Afrika, der vernachlässigte Kontinent
Zwar ist die EU bereits heute der wichtigste Handelspartner Afrikas, allerdings sind die Warenströme vergleichsweise klein. Angesichts zunehmender weltweiter geopolitischer Spannungen und Abhängigkeiten sollten Brüssel und Berlin die Handelsbeziehungen zum afrikanischen Kontinent weiter ausbauen.
- Mit deutschen Warenexporten in Höhe von zuletzt 26 Milliarden Euro und Warenimporten von 32 Milliarden Euro ist der Außenhandel zwischen Deutschland und Afrika ausbaufähig.
- Das gilt auch für die Direktinvestitionen: Das von deutschen Investoren in Afrika angelegte Kapital betrug 2023 knapp 13 Milliarden Euro, das entsprach lediglich 0,8 Prozent der weltweiten deutschen Direktinvestitionsbestände.
- Dass der Warenaustausch mit den afrikanischen Ländern relativ verhalten ist, hängt aus europäischer Perspektive vor allem damit zusammen, dass es in Afrika an kaufkräftiger Kundschaft fehlt. Das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner lag in Afrika 2024 bei durchschnittlich 2.400 Dollar.
Der „große vernachlässigte Kontinent“, so bezeichnete Bundeskanzler Friedrich Merz Afrika beim Tag der offenen Tür der Bundesregierung im Kanzleramt im vergangenen August. Angesichts von aktuell 1,3 Milliarden Einwohnern und jeder Menge Bodenschätze, insbesondere kritischer Rohstoffe, würde er genau das gerne ändern und warb deshalb dafür, bei der Suche nach neuen Handelspartnern auch an Afrika zu denken.
Tatsächlich ist der Außenhandel zwischen Deutschland und Afrika ausbaufähig (Grafik):
Die deutschen Exporte nach Afrika sind zwischen 2015 und 2024 um gerade einmal 10 Prozent auf 26 Milliarden Euro gestiegen.
Etwas besser haben sich die deutschen Importe aus Afrika entwickelt. Im Jahr 2015 führte die Bundesrepublik Güter für rund 18 Milliarden Euro aus den 54 afrikanischen Staaten ein, 2024 bezifferten sich die Importe auf immerhin 32 Milliarden Euro. Wichtigster Handelspartner ist Südafrika: So stand das Land im Jahr 2024 für fast 35 Prozent aller deutschen Exporte in den afrikanischen Kontinent und für nahezu 40 Prozent der deutschen Importe von dort. Andere wichtige afrikanische Handelspartner Deutschlands sind Ägypten, Marokko und Tunesien.
In Zeiten großer geopolitischer Spannungen bietet ein vertiefter wirtschaftlicher Austausch mit Afrika, der die Förderung der lokalen Wertschöpfung unterstützt, Chancen auf positive Wohlstandseffekte auf beiden Seiten.
Auch die Handelsbeziehungen zwischen der EU und Afrika konnten im untersuchten Zeitraum nur einen leichten Aufwärtstrend verzeichnen (Grafik):
Im Jahr 2015 exportierten die EU-Staaten Waren für rund 144 Milliarden Euro nach Afrika. 2024 waren es gut 166 Milliarden Euro, rund 15 Prozent mehr.
Bei den europäischen Importen aus Afrika ist die Entwicklung – analog zu Deutschland – dynamischer. So sind die EU-Einfuhren seit 2015 um rund 60 Prozent auf 190 Milliarden Euro gestiegen.
Auch wenn regelmäßig über das große chinesische Engagement in Afrika berichtet wird: Der wichtigste Handelspartner Afrikas ist die EU – und zwar mit deutlichem Abstand. Die EU-Staaten standen im Jahr 2024 für 28 Prozent der afrikanischen Importe und für fast 35 Prozent der afrikanischen Exporte. China kommt auf einen Anteil von 21 Prozent bei den Importen und annähernd 15 Prozent bei den Exporten. Für die EU selbst steht der Handel mit Afrika dagegen nur für 7,7 Prozent aller Extra-EU-Importe und für 6,4 Prozent aller Extra-EU-Exporte.
In Afrika fehlt es an Kaufkraft
Dass der Warenaustausch mit den afrikanischen Ländern relativ verhalten ist, hängt aus europäischer Perspektive vor allem damit zusammen, dass es in Afrika an kaufkräftiger Kundschaft fehlt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner lag in Afrika 2024 bei durchschnittlich 2.400 Dollar und war damit ähnlich niedrig wie in Indien. Zum Vergleich: Deutschlands BIP pro Kopf belief sich im selben Jahr auf rund 56.000 Dollar.
Eine der Ursachen für Afrikas niedrige Wirtschaftsleistung ist die Tatsache, dass der Kontinent den Großteil seiner Rohstoffe unverarbeitet exportiert. Das bedeutet: Die Wertschöpfung findet woanders statt.
Auch der afrikanische Binnenmarkt ist ausbaufähig. Der Handel zwischen den afrikanischen Staaten beträgt derzeit nur etwa 17 Prozent des gesamten Außenhandels der 54 Länder. Im europäischen Binnenmarkt liegt dieser Wert bei knapp 55 Prozent. Um das von der UNCTAD (United Nations Conference on Trade und Development) im jüngsten Afrika-Report genannte zusätzliche afrikanische Handelspotenzial in Höhe von 3,4 Billionen Dollar zu erschließen, müsste die Afrikanische Union die kontinentale Freihandelszone vollenden – also Zölle und nichttarifäre Handelshemmnisse im innerafrikanischen Handel abbauen. Doch das dauert: Erst 2063 sollen die letzten Zollhürden abgebaut sein.
Investitionen in die Stromversorgung, die Industrie und die Transportinfrastruktur sind nötig
Um eine ausreichende Stromversorgung, Transportwege, Industrie, Konsumgüter und Arbeitsplätze in Afrika vorzuhalten und zu schaffen, braucht es Investitionen. Die weltweiten Investitionszuflüsse nach Afrika haben 2024 zwar mit 97 Milliarden Dollar einen Rekordwert erreicht, doch das enorme Plus von 75 Prozent im Vergleich zum Vorjahr geht hauptsächlich auf ein großes Städtebauprojekt in Ägypten zurück.
Bei den Direktinvestitionsbeständen in Afrika, die das längerfristige Engagement ausländischer Kapitalgeber besser widerspiegeln, lag die EU mit rund 239 Milliarden Euro im Jahr 2023 an erster Stelle. Die Beteiligung deutscher Kapitalgeber ist eher bescheiden (Grafik):
Die deutschen Direktinvestitionsbestände in Afrika beliefen sich 2023 auf knapp 13 Milliarden Euro.
Zwar hat sich ihr Wert seit 2010 um rund 41 Prozent erhöht, aber zuletzt entsprachen sie lediglich 0,8 Prozent aller Direktinvestitionsbestände deutscher Unternehmen im Ausland. Diese Zurückhaltung dürfte auf die politische Situation, die häufig unsichere Rechtsstaatlichkeit sowie auf die weit verbreitete Korruption in vielen afrikanischen Staaten zurückzuführen sein. Doch in Zeiten großer geopolitischer Spannungen bietet ein vertiefter wirtschaftlicher Austausch mit Afrika, der die Förderung der lokalen Wertschöpfung unterstützt, Chancen auf positive Wohlstandseffekte auf beiden Seiten.