G-20-Gipfel Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

„Abschotten darf nicht die Antwort auf den US-Protektionismus sein“

Vor dem G-20-Gipfel in Hamburg erklärt Galina Kolev, IW-Expertin im Kompetenzfeld Internationale Wirtschaftsordnung und Konjunktur, welche Konfliktthemen es geben wird, warum Asien eine Chance für Europa bietet und welches Signal sie sich von den Teilnehmern erhofft.

Kernaussagen in Kürze:
  • Der G-20-Gipfel ist im Prinzip eine Fortsetzung des G-7-Gipfels von Sizilien in einem erweiterten Kreis. Es wird nach wie vor strittige Themen geben wie den Freihandel und den Klimaschutz.
  • Märkte in Asien bieten der EU viele Chancen. Mit einigen Ländern werden bereits Freihandelsabkommen verhandelt.
  • Nach dem von US-Präsident Trump angekündigten Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen ist es wichtig, dass sich die anderen Länder zu dem Abkommen bekennen.
Zur detaillierten Fassung

Frau Kolev, am 7. und 8. Juli treffen sich Vertreter der G-20-Staaten in Hamburg. Was kann man vom Gipfel erwarten?

Im Prinzip ist es eine Fortsetzung des G-7-Gipfels von Sizilien in einem erweiterten Kreis. Es wird nach wie vor strittige Themen geben wie den Freihandel und den Klimaschutz. Wir haben schon bei dem G-7-Gipfel gesehen, dass die Meinungen hier sehr weit auseinandergehen, vor allem zwischen Europa und den USA. Das wird sich nun fortsetzen.

Es wird ein Gipfel zweier Standpunkte: Freihandel gegen Protektionismus. Rechnen Sie mit einem Konsens?

Es ist kaum zu erwarten, dass sich die beteiligten Länder am Ende des Treffens einig sind. Länder, die aktuell protektionistische Tendenzen zeigen wie die USA, und andere, die vom freien Handel stark profitieren – unter anderem Deutschland –, werden von ihren grundsätzlichen Positionen nicht abweichen. Ein Bekenntnis zum freien Handel wird es, wenn überhaupt, bestenfalls vage formuliert und unpräzise geben.

Die EU hat sich zuletzt in Handelsfragen stärker Richtung Asien orientiert – nicht zuletzt wegen Trumps Wirtschaftspolitik. Erwarten Sie eine Vertiefung durch den Gipfel?

Das ist durchaus möglich. Die Antwort auf den Protektionismus der USA darf für die EU nicht lauten, dass man sich ebenfalls abschottet. Vielmehr sollte Europa zeigen, dass es den Freihandel auf anderen Wegen voranbringen kann. Asien bietet hier viele Chancen. Ein Abkommen mit Indien diskutiert die EU schon lange, mit Japan sind die Verhandlungen sehr weit vorangeschritten und sollen noch im Jahr 2017 abgeschlossen werden.

Nach dem angekündigten Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen ist es wichtig, dass sich die anderen Länder dazu bekennen.

Auf wen können die Europäer in Asien als verlässlichen Partner setzen und bei wem gibt es größere Risiken?

Mit Japan haben wir einen verlässlichen Partner. In anderen Staaten sind die Wirtschaftsordnung und der Rechtsrahmen weniger verlässlich. Es kommt immer wieder zu Schwierigkeiten – unter anderem in Sachen Korruption, Schutz der Eigentumsrechte und Arbeitsstandards. Trotzdem ist es sinnvoll, auch mit diesen Ländern über Freihandel zu sprechen. Vietnam ist hier ein Beispiel. Auch andere Länder aus dieser Region sind sehr interessant: Indien und Indonesien haben ein sehr großes Wachstumspotenzial und bieten mit ihren mehr als 1,5 Milliarden Bürgern einen großen Absatzmarkt. Ein Freihandelsabkommen und eine Förderung der Investitionen vor Ort würden auch der europäischen Wirtschaft zugute kommen, dafür braucht man aber einen rechtlichen Rahmen.

Afrika ist nicht nur wegen der Flüchtlingsbewegung ein großes Thema. Zu den G-20-Staaten gehört mit Südafrika aber nur ein Land des Kontinents. Wird es so überhaupt sinnvolle Beschlüsse geben können, die Afrika wirklich helfen?

Je nach Thema könnte es sinnvoll sein, wenn mehr Staaten aus Afrika dabei wären. Einige sind auch eingeladen, um am Rande des Gipfels an Gesprächen teilzunehmen. Beim Gipfel geht es aber in erster Linie um die G-20. In Europa sind wir stark von der Flüchtlingsmigration betroffen. Das Entscheidende ist, die Fluchtursachen zu bekämpfen. Gerade die großen Industrieländer versuchen es im Rahmen ihrer Entwicklungspolitik. Doch damit diese sinnvoll eingesetzt wird, ist im nächsten Schritt die Mitarbeit der betroffenen Länder unverzichtbar. Oft kommt es in diesem Zusammenhang zu Schwierigkeiten, wenn das Geld nicht richtig eingesetzt wird – hierfür ist ein Dialog mit den dortigen Regierungen wichtig.

Die Klimapolitik wird ebenfalls auf der Agenda des Gipfels stehen. Mit welchen Ergebnissen rechnen Sie?

Nach dem von US-Präsident Trump angekündigten Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen ist es wichtig, dass sich die anderen Länder zu dem Abkommen bekennen. Wenn die USA aussteigen, könnten sich andere Staaten fragen, warum sie Restriktionen für die eigene Wirtschaft noch akzeptieren sollten. Das ist ein gefährliches Spiel. Die anderen Staaten müssen jetzt zusammenstehen und zeigen, dass es sich hier wie beim Protektionismus um einen Einzelfall handelt.

Welche Botschaft erhoffen Sie sich allgemein von dem Zusammentreffen?

Auch wenn es an manchen Stellen nicht ganz reibungslos funktioniert, auch wenn einzelne Länder – und ich denke hier speziell an die USA – in bestimmten Bereichen für Gegenwind sorgen, sind wir als G-20 trotzdem stark, halten zusammen und setzen uns für unsere gemeinsamen Ziele ein.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene

Mehr auf iwkoeln.de