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Akademiker auf Achse

Manche Studenten brechen bereits während des Studiums in fremde Länder auf, andere erst nach dem Abschluss. Fest steht: Die Zahl der international mobilen Akademiker steigt. Ob und wann sie den Sprung über die Grenze wagen, hängt allerdings auch davon ab, welches Fach sie studieren.

Kernaussagen in Kürze:
  • Manche Studenten brechen bereits während des Studiums in fremde Länder auf, andere erst nach dem Abschluss.
  • Der Einkommensvorteil der Absolventen, die während des Studiums Auslandserfahrung gesammelt haben, beträgt fünf Jahre nach dem Examen bis zu 8 Prozent.
  • Jeder dritte Wirtschafts- und Sprachwissenschaftler realisiert einen Auslandsaufenthalt mit Studienbezug, bei den Ingenieur- und Naturwissenschaftlern ist es nur jeder fünfte.
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Ein Auslandsaufenthalt ist nicht nur ein hübsches Detail im Lebenslauf, sondern bringt in der Regel handfeste Vorteile mit sich: Hochschulabsolventen, die zwecks Studiums eine Zeit im Ausland waren, erzielen ein höheres Einkommen als Studenten, die sämtliche Vorlesungen und Prüfungen in Deutschland hinter sich gebracht haben:

Der Einkommensvorteil der Absolventen, die während des Studiums Auslandserfahrung gesammelt haben, beträgt fünf Jahre nach dem Examen bis zu 8 Prozent.

Diesen Bonus gibt es allerdings nicht in allen Branchen. Mit einem Gehaltsplus können auslandserfahrene Akademiker hauptsächlich in international ausgerichteten Unternehmen rechnen. Im öffentlichen Dienst oder in Branchen, in denen sich die Entlohnung strikt an Tarifverträgen orientiert, bringt der Auslandsaufenthalt dagegen keine nennenswerten finanziellen Vorteile.

Die Bologna-Reform, die an den deutschen Hochschulen unter anderem zur Einführung der internationalen Abschlüsse Bachelor und Mas­ter geführt hat, erzielte den gewünschten Effekt auf die studentische Mobilität: Im Jahr 2000 – ein Jahr nach der Unterzeichnung der Bologna-Erklärung – waren von 1.000 Studenten in Deutschland nur 34 an einer Hochschule im Ausland eingeschrieben, im Jahr 2012 waren es bereits 62.

Laut Statistischem Bundesamt hatten sich 2012 rund 138.500 deutsche Studenten an einer ausländischen Hochschule eingeschrieben.

Der Wunsch, auch im Ausland Erfahrungen zu sammeln, ist damit so groß wie nie zuvor: Über ein Viertel aller deutschen Studenten, die aktuell in einem Erst- oder Mas­terstudium immatrikuliert sind, haben im Lauf ihres Studiums mindestens einen studienbezogenen Auslandsaufenthalt absolviert. Dazu gehören neben dem Studium auch Praktika, Sprachkurse, Projektarbeiten, Studienreisen sowie die Teilnahme an Sommerschulen.

Unter den Studenten zeigt sich allerdings ein großes Gefälle hinsichtlich der Mobilität (Grafik):

Jeder dritte Wirtschafts- und Sprachwissenschaftler realisiert einen Auslandsaufenthalt mit Studienbezug, bei den Ingenieur- und Naturwissenschaftlern ist es nur jeder fünfte.

Auch Medizinstudenten sind vergleichsweise oft im Ausland, was damit zusammenhängt, dass sich einige Länder regelrecht auf deutsche Numerus-clausus-Flüchtlinge dieser Fachrichtung spezialisiert haben: In Ungarn beispielsweise werden an vielen Hochschulen deutschsprachige Vorlesungen in Medizin angeboten, sodass in diesem Land mittlerweile zwei von drei deutschen Studenten angehende Mediziner sind.

Ob jemand zum Studium ins Ausland geht oder nicht, hängt aber nicht nur mit der Fachrichtung zusammen, sondern auch mit dem familiären Hintergrund. Da ein (Teil)-Studium in der Ferne meist mit erheblichen Zusatzkosten verbunden ist, sind Studenten aus gut situierten Akademiker-Elternhäusern im Vorteil – und dieser Nachwuchs studiert nun mal häufiger Medizin oder Betriebswirtschaft als technisch-naturwissenschaftliche Fachrichtungen.

Ein völlig anderes Verhaltensmus­ter zeigt sich dann in den ersten Jahren nach dem Examen: Absolventen, die während des Studiums eher immobil waren und ihre Credit Points in Deutschland gesammelt haben, gehen nun deutlich häufiger ins Ausland (Grafik):

Drei von zehn Uni-Absolventen der Physik, des Maschinenbaus und der Verfahrenstechnik haben fünf Jahre nach ihrem Abschluss mindestens einen Monat lang als Expat gearbeitet.

Die auslandsaffinen deutschen Medizinstudenten dagegen werden nach dem dritten Staatsexamen plötzlich sesshaft: Dann zieht es nur noch jeden Achten in die Ferne. Fester verwurzelt sind nur noch Lehrer, von denen nach dem Referendariat lediglich jeder 13. zumindest für eine Zeit ins Ausland strebt.

Auch für diese Umkehrung gibt es eine Erklärung: Ingenieure sind häufiger als andere Akademiker im innovations- und exportstarken Verarbeitenden Gewerbe beschäftigt. Der deutsche Maschinenbau, die Elektrotechnik und der Fahrzeugbau erwirtschaften 60 bis 70 Prozent ihres Umsatzes im Ausland, was not­wendigerweise eine überdurchschnittliche Auslandsmobilität der Mitarbeiter bedingt.

Ähnliches gilt für die Naturwissenschaftler: Da sie besonders häufig promovieren und dabei das dichte internationale Forschungsnetzwerk ihrer Fakultäten nutzen, verbringen viele Absolventen nach dem Examen ihre Forschungsaufenthalte im Ausland. Bei den Chemikern spielt zudem noch die große Bedeutung der multinationalen Konzerne in diesem Wirtschaftszweig eine Rolle.

In einem globalisierten Arbeitsumfeld sind fremdsprachliche und interkulturelle Kompetenzen der Hochschulabsolventen besonders wichtig. Deshalb sollte der Zugang zu einem Auslandsaufenthalt bereits im Rahmen des Studiums erleichtert werden – insbesondere in jenen Fächern, in denen die Studenten bislang größtenteils in Deutschland bleiben. So könnte man beispielsweise gerade jene öffentlichen und privaten Programme ausbauen, die Auslandsaufenthalte von Studenten fördern, deren Familien dies finanziell nicht alleine stemmen können.

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