten würden, ohne genau die wirklich Bedürftigen zu erreichen.
Dies gilt umso mehr, als es bereits treffsichere, weil bedürftigkeitsgeprüfte Instrumente zur Vermeidung von Armut im Alter gibt – wie das Wohngeld, die Grundsicherung oder die Hilfe zur Pflege.