Alles aus einem Guss
Überschaubare Größe, hohe gesamtwirtschaftliche Bedeutung – die Gießereien in Deutschland sind zentraler Bestandteil der industriellen Wertschöpfungsketten. Die enge Verzahnung der Branche mit diversen anderen industriellen Bereichen ist Risiko und Chance zugleich.
- In Deutschland gibt es 545 Gießereien, die Betriebe beschäftigen rund 67.700 Menschen. Die Automobilindustrie war 2024 mit einer Abnahme von 45 Prozent des Gesamtwerts der gelieferten Gießereiprodukte mit Abstand der größte Kunde.
- Dadurch, dass die Gießerei-Industrie zum einen viele Vorleistungen benötigt und zum anderen Gusselemente in einer Vielzahl von Produkten verbaut sind, hat die Branche allgemein eine große ökonomische Bedeutung.
- Die exportstarke Branche muss derzeit mit strukturellen Wettbewerbsnachteilen wie den hohen Strompreisen in Deutschland, unsicheren handelspolitischen Rahmenbedingungen und ambitionierten Zielen zur Dekarbonisierung zurechtkommen.
Sie arbeiten mit Sand-, Druck- oder Feinguss, nutzen Eisen, Stahl und Leichtmetalle und ihre Produkte können zwischen wenigen Gramm und mehreren Hundert Tonnen wiegen. Die Gießereien in Deutschland bilden eine heterogene und breit aufgestellte Branche. Durch ihre vielfältigen Lösungen und hochspezifischen Produkte sind sie ein zentraler Bestandteil der industriellen Wertschöpfung in Deutschland. Dabei ist die Branche an sich gar nicht einmal so groß (Grafik):
Insgesamt gibt es 545 Gießereien in Deutschland, die Betriebe beschäftigen rund 67.700 Menschen.
Oftmals sind die Unternehmen im ländlichen Raum heimisch. Mehr als jede zweite Gießerei ist in einem dünn oder moderat besiedelten Gebiet zu Hause. Die Branche ist damit in vielen ländlichen Regionen ein industrieller Anker, der qualifizierte Beschäftigung sowie regionale Wertschöpfung sichert und häufig zu den wichtigsten Arbeitgebern vor Ort zählt.
Die Gießereien selbst liefern ihre Produkte zwar an diverse industrielle Branchen, eine sticht in ihrer Bedeutung aber heraus (Grafik):
Die Automobilindustrie war 2024 mit einer Abnahme von 45 Prozent des Gesamtwerts der gelieferten Gießereiprodukte mit Abstand der größte Kunde.
Die Bandbreite der Gusskomponenten reicht dabei von Zylinderköpfen und Bremsteilen über Getriebe- und Achskomponenten bis hin zu Strukturbauteilen für die Karosserie und Batteriegehäusen für E-Fahrzeuge.
Die zweitwichtigste Kundenbranche ist der Maschinenbau mit einem Anteil von 30 Prozent. Gusskomponenten sind hier häufig integraler Bestandteil komplexer Maschinen.
Die Gießerei-Industrie hat aufgrund ihrer vielen Verpflechtungen mit anderen Branchen eine große ökonomische Bedeutung für Deutschland. Die konjunkturellen und strukturellen Herausforderungen sind daher weit über die eigene Branche hinaus relevant.
Generell gilt: Dadurch, dass die Gießerei-Industrie zum einen viele Vorleistungen benötigt und zum anderen Gusselemente in einer Vielzahl von Produkten verbaut sind, hat die Branche allgemein eine große ökonomische Bedeutung.
Insgesamt ist die Gießerei-Industrie bundesweit für knapp 125.000 Arbeitsplätze verantwortlich und generiert direkt und indirekt 10,3 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung bei einem Produktionswert von 26 Milliarden Euro.
Noch eklatanter ist der Effekt, wenn man das Guss-Kundennetzwerk betrachtet, also Unternehmen, die für ihre eigene Wertschöpfung in besonderem Maße auf Gussprodukte als Vorleistungen angewiesen sind. Gemeinsam erzielen diese Unternehmen eine Bruttowertschöpfung von 428 Milliarden Euro und einen Produktionswert von 1.150 Milliarden Euro. Zudem sichern sie 3,85 Millionen Arbeitsplätze.
Diese Verkettung verdeutlicht die zentrale Position der Gießerei-Industrie. Daher sind die konjunkturellen und strukturellen Herausforderungen, die die Unternehmen zu bewältigen haben, weit über die eigene Branche hinaus relevant.
Derzeit haben die Gießereien zum einen damit zu kämpfen, dass ihre zentralen Abnehmer in der Automobilindustrie und dem Maschinenbau schwächeln. Zum anderen muss die exportstarke Branche mit strukturellen Wettbewerbsnachteilen wie den hohen Strompreisen in Deutschland, unsicheren handelspolitischen Rahmenbedingungen und ambitionierten Zielen zur Dekarbonisierung zurechtkommen.
Die IW Consult hat den Blick nach vorn gerichtet und sich in zwei Szenarien angesehen, welche gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen eine schwächere beziehungsweise stärkere Gießerei-Industrie in Deutschland haben würde. Die Ergebnisse:
Negativszenario. Würde die inländische Gussproduktion vom heutigen Stand aus um 50 Prozent sinken – seit 2018 ist sie bereits um 35 Prozent zurückgegangen –, würde das die Bruttowertschöpfung in Deutschland um 65 Milliarden Euro verringern. Das entspricht 1,6 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung. Zugleich würden etwa 588.000 Arbeitsplätze verloren gehen.
Positivszenario. In ihrem „Industrial Accelerator Act“ hat die EU das Ziel formuliert, den Anteil des Verarbeitenden Gewerbes an der Bruttowertschöpfung im europäischen Durchschnitt auf 20 Prozent zu erhöhen. Deutschland müsste dafür eine Industriequote von 22 Prozent erreichen – derzeit beträgt sie 17 Prozent. Dies zugrunde gelegt, würden bei einem entsprechenden Produktionswachstum von 17,7 Prozent in der Gießerei-Industrie 12.000 Arbeitsplätze entstehen und knapp 0,9 Milliarden Euro mehr Wertschöpfung zustande kommen – gesamtwirtschaftliche Effekte nicht einberechnet.