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83 Millionen Einwohner in Deutschland

Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln hat seine vor knapp einem Jahr erstmals veröffentlichte Bevölkerungsprognose mit den neuen Daten zur Zuwanderung aktualisiert. Das Ergebnis stellt sämtliche bisherigen Erwartungen auf den Kopf: Deutschland wächst wieder.

Kernaussagen in Kürze:
  • In den Jahren 2014 und 2015 sind netto fast 1,7 Millionen Menschen nach Deutschland eingewandert.
  • Um dieser Rekordzuwanderung und der weiterhin überdurchschnittlichen Zuwanderung Rechnung zu tragen, hat das IW Köln seine Bevölkerungsprognose aktualisiert.
  • Das Ergebnis: Deutschland wächst bis 2035 auf mehr als 83 Millionen Einwohner – die Alterung der Gesellschaft wird aber kaum gestoppt.
Zur detaillierten Fassung

Im vergangenen Jahr ging das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) wie alle Bevölkerungsexperten noch mit Fug und Recht davon aus, dass Deutschlands Einwohnerzahl künftig sinken wird (vgl. iwd 29/2015). Seitdem ist viel passiert – in der Welt, im Land, aber auch in den Statistiken:

Im Jahr 2015 sind netto, also abzüglich der Auswanderer, 1,1 Millionen Menschen nach Deutschland eingewandert – so viele wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik.

Bereits 2014 waren unterm Strich 550.000 Menschen nach Deutschland gezogen – und schon das war eine weit überdurchschnittliche Dimension der Zuwanderung.

Binnen zwei Jahren verzeichnete Deutschland somit gut 1,6 Millionen neue Bürger. Darin nicht einmal enthalten sind jene 300.000 bis 400.000 Flüchtlinge, die zwar schon 2015 nach Deutschland gekommen sind, ihre Asylanträge aber erst in diesem Jahr stellen werden.

Insgesamt rechnet die Bundesregierung für die Jahre 2015 bis 2020 mit 3,6 Millionen Flüchtlingen. Hinzu kommen noch die üblichen Migranten in den Arbeitsmarkt und die hiesigen Bildungssysteme, beispielsweise Studierende. Selbst wenn ein Teil der Zugewanderten das Land wieder verlässt, weil Asylanträge nicht anerkannt werden oder sich die politische und wirtschaftliche Lage in den jeweiligen Heimatländern bessert – die Zuwanderung wird noch eine ganze Weile hoch bleiben und den demografischen Wandel stark beeinflussen.

Rekordzuwanderung bringt Deutschland neue Einwohner

Während das Statistische Bundesamt jedoch noch darauf verzichtet, die Annahmen der Szenarien für seine Bevölkerungsvorausberechnung entsprechend anzupassen, hat das IW Köln die aktuellen und erwarteten Zuwanderungszahlen in seine Prognose eingespeist. Abgesehen von den methodischen Unterschieden (Info unten) liegt die entscheidende Diskrepanz zwischen IW Köln und Statistischem Bundesamt in der Größenordnung der Zuwanderung:

Laut IW-Berechnung gewinnt Deutschland von 2014 bis 2035 insgesamt 7,9 Millionen neue Bürger aus dem Ausland dazu.

Das Statistische Bundesamt veranschlagt dagegen in jenen beiden Bevölkerungsszenarien, die politischen Entscheidungen häufig zugrunde gelegt werden, für denselben Zeitraum gerade einmal 3,8 Millionen beziehungsweise 5,8 Millionen Zuwanderer netto.

Die neuen IW-Zahlen stellen die bislang erwarteten Bevölkerungstrends auf den Kopf:

Im Jahr 2035 wird Deutschland voraussichtlich etwa 83 Millionen Einwohner haben – rund 1,2 Millionen mehr als heute.

Die nach wie vor gültigen Vorausberechnungen des Statistischen Bundesamts unterschreiten die IW-Werte für das Jahr 2035 in Szenario eins um mehr als fünf Millionen Einwohner und in Szenario zwei um rund drei Millionen.

Sogar wenn man gewisse Prognose-Unsicherheiten einbezieht, wird Deutschland nach den IW-Berechnungen im Jahr 2035 mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit zwischen 80,8 und 85,5 Millionen Einwohner haben. Das heißt, dass die beiden meist genutzten Bevölkerungsszenarien des Statistischen Bundesamts nach allen heutigen Erkenntnissen zur künftigen Zuwanderung eher unwahrscheinlich sind.

Die Alterspyramide verformt sich nur leicht

Doch können die Zuwanderer auch Deutschlands umlagefinanzierte soziale Sicherungssysteme auffangen, die durch die Alterung der Gesellschaft schwer in Bedrängnis geraten? Wohl eher nicht: Zwar ist das Gros der Flüchtlinge zwischen 20 und 30 Jahre alt und wird – sofern die Integration in den Arbeitsmarkt gelingt – auch Sozialversicherungsbeiträge zahlen. Da die Zuwanderung aber nicht auf dem gegenwärtigen Niveau bleiben wird, bekommt die Alterspyramide 2035 lediglich eine kleine Beule bei den 40- bis 50-Jährigen, wird in den jüngeren Jahrgängen aber wieder schmaler.

Diese Zuwanderungsausbuchtung in der Bevölkerungspyramide reicht nicht aus, um die Renten der geburtenstarken Jahrgänge von 1955 bis 1969 zu finanzieren.

Die Methodik: Der Unterschied zwischen Vorausberechnung und Prognose

Vier Faktoren bestimmen den demografischen Wandel: die aktuelle Einwohnerzahl, die Geburten, die Sterbefälle und die Nettomigration, also die Differenz aus Zu- und Abwanderung. Damit rechnet sowohl das Statistische Bundesamt als auch das IW Köln. Doch während die amtlichen Statistiker daraus verschiedene Szenarien entwickeln, die alle gleichermaßen wahrscheinlich sind, nutzt das IW Zeitreihenmodelle und kommt so zu einer Bevölkerungsentwicklung mit mathematisch bestimmten Schwankungsbreiten. Dieses Bild von der Zukunft ist nicht nur plausibel, sondern auch weniger subjektiv, weil es aus der Vergangenheit abgeleitet ist.

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