Abhängigkeit von China: Deutschlands Spiel mit dem Feuer
Abhängigkeiten im Warenhandel spielen in geopolitischen Konflikten eine immer größere Rolle. Inzwischen dienen sie teils für unverhohlene Drohungen zwischen Handelspartnern. Die deutsche Wirtschaft muss aus diesem Grund ihre kritischen Abhängigkeiten reduzieren – vor allem von China. Bislang ist aber kaum etwas passiert.
- Deutschlands Abhängigkeit von China ist unverändert. Im Jahr 2024 lag in rund 230 industrienahen Warengruppen der Importanteil aus China bei mindestens 50 Prozent.
- Mit insgesamt 89 Warengruppen ist die Abhängigkeit von China bei chemischen und verwandten Erzeugnissen am stärksten.
- Die Gefahren sind derzeit schwierig abzuschätzen. Es braucht ein (kleines) Analyseteam in einem Ministerium oder einer Bundesbehörde, welches die Risikoanalyse auf der Importseite übernimmt.
Schon mal etwas von Chlordiazepoxid gehört? Oder von Azinphosmethyl? Kein Wunder, wenn nicht, denn diese Spezialchemikalien kennen in der Regel nur Experten. Für die deutsche Wirtschaft sind die Stoffe gleichzeitig wichtig und problematisch. Zum einen werden sie gebraucht – in diesem Fall zur Medikamenten- und Insektizid-Herstellung – , zum anderen ist Deutschland hier massiv auf Importe aus China angewiesen, wie eine aktuelle IW-Studie zeigt. Dafür haben die Forscher – wie bereits im Vorjahr – die mehr als 14.300 Warengruppen der deutschen Außenhandelsstatistik überprüft, um einen Überblick über die kritischen Abhängigkeiten vom Reich der Mitte zu erhalten.
Das Ergebnis ist ernüchternd:
Im Jahr 2024 hatte Deutschland in rund 230 industrienahen Warengruppen einen Importanteil aus China von mindestens 50 Prozent und somit eine potenziell kritische Abhängigkeit. 2023 traf dies auf rund 220 Warengruppen zu.
77 Warengruppen bilden dabei den harten Kern. Sie hatten in den vergangenen fünf Jahren konstant einen Importanteil aus China von mindestens 50 Prozent.
Auch in anderer Hinsicht hat sich nichts verbessert (Grafik):
87 Warengruppen mit hoher Abhängigkeit von China hatten im Jahr 2024 einen Importwert von mehr als 10 Millionen Euro, genauso viele wie ein Jahr zuvor.
Unter den 20 wertmäßig wichtigsten Gruppen liegen Laptops mit einem Importwert von annähernd 10 Milliarden Euro unangefochten an der Spitze. Dahinter folgen Solarzellen mit 1,6 Milliarden Euro. Insgesamt vereinen die 229 Warengruppen Importe aus China im Wert von fast 20 Milliarden Euro, also für knapp 13 Prozent der gesamten deutschen Einfuhren aus China.
Für die Politik ist es aktuell schwierig bis unmöglich einzuschätzen, wie hoch die Risiken durch Abhängigkeiten von chinesischen Importen im Einzelnen sind.
Sortiert man die Warengruppen nach Branchen, so finden sich für Maschinen, Apparate, mechanische Geräte und elektrotechnische Waren, zu denen die bereits erwähnten Laptops und Solarzellen gehören, 80 potenziell kritische Abhängigkeiten. Noch größer ist das Problem nur in einer anderen Branche (Grafik):
Mit insgesamt 89 Warengruppen ist die Abhängigkeit von China bei chemischen und verwandten Erzeugnissen am stärksten.
Auf Rang drei folgen mit 31 kritischen Warengruppen die unedlen Metalle und die Waren daraus.
Kritische Abhängigkeiten schwierig einzuschätzen
Zwar ist der Kreis der potenziellen kritischen Abhängigkeiten insgesamt angesichts der großen Zahl an Warengruppen überschaubar. Allerdings können sich darunter Produkte verbergen, bei denen Versorgungsengpässe relevante negative gesellschaftliche oder gesamtwirtschaftliche Effekte haben würden. Das kann dann der Fall sein, wenn diese Produkte für den Herstellungsprozess unverzichtbar und kurzfristig nicht hinreichend ersetzbar sind.
Für die üblichen Verdächtigen wie seltene Erden, Batterien oder Solarmodule kann man das inzwischen einigermaßen einschätzen. Anders sieht es bei spezifischeren Produkten und Waren aus. Hier liegt das Wissen darüber, ob eine Abhängigkeit wirklich kritisch ist, oft in den Unternehmen selbst.
Für die Politik ist es dagegen schwierig bis unmöglich, dies einzuschätzen. Angesichts der auch von der neuen Bundesregierung verfolgten und auch notwendigen De-Risking-Strategie besteht daher eine gefährliche Wissenslücke, die es zu schließen gilt. Das IW hat dazu zwei konkrete Vorschläge:
Staatliche Taskforce. Es braucht ein (kleines) Analyseteam in einem Ministerium oder einer Bundesbehörde, welches die Risikoanalyse auf der Importseite übernimmt. Weil unternehmerische Geschäftsgeheimnisse gewahrt werden müssen, sollte das Team unter strenger Verpflichtung zur Geheimhaltung in den vertraulichen Austausch mit Firmen gehen, um die nötigen Informationen zu erhalten.
Gesetzesänderung. Zudem wäre es sinnvoll, Paragraf 16 im Bundesstatistikgesetz bald zu ändern, der die Geheimhaltung der Unternehmensmeldungen in der Außenhandelsstatistik regelt. Er verhindert, dass der Staat an die Information gelangt, welche Unternehmen die Warengruppen mit hohen Abhängigkeiten von China importieren. Das sollte in begründeten Einzelfällen möglich gemacht werden, wenn es die Wirtschaftssicherheit erfordert.