Deutsche Wirtschaft 1914 Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Als die Industrie durchstartete

Vor rund 100 Jahren, in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, entwickelte sich die Industrie in Deutschland zum größten Wirtschaftssektor. Damals bescherten viele neu gegründete Unternehmen dem Kaiserreich einen anhaltenden Aufschwung – einige von ihnen sind noch heute auf den Weltmärkten erfolgreich.

Kernaussagen in Kürze:
  • In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich die Industrie in Deutschland zum größten Wirtschaftssektor.
  • Von 1900 bis 1913 stieg die reale Wirtschaftsleistung in Deutschland um fast 44 Prozent auf rund 52 Milliarden Mark – ein durchschnittlicher Zuwachs von gut 2,8 Prozent pro Jahr.
  • Allein im Jahr 1913 wurden in Deutschland netto mehr als 8 Milliarden Mark investiert – das waren fast 16 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung.
Zur detaillierten Fassung

Wer die Industrie in Deutschland als Auslaufmodell bezeichnet, verkennt, dass sie nach wie vor ein starker Wirtschaftsmotor ist (vgl. iwd 6/2014). Und so steinalt, wie sie manchmal dargestellt wird, ist die Industrie gar nicht – schließlich liegt ihre erste Hochphase nur gut 100 Jahre zurück.

Der Aufstieg des Verarbeitenden Gewerbes zum wichtigsten Wirtschaftszweig vollzog sich vor allem in der Zeit zwischen der Gründung des Kaiserreichs 1871 und dem Jahr 1914. Lag der Anteil der Industrie an der Wirtschaftsleistung um 1870 erst bei etwa 30 Prozent, war Deutschland kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs bereits stärker industrialisiert als die großen Konkurrenten Frankreich und Großbritannien (Grafik):

Mit 44 Prozent hatte die Industrie in Deutschland um 1910 einen höheren Anteil am Nationalprodukt als in Frankreich (41 Prozent) oder Großbritannien (38 Prozent).

Wachstum des Nettonationalprodukts. Der Industriesektor war aber nicht nur innerhalb weniger Jahrzehnte enorm gewachsen, er hatte sich auch strukturell verändert. Auf die erste Phase der Industrialisierung mit Kohlebergbau, Eisenverhüttung und Eisenbahnbau folgte gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Aufstieg des Maschinenbaus, der Elektro­industrie und der Chemie zu führenden Wirtschaftszweigen.

Allerdings darf bei all dem nicht übersehen werden, dass das deutsche Reich nach wie vor stark vom Agrarsektor geprägt war. Vor dem Ersten Weltkrieg trug die Landwirtschaft immer noch 23 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei und gab rund einem Drittel der Bevölkerung Arbeit. Damit unterschied sich die deutsche Wirtschaft zum Beispiel stark von der britischen, die damals bereits auf dem Weg in die Dienstleistungsgesellschaft war.

Entscheidend für die Blüte der deutschen Industrie waren die vielen nach 1871 gegründeten Unternehmen – daher spricht man von der Gründerzeit. Im Jahr 1909 wurden 5.220 Aktiengesellschaften gezählt, davon waren 3.230 dem Industriesektor zuzuordnen. Von den 16.500 Gesellschaften mit beschränkter Haftung waren 8.560 im Verarbeitenden Gewerbe tätig. Und immerhin rund 30 Prozent der 5,8 Millionen Selbstständigen und Einzelunternehmer arbeiteten in der Industrie oder im industrienahen Handwerk. Viele der damals gegründeten Industrieunternehmen spielen noch heute eine große, sprich weltweite Rolle (Kasten).

Der Gründerboom schlug sich in einem kräftigen Wirtschaftswachstum nieder (Grafik):

Von 1900 bis 1913 stieg die reale Wirtschaftsleistung in Deutschland um fast 44 Prozent auf rund 52 Milliarden Mark – ein durchschnittlicher Zuwachs von gut 2,8 Prozent pro Jahr.

Deutsche Einfuhren und Ausfuhren 1913. Verglichen mit den zum Teil zweistelligen Wachstumsraten, die beispielsweise China in jüngster Zeit erzielte, mag das zwar mager erscheinen. Man muss aber bedenken, dass Deutschland damals eben nicht von ausländischen Direktinvestitionen profitierte und so im Ausland bereits entwickelte Technologien übernehmen konnte. Denn vor 1914 war das früh industrialisierte Großbritannien der einzige nennenswerte Kapitalexporteur, das Land investierte jedoch nur in den USA und den Ländern des „British Empire“.

Deshalb ist das Wachstum der deutschen Wirtschaft vor 1914 hauptsächlich auf die inländischen Industrie-Investitionen zurückzuführen.

Allein im Jahr 1913 wurden in Deutschland netto mehr als 8 Milliarden Mark investiert – das waren fast 16 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung.

Heute liegen die deutschen Netto­investitionen, also die getätigten Investitionen abzüglich der Abschreibungen, nur noch bei 2 bis 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Auch der Außenhandel spielte im Kaiserreich schon eine wichtige Rolle, wenngleich die Exporte 1913 erst knapp 20 Prozent der Wirtschaftsleistung betrugen – verglichen mit 43 Prozent 100 Jahre später. Anders als heute fuhr Deutschland im grenz­überschreitenden Warenverkehr 1913 ein Defizit ein (Grafik):

Ausfuhren im Wert von 10,1 Milliarden Mark standen Einfuhren von 10,8 Milliarden Mark gegenüber.

Anteile an der Wirtschaftsleistung durch verschiedene Branchen.

Die wichtigsten Kunden für Waren „made in Germany“ waren europäische Länder. Zu den größten Exportschlagern gehörten schon damals die Erzeugnisse der Metall- und Elektro-Industrie. Maschinen, Stahl, Eisenwaren, Fahrzeuge, Röhren, Elektrogeräte und Glühlampen machten zusammen 24 Prozent der gesamten Exporte aus. Im Gegensatz zu heute führte Deutschland seinerzeit aber auch viel Steinkohle und Koks sowie Woll- und Baumwolltextilien aus – jeweils 7 Prozent des Exportwerts entfielen auf diese zwei Gütergruppen.

Die deutschen Importe kamen fast zur Hälfte aus Übersee und bestanden vor allem aus Rohstoffen und Nahrungsmitteln, allen voran Baumwolle (6 Prozent des gesamten Einfuhrwerts), Weizen, Gerste und Wolle (mit jeweils etwa 4 Prozent des Einfuhrwerts).

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