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Ab nächstem Jahr gibt`s mehr

Wer besonders wenig verdient, erhält in Deutschland einen Zuschuss zu den Wohnkosten. Die letzte Erhöhung des Wohngelds liegt allerdings schon einige Jahre zurück. Jetzt hat die Bundesregierung beschlossen, dass es ab Anfang 2016 mehr Geld geben soll. Auch die Zahl der Wohngeldberechtigten dürfte deutlich zunehmen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Geringverdiener, Arbeitslosengeld-I-Bezieher und Rentner mit geringen Einkünften haben einen Anspruch auf Wohngeld.
  • Wie hoch das Wohngeld ausfällt, hängt von der Personenzahl im Haushalt, der Höhe des Einkommens und der Miete bzw. der monatlichen Belastung für die Wohnimmobilie ab.
  • 2015 betrug der durchschnittliche Wohngeldanspruch 111 Euro monatlich.
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Vielerorts steigen die Mieten rasant, die Nebenkosten ebenfalls. Doch das Wohngeld, das einkommensschwachen Personen zusteht, ist seit 2009 nicht erhöht worden. Das soll sich Anfang 2016 ändern, denn das Bundeskabinett hat vor wenigen Tagen einen Gesetzentwurf zur Erhöhung des Wohngelds ab kommendem Januar beschlossen. Damit kommen Union und SPD der im Koalitionsvertrag beschlossenen Vereinbarung nach, die Leistungen des Wohngelds zu verbessern.

Das Wohngeld ist eine sozialpolitische Leistung für einkommensschwache Haushalte (vgl. Kasten). Als originäres wohnungsmarktpolitisches Instrument grenzt es sich von der Grundsicherung – also Arbeitslosengeld II oder Hilfe zum Lebensunterhalt – dadurch ab, dass es nicht dazu dient, das Existenzminimum sicherzustellen, sondern zu gewährleisten, dass die Miet- bzw. Wohnkos­ten gezahlt werden können. Da Wohngeld keine verzerrenden Wirkungen auf die Preisentwicklung am Wohnungsmarkt hat und nur an Personen ausgezahlt wird, die wirklich darauf angewiesen sind, gilt diese Leistung als sehr treffsicher und konsistent.

Grundsätzlich ist das Wohngeld so konzipiert, dass die Miet- bzw. Wohnkostenbelastung der Haushalte, die wohngeldberechtigt sind, zumutbar bleibt. Dies ist derzeit vor allem in vielen Großstädten nicht mehr gewährleistet. Zwar werden regionale Mietunterschiede durch sechs Mietenstufen berücksichtigt, die sich in gestaffelten Höchstbeträgen niederschlagen – jedoch sind diese schon lange nicht mehr aktuell.

Aufgrund des Reformstaus verliert das Wohngeld deshalb Jahr für Jahr an Reichweite und an Zielgenauigkeit:

Erstens deshalb, weil sich Wohnungsmärkte regional völlig unterschiedlich entwickeln, sodass nicht alle Wohngeldbezieher gleichermaßen von dieser Leistung profitieren.

Zweitens erfährt das Wohngeld jedes Jahr einen inflationsbedingten Kaufkraftverlust.

Und drittens schrumpft die Zahl der Empfänger durch einen Fehler im System: Da die Regelsätze der Grundsicherung – im Gegensatz zum Wohngeld – seit dem Jahr 2009 jährlich automatisch angehoben werden, wechseln jedes Jahr zwangsläufig Tausende private Haushalte vom Wohngeldbezug in die Grundsicherung.

Hinzu kommt, dass dem Thema Wohngeld in der Öffentlichkeit vergleichsweise wenig Beachtung geschenkt wird. Das liegt vor allem daran, dass diese Transferleistung zwar für bedürftige, aber nicht für die ganz armen Bevölkerungsgruppen gedacht ist, die erfahrungsgemäß eine höhere mediale Aufmerksamkeit genießen. Auch quantitativ ist die Kluft zwischen diesen beiden Gruppen groß (Grafik):

Im Jahr 2013 bezogen 745.000 Haushalte Wohngeld von insgesamt knapp 1 Milliarde Euro – dagegen erhielten 3,9 Millionen Haushalte eine Wohnkostenübernahme im Rahmen der Grundsicherung, was insgesamt 15,6 Milliarden Euro kostete.

Da ohne Reform die Zahl der Wohngeldempfänger bis 2017 voraussichtlich unter eine halbe Million sinken würde, da die Bezieher sukzessive vom Wohngeldbezug in die Grundsicherung rutschen, hat das Bundeskabinett nun die Erhöhung des Wohngelds beschlossen. Im Zuge der Reform werden ab 2016 zum einen die Leistungen und Höchstbeträge angehoben, sodass unter anderem der Anstieg der Heizkosten berücksichtigt wird. Zum anderen werden die Mietenstufen in den Städten und Gemeinden neu geordnet.

Laut einer Berechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) im Auftrag des Bundesbauministeriums wird die Unterstützung dadurch massiv ausgebaut (Tabelle):

Aufgrund der Reform wird die Zahl der Wohngeldempfänger bereits im Jahr 2016 um rund 325.000 (plus 60 Prozent) steigen, die Wohngeldausgaben werden sich sogar nahezu verdoppeln – auf knapp 1,5 Milliarden Euro.

Wie viel mehr ein einzelner Haushalt infolge der Wohngeldreform erhält, ist unterschiedlich. Für reine Wohngeldhaushalte – also solche, deren Mitglieder alle Wohngeld und keine anderen wohnspezifischen Zuschüsse erhalten – und die bereits heute wohngeldberechtigt sind, wird der Wohnkostenzuschuss ab kommendem Jahr um durchschnittlich 64 Euro auf 160 Euro im Monat steigen. Wer Kinder hat, erhält zudem höhere Zuschläge: Reine Wohngeldhaushalte mit Kindern werden künftig durchschnittlich 88 Euro monatlich mehr erhalten, reine wohngeldberechtigte Haushalte ohne Kinder 53 Euro mehr.

Für alle reinen Wohngeldhaushalte, die es ab Januar 2016 aufgrund der Reform insgesamt geben wird, wird der monatliche Wohnkostenzuschuss durchschnittlich 130 Euro pro Monat betragen.

Insgesamt rechnet das IW Köln mit 237.000 neuen Wohngeldempfängern. Außerdem werden rund 44.000 Hartz-IV-Haushalte sowie weitere 33.000 Haushalte, die bisher auf die Grundsicherung im Alter angewiesen waren, sowie 9.000 Mischhaushalte ins Wohngeldsys­tem wechseln.

Damit aufgrund der Systemschwächen in Zukunft nicht wieder Zigtausende ungewollt aus der Wohngeldförderung herausfallen, müsste das Wohngeld allerdings regelmäßig innerhalb kurzer Zyklen angepasst werden. Am besten geeignet wären eine gesetzlich verankerte Wohngeld-Indexierung und die Neufestlegung der Mietenstufen in einem festen, zeitnahen Rhythmus.

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